ersah, wollte er nicht einen Augenblick säumen, zu ihr zu eilen, indem ihr Aufentalt kaum eine Meile entlegen war.
Rambold tat, als ob ihn ein ungefährer Zufall dahin geführt hätte, und hütete sich wohl, von dem gelesenen Briefe etwas zu erwähnen. Mariane verwunderte und freute sich, ihn zu sehen, in der Hoffnung, durch ihn Nachricht von ihrem Säugling zu erhalten. Aber er schwieg; und da sie endlich mit einigen Umschweifen nach demselben fragte, nahm er eine betrübte Miene an und versicherte, weil ihm eben nichts anders einfiel, dass Säugling gestorben sei. Diese Nachricht setzte Marianen ausser sich. Rambold war zwar sehr bemüht, sie zu bereden, dass sie sich diesen Tod nicht gar zu sehr zu Sinne ziehen möchte, weil Säugling ein Häschen gewesen, der allen Frauenzimmern Süssigkeiten vorgesagt hätte, allein bei Marianen wollten diese leidigen Trostgründe keinen Eingang finden, daher kürzte er seinen Besuch ab und ritt nach haus.
Er unterliess indes nicht, oft wiederzukommen, und ward von der bekümmerten Mariane gern gesehen, weil er sie an Säuglingen erinnerte, von dem er ihr auf ihre fragen allerhand Märchen erzählte, welche, so unbeträchtlich sie waren, doch in Marianens zum Trauern gestimmter Einbildungskraft ein mitleidiges Wohlgefallen erregten.
Der Herr von Haberwald merkte Rambolds öftere Abwesenheit und unterliess nicht, ihn darüber zu hohnnecken. Rambold musste endlich gestehen, dass er ein hübsches Mädchen besuche, welches er zu seiner Frau machen würde, wenn er eine Versorgung hätte. Herr von Haberwald spitzte hierbei die Ohren und bestand darauf, dass er ihn mitnehmen sollte. Dies geschah, und weil Rambold dem Herrn von Haberwald einen Wink gegeben hatte, so wusste er sich so ehrbar und klug zu betragen, dass Mariane an beider Aufführung nichts auszusetzen haben konnte.
Als nach ihrer Zurückkunft bei einigen Flaschen Wein Marianens Schönheit von beiden Teilen war gepriesen worden, ward von dem Herrn von Haberwald die weise Anmerkung gemacht, dass eine hübsche Frau Pastorin in einem Kirchenspiele eine nützliche Sache wäre. Vermittelst dieser Äusserung eröffnete sich eine kleine Unterhandlung, die, umständlich auf dem Papiere beschrieben, Lesern von feinen Empfindungen niederträchtig und widerwärtig scheinen könnte, obgleich im Laufe der Welt unter manchen Leuten ohne Bedenken dergleichen stattfindet, eben weil sie keine feine Empfindungen haben. Das Resultat derselben war, dass der Herr von Haberwald feierlich versprach: sobald Rambold von Marianen das Jawort erhalten hätte, sollte er die Adjunktur des abgelebten Pfarrers mit einem bestimmten Gehalte bekommen.
Rambold warb nun im Ernste um sie. Mariane gab ihm zwar eine ausdrückliche abschlägige Antwort und brachte in ihrem Herzen dem Andenken ihres Säuglings dieses Opfer. Indes wiederholte Rambold, obgleich ohne Hoffnung einigen Erfolgs, so oft einen Antrag, über den an sich ein junges lediges Frauenzimmer niemals zornig wird, er müsste denn geradezu wider ihre Absichten streiten, dass ihn Mariane mit einiger Nachsicht anhörte. Die Heldin eines Romans hätte freilich eine unverletzte Beständigkeit an den Tag legen und sich eher töten lassen müssen, als sich einem gegenstand zu ergeben, für den sie nicht die heisseste Liebe fühlte. Aber im gemeinen Leben haben wir häufige Beispiele, dass wohlgezogene Frauenzimmer, selbst in nicht so misslicher Lage wie Mariane, wenn sie gleich zur innigsten leidenschaft Zunder in sich fühlten, dennoch mit kalter Vernunft überlegt haben, was vieles junge Volk nicht wissen will, dass feurige Liebe nicht ewig in gleicher Anspannung dauern kann und dass neben der Liebe, so wünschenswert sie ist, noch mehrere Gegenstände in der Welt sind, woran edle Seelen auch denken dürfen. Da nun Rambold von person nicht widrig war, da er sich seit der ersten Zeit seines Umgangs mit Marianen in ihre Gemütsart geschickt und sich dabei so fein zu verstellen gewusst hatte, dass sie von seiner schlechten Seite fast nichts merken konnte, so ist schwer zu entscheiden, wozu sie vielleicht noch endlich sich möchte entschlossen haben, wenn das Schicksal, welches, wie die Poeten versichern, beständig über Verliebte wachen soll, ihr die Nachricht von Säuglings Leben fortdauernd verweigert hätte.
Fünfter Abschnitt
Säugling, der seit Marianens Entführung von allen ihren begebenheiten nichts wusste, blieb in der Zuneigung gegen seine Geliebte beständig. Sie war noch immerfort der Gegenstand aller seiner einsamen Phantasien. An sie waren alle verliebte Verse gerichtet, die er nicht unterlassen konnte, von Zeit zu Zeit zu machen. Er gab sich Mühe, obwohl fruchtlos, Nachricht von ihr einzuziehen. Er beklagte sich deshalb oft bei dem treulosen Rambold, welcher aber, besonders in den letzten zeiten, seine Liebe zu einer abwesenden person, die vielleicht wer weiss wo in der Welt herumschweifen möchte, mit gewöhnlicher Narrenteiding zu bespötteln suchte. Doch dieses konnte auf das Gemüt des treuen Säuglings, so empfindlich er sonst auch gegen das Lächerliche war, keinen Eindruck machen.
Ob nun gleich Mariane immer die Königin seines Herzens blieb, der alle seine Gedanken gewidmet waren, so würde doch seine so weiblich gestimmte Seele unglücklich gewesen sein, wenn er nicht mit einem gegenwärtigen Frauenzimmer oft hätte umgehen können. Auf dem Gute seines Vaters aber war kein weibliches geschöpf seiner Achtsamkeit würdig; ein Glück für ihn also, dass sich bald eine gelegenheit fand, mit einem jungen Frauenzimmer in der Nachbarschaft bekannt zu werden!
Die Betstunden, welche Säugling der Vater zu halten anfing, machten ihn mit der Frau Gertrud bekannt, einer reichen Witwe, die in einem benachbarten Städtchen wohnte. Ihr seliger Gemahl, Herr Gertrud, war ein betriebsamer Mann und beständig bedacht gewesen, sein kleines Talent so gut wie möglich, und