dem Sebaldus keinen Zweifel mehr übrigliessen. Sebaldus bat den Alten, ihn sogleich zu seiner Tochter fahren zu lassen; der junge Säugling bat seinen Vater fussfällig, dass er mitfahren dürfe. Dieser bewilligte endlich beides, nur mit dem Bedinge, dass sie zur Mittagsmahlzeit wiederkämen und dass sie sich gegen die Frau Gertrud und ihre Tochter von allem Vorgefallnen nichts sollten merken lassen, wodurch er sich wenigstens aus seiner heutigen Verlegenheit zu ziehen hoffte. Der junge Säugling sprang gleich fort, um selbst die geschwinde Anspannung eines Wagens zu besorgen. Unterdes verlangte Säugling der Vater vom Sebaldus einen Handschlag, dass er die Heirat seines Sohnes mit Marianen nicht befördern wolle. Sebaldus gab ihm deshalb ausdrücklich sein Wort; und der alte Herr, der Sebaldus' ehrliche denkart kannte, machte seiner eignen Klugheit insgeheim ein Kompliment, indem er dadurch seinem Sohne einen starken Schritt abgewonnen zu haben glaubte.
Sebaldus fuhr in Gesellschaft des jungen Säugling nach dem haus im wald. Sobald Mariane den Wagen ankommen sah, flog sie ihrem Liebhaber entgegen; er war aber kaum aus dem Wagen gesprungen, als sie ihren Vater erblickte. Allzuviel Freude auf einmal zu ertragen, ist ein menschliches Herz zu schwach. Sie fiel in Ohnmacht. Kaum war sie einigermassen wieder zu sich gekommen, so stürzte sie, mit Wonne ohne Mass, in ihres Vaters arme, welche er mit väterlicher Inbrunst um sie schloss. Aber bald mischten sich traurige Empfindungen in ihre Freude. Ihr Vater hielt ihr seine jetzige Lage gegen den alten Säugling vor. Er gab ihr zu überlegen, ob er nicht dessen Guttätigkeit mit Undank belohnen und die heiligsten Rechte der Gastfreundschaft verletzen müsse, wenn er – wie es allemal scheinen würde, aus Eigennutz – zu ihrer Heirat mit dem jungen Säugling wider des Vaters Willen seine Einwilligung geben wolle. Er erklärte ihr endlich, dass er dem Alten förmlich deshalb sein Wort gegeben habe, und nun forderte er auch von ihr ein ausdrückliches Versprechen, alle Gedanken daran fahrenzulassen.
Marianens innrer Streit war sehr heftig. Sie war noch nie ihrem Vater ungehorsam gewesen, sie fühlte, es würde unedel sein, ihm jetzt in demjenigen nicht zu gehorchen, was er mit väterlichem Ernste und aus guten Gründen verlangte; aber sie fühlte auch, es heisse sich das Herz ausreissen, wenn man dem einzig Geliebten plötzlich ganz entsagen soll. Kindliche Pflicht siegte endlich in der edlen Seele, obgleich, wie Pflicht über leidenschaft allemal: mit Mühe. Sie benetzte ihres Vaters Hand mit Tränen und schwor, nichts wider seinen Willen zu tun, nichts, das ihr und ihm unanständig wäre.
Sie ermahnte selbst Säuglingen, mit einem Strome von Tränen, standhaft zu sein, sie zu vergessen. Aber der hohe Schmerz selbst, womit ihr Auge, bei ihrer grossmütigen Entsagung, auf ihn blickte, beförderte seine Liebe bis auf den höchsten Grad. Er geriet in die heftigste leidenschaft; er schwor zu ihren Füssen, nimmer von ihr zu lassen; er schwor, weder ihr noch sein Vater würden seiner Liebe Hindernisse entgegensetzen; er schloss sie in seine arme und bot der ganzen Welt Trotz, sie von ihm zu reissen. Marianens tränende Bitten, gemischt aus allem, was Liebe Bitteres und Süsses hat, Sebaldus' beweglichste Vorstellungen halfen nichts. Er schloss sie nochmals in seine arme und beteuerte mit den heftigsten Schwüren, sie solle ewig die Seinige sein.
Sebaldus hatte sich noch nie in so unaussprechlicher Verlegenheit befunden. Er liebte sein Kind zärtlich, und doch bewogen ihn Vernunft und Pflicht, ihr zu versagen, was sie glücklich machen würde, wie er wohl einsah; auch war nicht abzusehen, wenn gleich Mariane gehorsamte, wie die heftige leidenschaft des Jünglings zu zähmen sein möchte.
Indes verstrich die Zeit, und Sebaldus, eingedenk des Versprechens, zur Mittagsmahlzeit zurückzukehren, erinnerte Säuglingen an die Abreise. Säugling aber war durch keine Vorstellung zu bewegen, sich von Marianen zu trennen, und schwor abermal, nicht eher zu seinem Vater zurückzukehren, bis er dessen Einwilligung zu seiner Verbindung erhalten hätte. Sebaldus sah endlich, nach vielen fruchtlosen Versuchen, der Jüngling sei jetzt zur Rückreise nicht zu zwingen; und ihn zurückzulassen, hielt er sehr bedenklich, weil sonst in so konvulsivischer leidenschaft heftige unüberlegte Ratschläge zu fürchten waren. Er entschloss sich also in dieser äussersten Verwirrung der Sache (ob er gleich nicht wusste, wie dies der alte Säugling ansehen möchte), seine Tochter mitzunehmen und bei sich zu behalten, weil er vermeinte, auf solche Art den weitern gang dieser Angelegenheit besser zu übersehen und gemeinschaftlich mit dem Alten die zuträglichsten Massregeln ergreifen zu können.
Verliebte sind wie Kinder. Kaum vernahm Säugling des Sebaldus Entschluss, als er von der äussersten Wut zur äussersten Freude überging. Mit seiner Mariane, deren gegenwärtige Trennung von ihm seine leidenschaft als das äusserste Unglück darstellte, nun unter ebendem dach zu wohnen schien ihm das äusserste Glück. Er umarmte den Sebaldus, er küsste dessen Hand, er bat ihn um Vergebung wegen aller unüberlegten Worte, die er in der Wut ausgestossen hatte. Sein Gemüt war plötzlich umgestimmt, vernünftigen Vorstellungen Gehör zu geben; er versprach, sich zu mässigen, versprach, seinen Vater zu schonen, versprach alles; Marianens Gesellschaft überwog alles, füllte seine Seele ganz, liess keinem andern Gefühle Raum.
Sie setzten sich sämtlich in den Wagen und fuhren zurück, äusserlich beruhigt.
Zweiter Abschnitt
Säugling der Vater befand sich in ziemlicher Unruhe, teils weil sein Sohn zur gesetzten Zeit nicht nach haus kam, teils wegen seiner Ungewissheit,