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oder herunterzuneigen. Seine hände, die etwas länger waren, als sie hätten sein sollen, hielt er mehrenteils gerade vor sich weg und bewegte sie wellenförmig wie ein Schwimmender im wasser. Sein gang war abgemessen und bedächtlich, als wenn er sich fürchtete, auf etwas zu treten; und wenn er sprach, welches nie ohne Not geschah, war seine stimme allezeit einen halben Ton höher gestimmet als anderer Leute stimme und hatte dabei etwas Quäkendes, dass man glaubte, einen Star zu hören. Er liess sich durch den Bauer, der ihn gefahren hatte, anmelden, stieg nach empfangener Antwort langsam aus dem Wagen und schritt fort, bis er ins Zimmer kam, wo ihn Sebaldus und Mariane empfingen.

Er legte seinen Hut vor seinen Bauch und beide hände in den Hut, grüsste die Anwesenden mit einem halbtiefen Bücklinge, ohne Haupt und Füsse zu bewegen und ohne ein Wort zu sprechen, setzte sich, und nach verschiedenen Hem! Hem! liess er sich folgendermassen aus: "Da ich den göttlichen Beruf erhalten habe, die Seelen dieses Dorfs als ein treuer Hirte zu weiden, so wird es dann wohl nötig sein, dass mir dieses Pfarrhaus als meine künftige wohnung sogleich geräumet werde, sintemal ich entschlossen bin, mein Amt unverzüglich anzutreten und zu dem Ende noch anheute auf meine nächstens zu haltende Antrittspredigt zu studieren." Sebaldus stellte ihm vor, dass es unmöglich sein würde, das Haus zu räumen, um soviel mehr, da seine Frau diese Nacht krank geworden wäre. Tuffelius antwortete sehr trocken: "Die dem Herrn in person vorgelesene Sentenz entält deutlich, dass er die Pfarrwohnung sogleich räumen soll, und es muss jeder Christ der Obrigkeit untertan sein, die Gewalt über ihn hat; ich rate also wohlmeinend an, sich zu hüten, dass die Widersetzlichkeit nicht einst zu einem Beispiel müsse angeführt werden, wie die Abweichung von der reinen Lehre auch zuletzt Rebellion wider die Obrigkeit hervorbringt." Sebaldus war durch diese Rede so sehr zum Erstaunen gebracht, dass er den Magister Tuffelius mit starren Augen ansah und stillschwieg. Mariane aber nahm das Wort und sagte mit sanfter und zitternder stimme: "Wir sind nicht willens, uns zu widersetzen, wir sind auch dazu viel zu schwach, wir verlangen nur so viel Zeit, als nötig ist, um eine andere wohnung zu suchen; dazu ist ein Tag zu kurz, zudem ist meine Mutter gefährlich krank geworden. Ein Prediger ist Bote des Friedens, er soll Ruhe, Einigkeit und Wohlwollen befördern. Wollten Sie wohl den Anfang Ihres Predigtamts damit machen, dass Sie eine äusserst schwache Kranke aus dem haus würfen?" Tuffelius, der mit seinen Augen bisher noch immer unverwandt gerade vor sich weg gesehen hatte, richtete sie in einer mit dem Horizonte parallelen Linie gegen Marianens Antlitz, runzelte die Stirn, zog den Mund ein wenig in die Breite und sagte mit etwas lauterer stimme und aufgehobener rechten Hand: "Mulier taceat in rebus ecclesiasticis! Meine liebe Jungfer, ich wäre nicht wert, ein vieljähriger Kandidat des heiligen Predigtamts zu sein, wenn ich die Pflichten dieses hochwichtigen Amts nicht wüsste. Die erste Pflicht desselben ist wohl wahrlich, dass in Rücksicht auf geistliche und göttliche Dinge alle irdische und weltliche Dinge uns gar nicht bewegen müssen. Es würde unverantwortlich sein, die armen verirrten Schafe einen Sonntag über ohne Hirten zu lassen, es ist also meine höchste Pflicht, mich ihrer ohne Verzug anzunehmen und sie bald wieder auf den rechten Weg und auf die gute, gesunde Weide der reinen Lehre zu führen, wovon sie vielleicht leider" (hier seufzte er und tat einen halben blick auf Sebaldus) "ganz ab- und in den stinkenden Sumpf der Heterodoxie geführt worden." Nach vielem Wortwechsel liess sich Tuffelius endlich mit Mühe bereden, damit zufrieden zu sein, dass ihm vorderhand eine stube eingeräumet würde. Er begab sich sofort in dieselbe und schrieb einen langen Brief, womit er den Bauer, der ihn gefahren hatte, zurücksendete, legte Lankischens Konkordanz, die er im Koffer mitgebracht hatte, auf den Tisch und fing an, den Faden seiner Anzugspredigt zu spinnen.

Sebaldus, Wilhelmine und Mariane hatten sich immer bloss auf ihr Recht verlassen und sahen nunmehr zu spät ein, dass, so gut eine Sache auch ist, dennoch eine mächtige Protektion zu einem vorteilhaften Ausschlage nie überflüssig sein werde. Wilhelmine erinnerte sich des Hofmarschalls und des Grafen von Nimmer und glaubte, diese bedeutenden Patrone würden sie gewiss nicht verlassen haben, wenn man sie um Hilfe ersucht hätte. Da sie bei der Schwachheit ihres Körpers nichts von der Lebhaftigkeit ihres Geistes verloren hatte, so fing sie an, wieder Hoffnung zu hegen, dass durch mächtige Vorworte vielleicht ihr Schicksal noch könnte geändert werden. Sie beredete endlich ihren Mann, nach der Stadt zu gehen und bei seinen Gönnern Hilfe zu suchen. Man kam ferner überein, die Pfarrwohnung sollte nicht freiwillig geräumet werden, und Wilhelmine wusste viele zureichende Gründe anzuführen, warum keine Gewalt zu befürchten sei. Solange man nur im Besitze wäre, glaubte sie, könnte noch wohl die Absetzung zu hintertreiben sein. Mit solchen Überlegungen beschäftigten sich beide Betrübten bis auf den Abend, da sie sich etwas beruhigt niederlegten. Ebendies tat auch Tuffelius, nachdem er mit lauter stimme seinen Abendsegen abgelesen und ein Abendlied von zehn Versen gesungen hatte; wir wissen aber nicht genau, ob es "Der Tag hat sich geneiget" oder "Nun sich der Tag geendet hat" gewesen sei.

Fünfter Abschnitt

Den andern Morgen früh mit