1775_Nicolai_080_130.txt

möglichster Vorsicht zu hinterbringen.

Er störte sie in einer sehr glücklichen Lage; denn da sie ihre heutige Überlegenheit über Sebaldus vermerkte, hatte sie ihn warmgehalten und war jetzt eben im Beweise begriffen, dass die dritte Posaune in der Apokalypse86 die Indifferentisten bedeute, welche von Erbsünde und Wiedergeburt nichts wissen wollen und dadurch eine bittere Religionsmengerei verursachen, wogegen Sebaldus, der aber gar nicht zum Worte kommen konnte, vermeinte, dass gewiss dadurch die französischen Ateisten angedeutet würden, welche die ersten Quellen der menschlichen Glückseligkeit vergiften.

Der Freiwerber raunte der Frau Gertrud die unglückliche Nachricht ins Ohr, wodurch sie aus aller Fassung gebracht ward. Sie fiel beinahe in Ohnmacht, kam wieder zu sich, ward in ihren Wagen gepackt und nach haus gefahren.

Der Herr von Haberwald machte sich mit noch ein paar Flaschen vollends fertig und ward in ein Bette gebracht, um seinen Rausch auszuschlafen. Seine Pferde aber, die nüchterner waren, gingen mit Rambold nach haus.

Des alten Säuglings Nerven, keiner Anstrengung gewohnt, waren durch die mannigfaltigen begebenheiten dieses Tages dermassen erschüttert, dass er sich halb betäubt auf seinen Sorgestuhl warf. Gleichwohl sollte er noch nicht zur Ruhe kommen; denn der junge Säugling stellte ihm, wider alles Vermuten, Marianen vor. Beide warfen sich ihm zu Füssen. Sein Sohn, mit der grössten Heftigkeit flehend, in ihre Verbindung zu willigen; Mariane, mit Tränen versichernd: sosehr sie seinen Sohn liebe, werde sie doch ohne seine Einwilligung nie demselben ihre Hand geben. Ihr Vater bestärkte sie in diesem Entschlusse und setzte beiläufig den Undank ins Licht, dessen sie beide sich sonst schuldig machen würden.

Der alte Säugling hob Marianen auf, versicherte sie, dass er sie und ihren Vater hochachte, aber ihre Heirat mit seinem Sohne nicht zugeben könne. übrigens bat er alle, ihn nur heute ruhig zu lassen; denn er könne nun kein Wort weiter sagen.

Der Abend nahte heran, und die ganze Hausgenossenschaft ging beizeiten zu Bette; aber niemand schlief ruhig als der Herr von Haberwald, welcher im Dunste des lüttichschen Burgunders nach Herzenslust schnarchte.

Der alte Säugling schlief nicht, weil ihm der Querstrich mit der Jungfer Anastasia im kopf lag und weil er gar nicht absehen konnte, wie er seinen lieben Sohn zufriedenstellen sollte. Er konnte leicht erachten, derselbe werde von seiner Liebschaft nicht so leicht ablassen, und er konnte sich doch auch nicht entschliessen, in die Heirat seines einzigen Erben mit einem armen Mädchen zu willigen. Nach langem Hinundhersinnen wollte ihm nichts Bessers beifallen, als dass er seine väterliche Autorität zusammennehmen und seinem Sohne rundheraus sagen müsse: aus der Sache werde nichts. Nachdem er diesen Entschluss genommen hatte, ward er etwas ruhiger und schlief endlich ein.

Sebaldus konnte nicht einschlafen, weil ihm Marianens misslicher Zustand am Herzen lag. Doch war an seiner Unruhe auch nicht wenig schuld, dass die Frau Gertrud seine Erklärung der dritten Posaune so schnöde verworfen hatte. Er fing an, sich die Gründe für seine Meinung ausführlich zu wiederholen. Je mehr er darüber nachdachte, desto richtiger fand er sie und desto mehr beruhigte er sich über den Widerspruch der ungelehrten Frau, so dass er endlich einschlief.

Der junge Säugling und Mariane hatten jedes für sich eine schlaflose Nacht, und zwar aus einerlei ursache: nämlich weil sie verliebt waren und weil ihrer Liebe ein beinahe unübersteigliches Hindernis im Wege lag. Sie beschäftigten sich, jeder besonders, wer weiss wieviel spanische Schlösser in die Luft zu bauen, und taten darüber bis an den hellen Morgen kein Auge zu.

Dritter Abschnitt

Des folgenden Tages erschien Säugling der Sohn ungerufen sehr früh beim Teetische seines Vaters. Seine heftige leidenschaft hatte nun einiger Überlegung Raum gegeben. Er sah ein, dass ohne seines Vaters Einwilligung nichts auszurichten sei, und suchte ihn nun auf irgendeine Art zu bewegen. Er hatte ausgerechnet, dass sein Vater ihn liebe und sonst eben nicht allzu standhaft sei. Er suchte also die Nacht über alle schwache Seiten auf, die er seinem Vater abgewinnen könnte, und griff ihn diesen Morgen mit einer Inbrunst und Beredsamkeit an, die er für unwiderstehlich hielt.

Er betrog sich aber. Der Vater runzelte, seinem genommenen Entschlusse gemäss, die Stirn und gebot ihm in einem verdriesslichen Tone, von dieser Sache kein Wort mehr zu reden, weil es sich für ihn nun einmal nicht schicke, ein Mädchen ohne alles Vermögen zu heiraten.

Der Sohn wollte Einwendungen machen, aber der Vater setzte trockenerweise hinzu, die Sache sei so klar, dass er Marianens eignen Vater zum Schiedsrichter annehmen wolle.

Sebaldus fiel ihm völlig bei. Der junge Säugling, dem, trotz seiner schönen Rede, wovon er sich die kräftigste wirkung versprochen hatte, von beiden zukünftigen Schwiegervätern seine Braut abgesprochen wurde, stand starr da wie eine Bildsäule.

Der alte Säugling ersuchte den Sebaldus, die Zeitungen zu lesen, um nur von diesem unangenehmen Diskurse abzukommen.

Nachdem verschiedene Nachrichten durchgelaufen waren, kam Sebaldus endlich auf folgende Stelle:

"Bei der ***sten Ziehung der Königlichen ***schen privilegierten Zahlenlotterie, welche den ***ten dieses Monats mit gewöhnlichen Formalitäten öffentlich vollzogen worden, sind die Nummern 33, 42, 12, 66, 6 aus dem Glücksrade gekommen."

"Lass sehen", rief der alte Säugling, indem er seine Lose aus dem Schranke holte und nachsah, "wahrhaftig wieder nicht eine einzige Zahl. – Der verdammte 'Arabische Lotteriewahrsager'! – Und doch sind mir die Nummern so bekannt, ich dächte, ich hätte sie raten müssen. – Wie ist