gesehen hattest, so war's dann, als ob dir was fehlte. – Das sah mir doch so ziemlich wie Liebe aus.
Säugling: Liebe? Dies geschah bloss, weil in dieser Einsamkeit kein anderes junges Frauenzimmer zu finden war. Mir ist aber wirklich der Umgang mit einem Frauenzimmer notwendig, damit in meinem Herzen sanfte und gefällige Empfindungen herrschen und in meine Gedichte hinüberfliessen mögen.
Vater: Ei nun, so heirate die Jungfer Gertrud, so wird dir ihr Umgang noch aus einer ursache notwendig. Zeit ist's ohnedies, dass du heiratest.
Säugling: Das ist auch mein Vorsatz, mein bester Vater! Dies war die wichtige Nachricht, die ich Ihnen von meiner gestrigen Reise erzählen wollte. Ich habe sie wiedergefunden, die Göttin meiner Seele, die ich schon lange liebe, die nun auch mich liebt, die meiner ganzen Liebe würdig ist. Jung! Schön! Edel! Verständig! Witzig! Sie lebt eine Meile von hier in einer Schäferhütte im wald, in aller Unschuld des Goldnen Zeitalters! Ihr habe ich ewige Treue geschworen, und nie soll eine andere dies Herz rühren, dies Herz voll von brennendem zärtlichem Gefühle gegen die göttliche Schöne.
Vater: Was redst du da? Was für ein romanhaftes Geschwätz? Eine Göttin, die in einer Hütte lebt? Ei nun ja, die wird freilich auch wohl kein Geld haben, denn das braucht man weder im Himmel noch im Goldnen Zeitalter. – Aber sage mir nur, ist's möglich, dass du mir solche Streiche machst? Gleich sag heraus: Wer ist das Mensch?
Säugling: Aber, lieber Papa! – Aber wirklich – Sie sprechen in Ausdrücken ... von dem edelsten, süssesten Mädchen. – Es ist doch auch nicht ein bisschen ... Sie machen mich wahrhaftig ganz verwirrt.
Vater: So, der Herr Sohn meint, ich brauchte nicht Respekt genug! Gar fein! Wer ist denn also deine Göttin? – Wem gehört sie an?
Säugling: Bester, liebster Vater! Es ist die schönste Seele in dem schönsten Körper, sanft, gut, gefällig ...
Vater: Bester, liebster Herr Sohn! Wem sie angehört? Wer ihre Eltern sind, möchte ich wissen.
Säugling: Sie ist die Tochter eines würdigen Mannes, eines redlichen Predigers, eines unglücklichen Mannes, der von den Feinden vertrieben worden. Sie hat unschuldig viele Verfolgungen ausstehen müssen, die Vorsicht hat sie mir nach langer Abwesenheit wieder zugeführt. Ich habe sie nun, ich liebe sie mit innigster Zärtlichkeit und werde nimmer von ihr lassen.
Der Alte liess vor Schrecken seine Pfeife zu Boden fallen. Den schönen Entwurf, seinen Sohn mit einem reichen Frauenzimmer zu verbinden, den er für ganz ausgemacht hielt, sah er mit einem Male vernichtet; sein Sohn war in ein armes Mädchen vergafft, das, Gott weiss woher, in eine benachbarte Hütte sollte gekommen sein, und was das schlimmste war – denn sein Phlegma stellte sich allemal die nächsten Verlegenheiten als die grössten vor –, er wusste gar nicht, was er mit der Frau Gertrud, mit ihrer Tochter und dem Freiwerber anfangen sollte, die er heute zum Mittagessen gebeten hatte, um den Heiratsantrag zu tun, in der ganz zuverlässigen Voraussetzung, dass sein Sohn nichts lieber wünsche.
Endlich ermannte er sich, um dem Sohne zu beweisen, dass es sich für ihn gar nicht schicke, ein armes Mädchen zu nehmen; und sein Sohn ermangelte nicht, mit vielen Gegengründen darzutun, dass ein Mädchen, die er liebe, das einzige Glück seines Lebens machen werde. In diesem Streite ward die kaltsinnige Ruhigkeit des Vaters bald von der feurigen Heftigkeit des Sohnes betäubt. Da Säugling also merkte, dass sein Vater stiller ward, bekam er mehr Mut und bot alle seine Beredsamkeit auf, um denselben zu überzeugen. Indem er nun mit heller stimme für seine Meinung kämpfte und dabei mit den Händen focht, erblickte der Vater den Ring mit dem flammenden Herzen an der linken Hand seines Sohnes.
"He da!" rief er und nahm ihn bei der Hand: "Lass sehen, Junge! Ich glaube, du hast dich im ganzen Ernste verplempert! Ich will nicht hoffen, dass du den Ring von dem Mädchen hast?"
"Ja, von ihr!" rief der Sohn und küsste den Ring, indem er ihn dem Vater vorhielt. "Sie ist die süsseste Seele, voll Unschuld und Liebe, weiss und glänzend wie diese Steine."
"Wahrhaftig", sagte der Vater bedächtig, indem er den Ring gegen das Fenster kehrte, "der Mittelbrillant ist vom ersten wasser. Höre nur, das Mädchen kann doch wohl nicht ganz arm sein, wenn sie solche Ringe verschenkt. – Sehen Sie, Herr Pastor, einen schönen Stein, einen ausbündigen Stein ...", fuhr er gegen Sebaldus fort, der eben mit den Zeitungen in der Hand hereintrat.
Sebaldus hatte kaum den Stein erblickt, als er voll Erstaunen ausrief:
"Gott! Woher haben Sie den Ring? Er gehört meiner Tochter!"
"Ihrer Tochter?" riefen Vater und Sohn.
"Ich habe den Ring", fuhr der Sohn fort, "von dem besten, edelsten Mädchen, das ich unaussprechlich liebe und ewig lieben werde. Ist sie Ihre Tochter? – Wohl mir! – So ist sie die Tochter eines sehr redlichen Mannes."
Der junge Säugling erzählte einige Umstände, die