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die bald in seinen Augen die unverstellten Merkmale des Wohlgefallens las, glaubte sichere Zeichen ihres geheimen Sieges zu finden und ihrem wohlmeinenden Zwecke, aus einem weltlichen Jünglinge einen frommen Ehemann zu bilden, ziemlich nahe zu sein.

Doch da sie nun mit stillem Herzklopfen einer zärtlichen Erklärung entgegensah, liess sich Säuglingweit gefehlt, dass er seiner einzig geliebten Mariane nur einen Augenblick hätte untreu werden sollendurch ihre anmutige Vertraulichkeit zu nichts anders bewegen, als dass er einige von seinen Lieblingsliedern über die Freuden des Lebens aus der tasche zog, die er sich bisher noch nicht getrauet hatte, ihr vorzulesen. Sie hörte sie an, mit völliger Ergebung in ihr Schicksal. Bei feinen Gedanken, die sie nicht verstand, sah sie freilich ein wenig dämisch aus; aber dies ward durch das sanfte Lächeln vergütet, welches zugleich diente, ihre schönen Zähne und die Grübchen in ihren runden Wangen zu zeigen. Bei verliebten Stellen errötete sie nicht gleich wie sonst, sondern schlug die Augen seitwärts auf, mit einem Blicke zwischen Verschämteit und sehnsucht, und wenn sie dann im Herabsinken dem auf ihren Beifall gierigen Blicke Säuglings begegneten, stieg ein sanftes Rot auf ihre vollen Wangen, indem ihre Augen nochmals furchtsam aufblinzten.

Indem dieses vorging, hatte sich ein mitgebetener Freund der Frau Gertrud des alten Säugling bemächtigt und ihn nach Tische ebenfalls in eine andere Gegend des Gartens geführt. Er brachte, ungezwungnerweise, das Gespräch auf die Jungfer Anastasia und breitete sich ausführlich über das grosse Heiratsgut aus, das sie zu gewarten habe. Er erzählte zugleich, es hätten sich schon viele Partien gefunden, die aber, weil sie Weltkinder gewesen, von der Frau Gertrud wären abgewiesen worden, bis sich kürzlich erst ein annehmlicher Bräutigam, sogar ein Edelmann, gefunden hätte, dessen Ansuchen jetzt wirklich in Erwägung gezogen würde.

Diese Nachricht tat auf den alten Säugling die begehrte wirkung. Er ward etwas still, blies einige Minuten lang den Rauch aus seiner Pfeife langsamer von sich und fragte, so gleichgültig als er konnte, ob denn der bewusste Bräutigam schon das Jawort erhalten habe.

"Bis jetzt noch nicht", sagte der Freund des Hauses, "die Sache ist noch in Überlegung und verdient sie."

"Ich wünschte", sagte der alte Säugling, nachdem er wieder einige Minuten pausieret hatte, "dass ich eher etwas davon gewusst hätte; denn ich muss gestehen, dass ich die Jungfer Anastasia immer für eine schickliche Partie für meinen Sohn gehalten habe."

Der Hausfreund versicherte, dass hierbei noch nichts verloren wäre; man sei mit dem andern Bräutigam auf keine Weise gebunden, und obgleich derselbe ein rechtes frommes Gnadenkind geworden, so sei er doch ein Mann von stand und ein Offizier, und man wisse wohl, dass Leute dieser Art am leichtesten in Rückfall geraten könnten; daher werde die Frau Gertrud seinem Sohne gewiss den Vorzug geben, nur müsse er, wie leicht zu erachten, sich sehr bald deshalb erklären.

Der alte Säugling ward über diese Nachricht ungemein vergnügt und versicherte, er werde morgen unverzüglich mit seinem Sohne reden, welcher ihm schon längst eine besondere Neigung zur Jungfer Anastasia zu haben schiene; und da er gar nicht zweifelte, derselbe werde zu dieser Heirat die grösseste Begierde zeigen, so nahm er zugleich mit dem Hausfreunde die Abrede, dass dieser nebst der Frau Gertrud und ihrer Tochter auf den übermorgenden Tag zum Mittagsessen gebeten werden solle, damit alsdann der erste Antrag geschehen und vielleicht gar die Sache gleich in Richtigkeit gebracht werden könne. Der Freund der Frau Gertrud bestärkte den alten Säugling sehr in diesem Vorsatze und fuhr fort, ihm über das Vermögen derselben eine ausführliche Auskunft zu geben nebst andern dahin einschlagenden, dem Alten ungemein angenehmen Gesprächen. Es entspann sich daher zwischen beiden eine wechselseitige Vertraulichkeit, und sie hatten einander so viel zu sagen, dass, als gegen Abend die Zeit zur Abfahrt herankam, der alte Säugling sich ohne Umstände in den Wagen des fremden Herrn setzte, damit sie in ihrem gespräche fortfahren und ihre Ratschläge und Entwürfe ferner ins reine bringen könnten.

Der junge Säugling fuhr also ganz allein. Dieser war durch die Lieblichkeit der Jungfer Anastasia und durch den Weihrauch, den sie seinen Gedichten angezündet hattedenn er hielt ihr Seufzen und Erröten bloss für eine starke wirkung seiner Gedichte –, in die wohlgefälligste Laune gesetzt worden. Es war einer der schönsten Sommerabende. Er stieg daher aus dem Wagen, als der Weg neben einem wald vorbeiging, um im Grünen zu spazieren. Der Kutscher beschrieb ihm einen Fusssteig, der nach einer Viertelmeile wieder aus dem wald herausführe. Dahin ward der Wagen beschieden, und Säugling ging in das Gebüsch, um, mit der Schreibtafel in der Hand, unter den Einflüssen der schönen Gegend einer Szene in seinem empfindsamen Romane nachzudenken.

Er war schon eine geraume Zeit in aller Wollust der Autorempfängnis fortgewandelt, als er, ungefähr dreissig Schritte vom Fusssteige ab, im wald einen angenehmen Gesang zu hören glaubte. Noch mehr ward er aufmerksam gemacht, da ihm die Melodie bekannt war; noch mehr, da es ihm bei näherm Hinzugehen eines seiner Lieder zu sein schien; noch mehr, da ihm die stimme wie Marianens stimme vorkam. Er eilte durch das Gesträuch. Es war wirklich Mariane, die bei ihrem gewöhnlichen einsamen Abendspaziergange sich am Ufer des kleinen Baches niedergesetzt hatte, um ihren schwermütigen Gedanken über ihren geliebten, ihr so frühzeitig geraubten Säugling nachzuhangen, und in diesem süssen Staunen ein von demselben ehemals an sie gerichtetes Lied sang.

Als sie