zum Romantischen geneigten geist das zuträglichste, wenn es möglich wäre, in diesem Aufentalte der Ruhe und der Unschuld von der ganzen Welt abgesondert zu leben.
Sie entdeckte diesen Vorsatz ihren Wirtsleuten, welche sich denselben wohl gefallen liessen, falls sie mit ihrem Hauswesen, so wie es war, vorliebnehmen wollte. Mariane war vielmehr entzückt darüber. Ihr Wirt, mit seinem ehrwürdigen schneeweissen haupt und mit seiner ungekünstelten Aufrichtigkeit, kam ihr nebst seiner redlichen Hausfrau wie Philemon und Baucis vor, das Häuschen wie ein Tempel und die Gegend wie eine arkadische Flur. Alles verschönerte sich in ihren Augen. Wenn sie mit Spinnen und andern häuslichen arbeiten einen Tag zubrachte, einen andern mit Besorgung der Milchkammer oder wenn sie einmal ihr eigenes Gericht pflücken und in den Topf werfen konnte, glaubte sie aus dem Prunke eines verderbten Zeitalters zur Einfalt und auch zur Unschuld der ersten Welt zurückgekehrt zu sein. Wenn sie am Abende mit der Tochter ihres Wirtes, einem guten Mädchen, nach dem Hügel spazierte oder sich mit ihr am rand des Baches ins Gras setzte, schien sie sich zu den Nymphen Dianens zu gehören; und wenn sie sang, welches oft geschah, schienen ihr die Hamadryaden aus dem wald von fern zu antworten.
Wahr ist's inzwischen, dass diese reizenden Vorstellungen, wie mehrere poetische Phantasien, ins gemeine Leben gebracht, nicht allzulange stichhielten und dass nach einem Monate die gute Mariane ihre Einbildungskraft schon anstrengen musste, wenn sie in das seelenvolle Gefühl übergehen wollte, das ihr anfänglich so natürlich war. Als aber vollends der späte Herbst die Blätter streifte und der Nordwind mit ungestümem Brausen jeden Schritt ausser dem haus verwehrte, sank Philemon in ihrer idee wirklich zu einem gemeinen Bauern herab und Baucis zu einer westfälischen Hausmutter, die auch wohl, wenn ihr in der Wirtschaft nicht alles nach Sinne ging, schelten und schmollen konnte. Der Tempel ward wieder eine enge und unbequeme Hütte, in welcher zuweilen die harte Kost nicht schmecken wollte, sosehr sie der Einfalt unschuldiger Hirtenvölker gemäss war. Ja Mariane hat nachher gestanden, sie sei zuweilen, ihrer phantasiereichen Vorstellungen ungeachtet, bei einem patriarchalischen Milchbrei in einer hölzernen Satte nach einem wohlfiltrierten Kaffee in meissnischer Schale lüstern gewesen.
In den ersten Tagen dieser ländlichen Einsamkeit hatte sie sich, in liebliche Ideen von arkadischer Unschuld versenkt, bereden wollen, dass ihr Herz von Liebe frei sei. Aber ebendiese kleinen empfindsamen Schwärmeleien öffneten es jedem süssen Eindrucke. Sie lebte die vorigen glücklichen zeiten in Gedanken noch einmal, sie erinnerte sich ihres Säuglings ehrerbietiger, zärtlicher, inbrünstiger Gesinnungen, sie besann sich, wie er sich ihrer bei einer schimpflichen Beleidigung angenommen hatte. Dann machte sie sich Vorwürfe, dass sie ihm, wider ihre Neigung, so kalt begegnet sei, und konnte nun nicht begreifen, wie sie ihr Herz vor ihm nicht habe ausgiessen wollen.
Diese Erinnerung war ihr einziger Trost, als im Winter durch Langeweile und Widerwillen ihr Geist täglich mehr zu erschlaffen begann. Sie wiegte sich in dem Gedanken, dass Säugling sie wirklich noch liebe, dass sie noch einst mit ihm vereinigt und glücklich sein werde. Sie mass seinen Schmerz, von ihr entfernt zu sein, nach dem ihrigen ab und fand oft Wollust darin, wenn sie, indem sie ihren eignen Schmerz beweinte, den Schmerz ihres Geliebten zu beweinen glaubte.
Als bei herannahender milderer Witterung alle ihre Empfindungen heiterer wurden, drangen mit jedem Frühlingshauche die zärtlichen Gefühle tiefer in ihre Brust. Säuglings Bild spiegelte sich ihr in jedem hervorgrünenden Blatte, in jeder entfalteten Knospe. Bei ihren einsamen Spaziergängen nach dem Bächlein begleitete es sie. Dann sass sie in wonnetrunknem Staunen, dann glaubte sie es zu umfassen, dann sprang sie auf, errötend vor ihrem eignen Phantome. Dann wandelte sie am Ufer und sang Lieder, die er auf sie gemacht hatte, zu dem Falle des kleinen Stroms, der über glatte Kiesel hinabrieselte und, indem er sich ausbreitete, den lieblichen Wiesengrund zu Entsprossung neuer Blumen befeuchtete.
Mit diesen anmutsreichen Phantasien verband sie auch Betrachtungen über ihren gegenwärtigen Zustand. Sie fühlte, es sei ihr unmöglich, noch einen Winter in diesem haus zuzubringen; gleichwohl sah sie auch kein Mittel, wie sie auf eine anständige Art ihre Lage verändern könne. Sie schien sich einzeln und von der Welt ausgeschlossen zu sein, besonders nachdem sie auf einen Brief an Hieronymus schon seit ein paar Monaten keine Antwort erhalten hatte, vermutlich weil er ihm nicht zu Händen gekommen war. Da nunmehr ihre Liebe zu Säuglingen sich ihrer ganzen Seele bemächtigte und sich das Verlangen, von seinen Gesinnungen gegen sie unterrichtet zu sein, in ihre innerste Gedanken einflocht, so entschloss sie sich endlich nach vielem vergeblichem Zaudern, ihm nach Wesel, wohin sie wusste, dass er mit Rambolden hatte reisen sollen, ihren Aufentalt zu melden.
Der Entwurf dieses Briefes kostete verschiedene Tage. Sie hatte sich fest vorgenommen, alle Merkmale der Liebe daraus wegzuwischen und bloss als ein unglückliches Frauenzimmer zu schreiben, das sich, von jedermann verlassen, an einen edelmütigen Jüngling wenden muss. Aber sie hatte die Spuren ihrer Empfindungen nicht ganz auslöschen können; denn die Liebe, wie ein süsser Geruch, duftet unvermerkt um sich. Säugling, dessen Gesinnungen den ihrigen so sehr entsprachen, würde auch gewiss unnennbare Wollust gefühlet haben, wenn er so glücklich gewesen wäre, diesen Brief zu erhalten. Der Brief ward vom Postamte zu Wesel nach seines Vaters Gute gesendet und war ebenderselbe, welchen Rambold erst aus Schäkerei einsteckte und nachher aus Zerstreuung erbrach. Als er Marianens Wohnort daraus