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wie er sich gegen die Frau Gertrud und deren Tochter betragen sollte, die mittags erwartet wurden und von dem grossen Hindernisse der gemeinschaftlichen Absichten noch gar nichts ahnen konnten. Indes ward ihm ein teil dieser Verlegenheit benommen, da die Jungfer Anastasia nicht erschien. Entweder Säuglings Gedichte oder die Furcht und Hoffnung wegen seiner Entschliessung oder andere Ursachen mochten auf ihre zarten Nerven allzu stark gewirkt haben. Sie war denselben Morgen mit Kopfweh, Übelkeiten und Zittern der Glieder befallen worden, eine Krankheit, weswegen ihre Mutter in ziemlichen Sorgen zu sein schien.

Kurz nachher kam auch der junge Säugling mit seiner Gesellschaft an. Mariane ward indes in Sebaldus' Zimmer geführt, bis man dem Alten den Vorgang berichten konnte.

Bei Tische war die ganze Gesellschaft nicht sonderlich aufgeräumt. Alle suchten ihre innerliche Verlegenheit zu verbergen und dachten ihren besonderen Entwürfen nach. Nach Tische zog der Feind der Frau Gertrud den alten Säugling in das Fenster eines Nebenzimmers, wo sie bald in ein tiefes Gespräch über die Heiratssache gerieten. Der junge Säugling schlich sich, ohne dass jemand darauf achtatte, zu seiner Mariane; und die Frau Gertrud blieb mit Sebaldus auf einem Kanapee sitzen, weil sie sich heute vorgenommen hatte, die wichtige Lehre von dem geistlichen Verderben der menschlichen natur mit ihm aus dem grund abzuhandeln. Sebaldus hatte in allen vorigen Disputen der menschlichen natur Kräfte zur Besserung zugestanden, die Frau Gertrud aber schrieb hierbei alles der Gnade zu. Sie war schon einigemal vom Sebaldus mit verschiedenen Argumenten ziemlich eingetrieben worden, heute aber hatte sie sich vorbereitet, ihn schlechterdings daniederzuschlagen. Da das Geschnatter einer Religionskontroversistin, zumal sobald es zu einer gewissen Stärke kommt, schwer zu überwältigen ist und da der gute Sebaldus ohnedies von Marianens kritischer Lage den Kopf voll hatte, so konnte dieses Mal die Frau Gertrud viel leichter gewonnenes Spiel haben. Sie hieb also alle menschliche Tugenden unbarmherzig nieder, um der Gnade daraus ein Siegeszeichen zu errichten. Sie erzählte mit geläufiger Zunge alle Wunder, die an unwiedergebornen Menschen, im Leben und auf dem Todbette, je haben durch die Gnade verrichtet sein sollen. Sie plünderte die düstern Schriften eines Hans Engelbrecht, Gerber, Reiz, Bogatzky und anderer; und zuletzt, weil doch jeder Heiliger gern ein Wunder von seinem eignen Machwerke zu haben pflegt, erzählte sie, dass in dem wirtshaus, ihrer wohnung gegenüber, ein junger Fähnrich im Quartier liege, der zwar immer ein natürlich guter, aber doch ein unwiedergeborner Mensch gewesen sei; nachdem er nun aber, seit länger als einem halben Jahre, die Erbauungsstunden besucht habe, die sie in ihrem haus halte, sei er von der Gnade so kräftig ergriffen worden, dass sie seine merkwürdige Bekehrungsgeschichte aufgezeichnet und nach Magdeburg geschickt habe, wie sie in das geistliche Magazin, den Ungläubigen zur Beschämung, eingerückt werden solle.

Unter diesen Gesprächen fuhr ein Wagen vor die tür, aus welchem der Herr von Haberwald halbbetrunken heraustaumelte. Die Frau Gertrud wollte mit solchem Weltkinde nichts zu tun haben, liess sich also vom Sebaldus in den Garten führen, ehe der Herr von Haberwald heraufkam. Dieser, nachdem er sich mit einer Flasche Wein erfrischt hatte, legte sich in den Lehnstuhl und fing an zu schwatzen:

"Ich komme da vom Landtage zurück, wo der Sechsundzwanziger geflossen ist, und dann hatte der Prälat von *** ein Öhmchen Neuner, so just für 'nen Kenner. Doch haben wir auch übers Landes Beste die Köpfe zusammengesteckt; denn so wahr ich lebe, Nachbar Säugling, was mich betrifft, ich bin weise wie Sankt Paulus, wenn ich getrunken habe. – Ja nun, was wollte ich doch sagen ... der Landtag war aus; so muss man doch auch 'n bisschen sehen, wie's zu haus aussiehtso fahren wir denn zurück, und ich komme heute um halb elfe nach ***, da hab ich im, 'Roten Löwen' bei dem putzigen Wirte mit der Stumpfnase gegessen. Der Kerl hat Burgunder so gut wie in Lüttich. Force! Feuer! Wer ihn nicht versteht, den wirft er untern Tisch. – Ja was wollte ich doch sagen ... Gegenüber wohnt, du weisst's, Nachbar Säugling, die alte reiche Hexe, die Gertrud; mit einem Male, wie wir im besten Trinken sind, wird ein Lärm im haus, die Leute laufen vor der tür zusammen und wir ans Fenster ..."

"Wieso?" fragte der Freiwerber. "Es war doch wohl nicht Feuer im haus?"

"Ei, warum nicht gar! Aber vor neun Monaten mag wohl Feuer gewesen sein, da kriegt nun die Tochter jetzt 'nen Zufall ... Hi! Hi! Und die Mutter ist nicht 'nmal zu haus, drüber wird 'n Aufruhr, 's Mädchen holt 'n Doktor, ja, der tut's noch nicht. 'He', schrie Stumpfnase und wies mir 'n alt Weib auf der Strasse, 'da haben sie Mutter Ilsen von der andern Ecke geholt, die wird's in Gleis bringen; und der Fähnrich, der bei mir im Quartiere liegt, ist auch schon herübergeschlichen.' – Ei, dass dich übern Fähnrich, wenn doch unsereiner auch 'nmal so im Quartiere läge!"

Hierbei schlug Haberwald eine wiehernde Lache auf; und der Freiwerber, dem sich während der ganzen Erzählung die Kinnbacken verlängert hatten, eilte in den Garten, um der Frau Gertrud diesen für ihre Absichten so verdriesslichen Vorfall mit