und begebenheiten mit besonderer Aufmerksamkeit an, fragte auch selbst, mit mehr als gewöhnlicher Neugier, nach verschiedenen Umständen. Da indes Säugling fortfuhr, mit warmer Teilnehmung die geschichte zu erzählen, schien Rambold etwas betroffen zu sein, ward wider seine Gewohnheit ernstaft, stand auf und ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder, lehnte sich unruhig ins Fenster, nahm, ohne daran zu denken, den Brief aus der tasche, erbrach ihn in der Zerstreuung, las ihn, ward feuerrot, nahm mit einem Male eine ganz andere, vergnügte Miene an, schlug in die hände, sah nach der Uhr, brach kurz ab, rief aus dem Fenster, man solle sein Pferd gleich satteln, sagte, er müsse unumgänglich gleich wieder nach haus, umarmte Säuglingen, schwang sich aufs Pferd und ritt schnell davon.
Säugling wusste nicht, welcher Veranlassung er Rambolds plötzlichen Aufbruch zuschreiben sollte; da er indes an demselben schon mancherlei Launen gewohnt war, so dachte er weiter nicht daran oder glaubte vielleicht wirklich, Rambold werde durch ein Geschäft nach haus gerufen. Dieser hingegen ritt einen ganz andern Weg; wie berichtet werden soll, wenn wir erst zurückgesehen haben, wo Mariane blieb, von der wir, seitdem sie dem Obersten entsprang, keine Nachricht erhalten haben.
Vierter Abschnitt
Nachdem Mariane beinahe eine halbe Meile lang, so geschwind sie konnte, gelaufen war, musste sie sich endlich, unweit der Landstrasse, aus Mangel des Atems niedersetzen. Als sie sich ein wenig erholet hatte, fing sie an, ihren Zustand zu überdenken. Sie sah sich in einer unbekannten Gegend, von jedermann verlassen, und musste befürchten, ihrem Nachsteller, der sie vermutlich verfolgen lassen würde, wieder in die hände zu geraten. Als sie indes in ihrer tasche ihr Geld wiederfand, so verzweifelte sie nicht an der Möglichkeit, sich geschwinder zu entfernen; und da eben ein Bauerwagen vorbeifuhr, setzte sie sich auf denselben und liess sich unverzüglich weiterbringen. Sie kam auf diese Art, beinahe ohne auszuruhen, von dorf zu dorf, in der Absicht, des Freiherrn von D. Güter zu erreichen. Da sie aber selbst den Weg dahin nicht recht wusste und niemand als Bauern darum fragen konnte, deren Kenntnis sich gemeiniglich nicht weiter als einige Tagesreisen in die Runde erstrecket, so ward sie anstatt ins Hildesheimische tief in Westfalen hineingefahren. Nach einer ununterbrochenen Reise von acht Tagen fiel ihr das eingefallne Regenwetter beschwerlich, da sie nur ganz leicht bekleidet war. Indes bestand sie doch darauf weiterzufahren, bis ein Platzregen und Ungewitter sie nötigte, in ein im wald stehendes einzelnes Haus abzutreten. Der Regen hörte den ganzen Tag nicht auf; der Bauer wollte nicht warten, weil er morgen einen Hofdienst zu tun hatte; und da sie von dem Bewohner des Hauses, der in seiner Jugend Soldat gewesen war und daher die Gegend weit und breit kannte, auf ihre Erkundigung nach dem Wege vernahm, dass sie sehr weit von dem Hildesheimischen entfernt sei, so entschloss sie sich kurz, den Bauer abzulohnen und bis zur Besserung des Wetters in diesem haus zu bleiben.
Es ward von einem Greise, seiner Frau und seiner Tochter bewohnt, die sich teils vom Spinnen erhielten, der gewöhnlichen Winternahrung der westfälischen Hausleute, teils die Milch einer Kuh und die Früchte eines Krautgartens verzehrten, der durch ihren eignen Fleiss war urbar gemacht worden. Der alte Hauswirt verband mit der treuherzigen Ehrlichkeit eines Landmanns die Weltkenntnis, welche durch lange Feldzüge erlangt wird. Er hatte mit seinem Gutsherrn, der sein Oberster gewesen war, alle Gefahren der Feldzüge in Brabant geteilt und in allen Vorfällen sich ihm so ergeben gezeigt, dass der Gutsherr aus edler Dankbarkeit das Schicksal seines treuen Kriegskameraden zu verbessern suchte. Er ward im Alter auf Leibzucht83 gesetzt, der Hof aber seinem Sohne gegeben. Der Markenherr verlieh seinem ehemaligen Kriegsgefährten nicht allein aus der Mark einen beträchtlichen Zuschlag und liess dessen Tochter, von Hofediensten frei, mit auf die Leibzucht ziehen, sondern baute ihm auch in einem angenehmen Sundern84 ein eigenes bequemeres Haus mit einem Schornsteine, so dass sich der Leibzüchter nicht, wie seine Nachbarn, mit seinen Schinken zugleich räuchern durfte. Dabei hatte er unter seinem Strohdache eine besondere abgeschlagene kammer, welche eigentlich diente, seinen Wintervorrat zu verwahren, jetzt aber Marianen zur Schlafkammer angewiesen ward.
Sie genoss darin, nach einer ungewohnt langen Reise, die erste Nacht eine süsse Ruhe. Des Morgens stand sie erquickt auf, das Wetter hatte sich abgeklärt, sie sah aus dem Fenster das Wäldchen im schönsten Laube und hinter demselben grünende Wiesen. Als sie herunterkam, ward sie von den Hausleuten mit ländlicher Gastfreundschaft empfangen. Nach dem Frühstücke spazierte sie in der umliegenden Gegend, wo sie die natur in aller ihrer Schönheit fand. Sie irrte auf einem Fusssteige, der zwischen dichten büsche zu einem kleinen grün bewachsenen Hügel führte, neben dem sich ein klarer Bach schlängelte. Diese Gegend schien ihr ungemein reizend. Sie bestieg den kleinen Hügel, von welchem sie in dem Wäldchen umherschauen konnte und in der Ferne die Aussicht auf wallende Getreidefelder hatte. Hier überlegte sie ihren Zustand. Sie sah, dass sie von dem Zwecke ihrer Reise weit entfernt war, dass sie, wenn sie auch wieder zurückkehren wollte, nicht gewiss wissen könne, in welchen Gesinnungen sie den Herrn von D. finden möchte, dass sie vielleicht von ungefähr dem Obersten wieder in die hände fallen könne und dergleichen mehr. Dagegen schien ihr dieser Winkel der Erde ganz paradiesisch zu sein. Es dünkte also ihrem ohnedies etwas