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Säuglingen erblickte, sprang sie auf und tat einen lauten Schrei, weil sie glaubte, ein Gespenst zu sehen. Er überzeugte sie aber bald, dass er lebte, da er sie aufs feurigste in seine arme schloss und den ersten Kuss auf ihre jungfräulichen Lippen drückte. Unnennbare Freude zitterte aus beiden in dieser Umarmung, zu innig für alle Beschreibung. Marianens ganze Zurückhaltung zerfloss in diesem Gefühle, wie Eis beim Blicke der Sonne im Mai. Sie schwor, die Seinige zu sein, sie war die Seinige.

In dieser wonnevollen Unterhaltung verstrich eine Stunde, ohne dass sie es merkten. Säuglings Bedienter, der am abgeredeten Orte mit dem Wagen so lange gewartet hatte, ward endlich unruhig, suchte seinen Herrn im wald, fand ihn und erinnerte ihn, nach haus zu fahren.

Siebenter Abschnitt

Säugling langte so spät an, dass er seinen Vater diesen Abend nicht mehr sprechen konnte. Nach einer Nacht voll unruhigen Schlafs liess er bei frühem Morgen seinen Passgänger satteln und ritt ganz allein nach dem haus im wald. Wie ihn Mariane empfangen habe, in deren Herzen nach langem freudelosem Harren die heisseste Liebe wallte, kann nicht beschrieben werden und ist unnötig zu beschreiben. Beide waren im ersten Taumel wechselseitig gestandener Liebe, wo jedes halb gestammelte Wort Entzückung ist und jeder blick ein Gelübde, dass diese Entzückung ewig dauern soll. Ihre gestrige Zusage, einander auf immer treu zu bleiben, ward durch den heissesten Kuss besiegelt. Säugling steckte ihr einen brillantenen Ring an den Finger, der beim Drucke einer kleinen Feder aufsprang und ein Sinnbild entdeckte, mit der Überschrift: Ewig treu. Mariane schenkte ihm ebenden kleinen Demantring in Form eines flammenden Herzens, den ihre Mutter einst ihrem Vater am Tage ihrer Verlobung gab85 und den sie bisher als ein wertes Andenken an ihrem Finger getragen hatte.

Auf diese Art kam der Mittag heran, da sie ein ländliches Mahl unter den bäurischen Glückwünschungen der ehrlichen Hausleute mit herzlicherm Wohlgeschmacke verzehrten, als die teure Küche des liebeentbehrenden Schwelgers gewähren kann.

Erst nachmittags konnte Mariane ihrem Säugling Rambolds Betrug, wovon sie freilich den schändlichsten teil nicht wusste, ausführlich erzählen. In den ersten wonnetrunknen Ausbrüchen der Liebe hatte sie ihn kaum mit wenig Worten berührt. Beide entbrannten über seine niederträchtige Erdichtung, wodurch ihr Glück so lange war zurückgehalten worden. Als ihr Unmut gegen ihn aufs höchste gestiegen war, sahen sie ihn unvermutet selbst ankommen, um einen seiner gewöhnlichen Besuche abzulegen. Er war nicht wenig betroffen, Säuglingen zu finden, und wollte sich erst mit seiner gewöhnlichen Hohnneckerei heraushelfen; da ihm aber sowohl von Säuglingen als von Marianen seine Niederträchtigkeit mit den bittersten Worten vorgeworfen ward, brachte ihn der Zorn darüber und der Verdruss, sein Projekt gänzlich misslungen zu sehen, so ausser aller Fassung, dass er unversehens und fast ehe Säugling sich in Verteidigung setzen konnte, mit blossem Degen über ihn herfiel. Mariane warf sich zwischen beide; aber vielleicht würde dies dem erbosten Rambold doch nicht Einhalt getan haben, wenn nicht der alte Hauswirt, welcher ein Zeuge dieses Auftritts war, der auf einem grünen platz vor dem haus vorging, mit einer Wagenrunge so wirksam nach Rambolds Schulter gefahren wäre, dass dieser sein Schwert einsteckte und unter vielen Flüchen sein Pferd wieder bestieg und davonjagte.

Dieser Vorfall unterbrach in etwas das Vergnügen des Tages; als sich aber Mariane von ihrem Schrecken erholet hatte, ward er ein Quell noch zärtlicherer Empfindungen. Beide verloren sich in der Vorstellung des Glücks einer ewigen Verbindung, wozu Säugling, als er spät gegen Abend endlich Abschied nehmen musste, die Einwilligung seines Vaters in möglichster Geschwindigkeit zu erlangen versprach.

Neuntes Buch

Erster Abschnitt

Des andern Morgens liess Säugling der Vater, welcher schon den ganzen vorigen Tag mit Ungeduld nach seinem Sohne gefragt hatte, denselben sehr früh zum Tee rufen.

"Ich fürchte mich", sagte der Alte, "du möchtest mir sonst heute wieder wegreisen wie gestern."

"Ich möchte auch wohl", versetzte der Sohn, "nur erst muss ich Ihnen von meiner gestrigen Reise wichtige Dinge erzählen, bester Vater!"

Vater: Lass sein! Ich habe dir noch viel wichtigere Dinge zu sagen. Hör nur, ob du gleich meinst, du machst alle deine Dinge so heimlich, dass es niemand merkt, so hab ich dir's doch lange angesehen, dass du eine Zuneigung zur Jungfer Gertrud hast. Ich habe sie heute nebst ihrer Mutter zu Mittage gebeten. – Nun, wie wär's, wenn ich für dich heute um sie anhielte? He?

Säugling (erstaunt): Aber, liebster Vater! Wie können Sie darauf kommen, dass ein Mensch von Talenten mit einem einfältigen, ganz unkultivierten Mädchen sein ganzes Leben werde zubringen wollen? Welche Gesellschaft für einen Geist wie ich!

Vater: Einen Geist wie du? Da schweben wir wieder oben im hohen Himmel! Aber glaube mir, hienieden kenne ich für einen Müssiggängerund das bist du doch wohl –, der wohl zeitlebens nicht auf eine Entreprise denken wird, keine bessere Gesellschaft als fünfzigtausend Taler, und die wird die Jungfer Gertrud einmal wohlgezählt von ihrer Mutter erben. Hörst du! Fünfzigtausend Taler!

Säugling: Nein! Reichtum kann mich nicht glücklich machen. Mich, zum Umgange mit Musen und Grazien gewöhntnur Liebe, überschwengliche Liebe ...

Vater: Und wie überschwenglich muss dann die Liebe sein? Ihr wart doch beständig gern beieinander, hattet auch immer was zu flüstern, und wenn du die Jungfer Anastasia acht Tage lang nicht