1775_Nicolai_080_124.txt

zwar hauptsächlich zu seinem eigenen Vorteile zu nutzen. Weil er wusste, wieviel leichter es ist, auf gutmütigen Menschen zu reiten als pfiffige Kunden zu überlisten, und weil er von natur ein ehrbares und bedächtiges Ansehen hatte, so trieb er sein Wesen hauptsächlich unter verschiedenen entusiastischen und separatistischen Religionsparteien. Er fügte sich ganz in ihre Einrichtungen, drang sehr geflissentlich in die ihnen am Herzen liegenden Glaubenspunkte ein, besorgte ihre Angelegenheiten, korrespondierte mit den entfernten Brüderschaften und verteilte ihre Almosen. So hatte er sich lange bei den Herrnhutern aufgehalten und war nur erst alsdann von ihnen geschieden, da man ihn über gewisse Verwaltungen brüderlich befragen wollte, über welche er brüderlich zu antworten nicht gemeinet war. Seine Frau war ihm, ehe dies geschah, durchs Los des Heilandes zugefallen, und dieses Los behagte ihm sehr wohl; denn sie war in ihrem neunzehnten Jahre, hatte eine feine Haut, ein wohlbeleibtes Ansehen und grosse blaue Augen, die sie bei geistlichen und weltlichen Entzückungen andächtig zu verdrehen pflegte. Als er starb, liess er seiner Witwe nebst einem Vermögen von fünfzigtausend Talern eine einzige Tochter, die Jungfer Anastasia Gertrud. Diese war jetzt in ihrem achtzehnten Jahre und sah ungefähr ebenso aus als ihre Mutter zu der Zeit, da sie dem Vater durchs Los zufiel. Sie hatte das gebenedeite Ansehn, welches der Frömmling aus der Zerknirschung des Herzens herleitet und der Weltling zuweilen in ganz anderm verstand nimmt. Ihre Augen waren fast immer niedergeschlagen; doch wenn sie zuweilen aufsahen, war ihr blick sehr durchdringend, sank aber sogleich wieder ehrbarlich nieder. Sie trieb keine Kleiderpracht und ging weder in Samt noch Seide; jedoch das allerfeinste Leinen, die ausgesuchtesten Spitzen, die Zitse erster Sorte, obgleich sittsamer Farbe, dienten, eine sehr zarte Haut und eine volle Wange zu erhöhen, die, ohne dass es das Ansehn hatte, doch sehr sorgfältig gepflegt wurden. Sie sprach wenig, eigentlich weil sie nicht viel zu sprechen wusste; aber diese Einfalt diente ihr zu einer frommen Koketterie. Sie schien aus verschämter Zurückhaltung zu schweigen, indem sie sanft seufzete und das Haupt langsam seitwärts sinken liess.

Mit diesem jungen Frauenzimmer unterhielt sich Säugling der Sohn, wenn ihre Mutter seinen Vater oder er sie besuchte, welches fast wöchentlich geschah. Unterdes die Frau Gertrud mit seinem Vater die Materie von Hypoteken und Schuldscheinen durchging oder mit Sebaldus über teologische Materien disputierte, wie sie denn in der Dogmatik so gut wie in der Polemik bewandert war, pflegte Säugling mit der Jungfer Anastasia die süssen Gedanken zu teilen, die wie Honig von seinen Lippen flossen. Dass sie von ihr nicht verstanden wurden, tat wenig zur Sache; sie machte doch einen bescheidenen Knicks, als begriffe sie etwas davon, schlug ihre grossen Augen kurz auf und wieder nieder und errötete zuweilen, wenn etwas von Liebe oder heidnischer Mytologie vorkam. Säugling, der, einem Frauenzimmer zu gefallen, gern alle Gestalten annahm, versuchte einige geistliche Lieder nach bekannten Melodien zu machen. Dieses gelang ihm über Vermuten. Denn die Jungfer Anastasia begann sie nicht allein mit vieler Begierde zu lesen, und ihr schöner Mund sang sie ihm vor, sondern die Frau Gertrud fand auch so viel Salbung darin, dass sie, aus eignem Betriebe, sich dahin zu verwenden versprach, diese Lieder sollten in ein Gesangbuch eingerückt werden, wovon man eben im Herzogtume Jülich eine verbesserte und vermehrte Auflage besorgte. Eine Hoffnung, welche Säuglings kleiner Eitelkeit nicht wenig schmeichelte. Auf diese Art ward der Umgang zwischen dem Dichter und der frommen Anastasia täglich genauer, und es ward die schüchterne Jungfer, obgleich in aller Ehrbarkeit, etwas gesprächiger und unterhaltender, welches beiderseits Eltern sehr wohl gefiel. Denn Säugling der Vater, welcher den Reichtum der Frau Gertrud kannte, berechnete bald, dass sein Sohn keine bessere Partie treffen könnte; und Frau Gertrud, welche auch wohl wusste, wie warm der alte Säugling sass, fing an, der Sache etwas näherzutreten, indem sie zuweilen bemerkte, dass die Ehen im Himmel geschlossen würden und dass die Menschen, sobald dies ersichtlich sei, dem Himmel nicht widerstreben müssten.

Säugling der Sohn argwohnte alle diese Absichten gar nicht, sondern der Umgang mit einem Frauenzimmer diente ihm nur, wie einer Uhr das Öl, um seine zärtlichen Phantasien in gleichem Gange zu erhalten. Er lebte mit der Jungfer Anastasia ganz unbefangen und widmete nichtsdestoweniger beständig seiner abwesenden Mariane die zärtlichste Liebe.

Sechster Abschnitt

Nachdem Säugling der Vater von seiner Krankheit genesen war, wurde er einst mit seinem Sohne zu der Frau Gertrud in die Stadt zu Mittage eingeladen. Die schöne Anastasia, welche gleich ihrer Mutter des jungen Säuglings Achtsamkeiten ganz ernstaft auslegte, hatte diesen Tag alle ihre sittsame Reizungen aufgeboten, weil sie nunmehr zuträglich hielt, sein Herz ganz zu fesseln. Man fand an ihr heute nicht bloss die andächtige Selbstgenügsamkeit wohlbegüterter Betschwestern, nicht nur das ihnen sonst gewöhnliche selbstbehagliche Achtgeben auf gesundes Ansehen, auf Weiche der Haut, auf Glätte der Bekleidung, auf Gelindigkeit der ganzen person, welches sogar bei Nonnen die Stelle alles weltlichen Putzes vertritt, sondern ihr mit brabantischen Spitzen besetztes Häubchen war auch einen halben Zoll höher auf die Stirne gerückt, sie schlug die Augen öfter lieblich empor und liess sie mit langsamerm Schmachten niedersinken, und ihre immer weichlich lispelnde stimme erstarb heute auf ihren Lippen mit einer holdem Lächeln nahekommenden Freundlichkeit.

Alle diese schmachtende Reize liess sie, mit der andächtelnden Mädchen so eignen zurückhaltenden Innigkeit, auf Säuglingen wirken, als sie nach dem Mittagsmahle mit ihm allein im Garten spazierenging. Jungfer Anastasia,