die vornehmste sorge reicher müssiger Leute, so wohlbehaglich genähret wird, dass alle sechs nichtnatürlichen Dinge82 in der besten Ordnung vonstatten gehen.
Ein gleiches wirksames Hilfsmittel waren die vielen Zahlenlotterien, wovon ihm die Zeitungen Nachricht mitteilten. Er setzte in alle. Die Spekulationen über die an verschiedenen Orten herausgekommenen und noch herauszukommenden Zahlen, die Komponierung und Dekomponierung verschiedener Einsetzungsarten und dergleichen mehr führten ihn in so mancherlei ernstaft aussehende Rechnungen, aus denen so viele sonderbar scheinende Resultate entsprangen, dass er zuweilen verleitet ward, seine Hirngespinste mit Wohlgefallen für matematische Einsichten zu halten. Dazu kam, dass die geringe Furcht, zu verlieren, und die grössere Hoffnung, zu gewinnen, der Verdruss, die Zahlen verfehlet, und die Freude, sie erraten zu haben, seine sonst so leere Seele mit etwas Leidenschaftähnlichem erfüllten, welches machte, dass er weniger träge zu denken und lebhafter zu sprechen begann, und wodurch zugleich seine Säfte in so ordentlicher wirkung und Gegenwirkung erhalten wurden, dass er nie weniger von Indigestionen zu befürchten hatte als kurz vor und kurz nach den verschiedenen Ziehungstagen. Man kann also leicht erachten, wie sehr er in guter Gesundheit erhalten worden, da verschiedene Patrioten in verschiedenen Provinzen Deutschlands sorgen, dass keine Woche vorbeigeht, ohne dass irgendwoher den Reichen ein so stattliches Digestivmittel dargeboten werde, für sie allemal wohltätig oder unschuldig und nur bloss den Armen zuweilen etwas allzu drastisch.
Wenige Tage nachdem Sebaldus in sein Amt eines Zeitungslesers eingesetzt worden war, stand in einer Zeitung die Gewinnliste ich weiss nicht welcher Zahlenlotterie. Er musste sie ganz vorlesen, weil sie dem alten Säugling wegen vieler Spekulationen über die Folge der Zahlen in dieser Lotterie sehr interessant war. Sebaldus verstand ebensowenig davon, als ob sie polnisch geschrieben wäre. Der alte Säugling hingegen, der schon mehrmal, wenn er in den Zeitungen über manche Namen und Sachen zweifelte, Sebaldus' historische und geographische Kenntnisse nachgebend hatte annehmen müssen, tat sich jetzt was Rechts darauf zugute, ihm erklären zu können, was Ambe und Terne und andere zur Lotterie gehörige Worte bedeuteten. Er geriet dabei in solchen Eifer, dass er dem Sebaldus anlag, sich fünf Zahlen auszulesen und auf dieselben zu setzen. Sebaldus hatte keine Lust und verirrte sich in die Logik der Wahrscheinlichkeit, um zu beweisen, dass keine Zahl vor der andern mehr Wahrscheinlichkeit herauszukommen habe und dass er also keine vor der andern zu wählen wisse. Der alte Säugling, voll Begierde, vermeinte auf dem rechten Wege zu sein, indem er den Inhalt des "Arabischen Lotteriewahrsagers" und des "Vademecums für Zahlenlotterien" mit seinen daraus gezogenen Deutungen und Verbindungen dem Sebaldus vorerzählte. Zuletzt, nach vielem Hinundwiderreden, verblieb Säugling – wie es einem reichen mann gegen seinen Hausgenossen gebühret – auf seiner Meinung und verlangte: Sebaldus sollte nur eine Zahl anzeigen, die er im Sinne hätte, so wolle er ihm die übrigen vier daraus ziehen.
Sebaldus sagte: "In meinem Sine ist gar keine Zahl als die Zahl 666."
"Gut!" rief der alte Säugling. "Sehen Sie – 6 und 66 ist drin, verdoppeln Sie die erste und teilen Sie die letztere, kommt 12 und 33, ziehen Sie diese beiden voneinander ab, bleibt 21. Sehen Sie: 6, 12, 21, 33, 66. – Da haben wir's – aber wahrhaftig schlechte Zahlen. Die einzige 21 ist gut. Sie verstehen's Spiel noch nicht, Herr Notanker, das sieht man. Die geraden Zahlen kommen dieses Jahr in dieser Lotterie nicht heraus, am wenigsten in dem ersten Fünfzig. Aber so ist's, solche junge Anfänger müssen Lehrgeld geben. Bleiben Sie nur bei Ihren Zahlen. Ich will Ihnen meine nicht sagen, aber die 21 ist dabei. Wir wollen sehen, über drei Wochen, wenn die Ziehung vorbei ist! Die 21 kommt heraus und noch eine Zahl. Aber st! – Lassen Sie uns die Sätze regulieren. Sie sollen sechs Taler setzen, dies ist allemal mein Satz in jeder Lotterie."
Der alte Säugling besorgte den Einsatz nebst seinem eigenen und stellte dem Sebaldus den Schein zu. Zugleich machte er bei Vergleichung der Sätze seiner Einsicht nochmals ein Kompliment und spekulierte, wie gewöhnlich, noch einige Tage über verschiedene Verbindungen der Zahlen, wogegen Sebaldus die Sache vergass, da sie kaum geschehen war.
Dritter Abschnitt
Einige Zeit darauf fiel Säugling der Vater, als er nur seinen gewöhnlichen Frühlingsschnupfen zu erhalten vermeinte, plötzlich in ein starkes Fieber, welches ihn einige Tage bettlägerig hielt. Da er sich besserte und einmal nachmittags ruhen wollte, machte Sebaldus in Gesellschaft des jungen Säugling einen kleinen Spaziergang. Eben unter der Zeit kam Rambold angeritten. Als er auf diese Art niemand sprechen konnte, durchlief er aus Langerweile die Zeitungen und überlas die Aufschriften der Briefe, die der Postbote vor kurzem gebracht hatte und die noch auf dem Tische lagen. Er fand unter den Briefen einen an den jungen Säugling, dessen Handschrift ihm bekannt schien, und steckte ihn zu sich, um einen Schabernack damit zu machen, wovon er, wie wir schon wissen, ein Liebhaber war. Ehe er sich aber recht darauf bedenken konnte, kam der junge Säugling schon zurück, und mit ihm Sebaldus, den er hier noch nicht gesehen hatte. Dieser entfernte sich sogleich wieder, um nach dem Kranken zu sehen, und liess Rambolden freies Feld, Säuglingen wegen seiner Neigung zu einem Bettler gewöhnlicher Art nach aufzuziehen. Dennoch hörte er Säuglings Erzählung von Sebaldus' Namen, Stand