Den Wert des Geldes kannte er zwar so gut als jemand, doch war er eben nicht geizig, ob er gleich auch nichts vom Verschwenden hielt. Sobald der Krieg zu Ende zu gehen schien und er die Möglichkeit sah, dass ein Lieferant Schaden haben könnte, entsagte er allen fernern Unternehmungen und kaufte dieses Rittergut, wo er nunmehr seine grossen Reichtümer geniessen wollte. Er fand aber bald, dies möchte, sonderlich mit einem geist ohne Kenntnisse und ohne Tätigkeit, schwerer sein, als er wohl anfänglich gedacht hatte. Er fing an zu bauen, ward aber sehr bald fertig, mit einem haus, das schon grösser war, als er es brauchte. Es fanden sich zu ihm bald Kunstkenner, fleissige, betriebsame Personen, welche ausdrücklich für reiche Leute, die keine Kenntnisse haben, aus Werken der Stümper und Lehrlinge Gemälde der grössten Meister verfertigen lassen und sie durch verdorbenen Firnis und verschossenes Kolorit meisterhafterweise zu erheben wissen. Diese verfehlten aber bei ihm gänzlich ihren Zweck, weil sie ihm den ersten allen reichen Kunstliebhabern nötigen Schritt nicht abgewinnen konnten, nämlich ihm einzubilden, dass er Geschmack besitze. Sie vermochten daher nicht, ihn dahin zu bringen, sich ein Kabinett anzuschaffen, weil er ihnen immer mit dummer Ehrlichkeit ins Gesicht gestand, dass er an ihren so schön gepriesenen Rubens, van Dyk, Guercino und Luca Giordano keine Augenweide finden könne und dass ihm die Bildnisse seiner Voreltern mit ihren Kragen, güldnen Ehrenketten und Knotenperücken viel besser gefielen. Alles, was ihnen übrigblieb, war, ihm ein paar von Jakobs van der Laenen oder Jan Steens Fratzengemälden anzuschwatzen, bei denen nicht viel verdient wurde, weil sie wirklich echt waren. Sie verliessen ihn also, mit vielem Achselzucken über seine unbegreifliche Unwissenheit. Es fanden sich zwar andere Leute von Geschmack, welche ihn lehren wollten, seinen Garten nach der neuesten englisch-chinesischen Art anzulegen, die damals in Westfalen noch ganz unerhört war. Da aber zu diesem Behufe der grösste teil seines Parks umgehauen und, zufolge der erhabenen Nachahmung der natur, ein chinesischer Turm und hinter demselben verschiedene Wildnisse, Felsen und Abgründe gerade auf dem platz angelegt werden sollten, wo sein bestes Franzobst und alle seine Spargelbeete befindlich waren, so folgte er wieder seiner einfältigen Überlegung, dass er vermittelst dieser Verbesserung viele Jahre lang weder Spargel noch Obst kosten und vielleicht zeitlebens nie wieder Schatten und Kühlung geniessen würde, und liess alles, wie es war. Er hätte zwar gern Gesellschaften gehabt und setzte sich daher auf den Fuss, offne Tafel zu halten, aber es kam selten jemand, weil ihn der benachbarte Adel über die Achsel ansah. Der Herr von Haberwald, welcher ihn freilich wegen der Rehe und Hasen seiner Wildbahn und wegen des guten Weins in seinem Keller oft besuchte, war ihm zu lärmend so wie Rambold zu spitzfindig und höhnisch. Sein Sohn blieb folglich seine einzige Gesellschaft. Er hörte dessen Gedichte auch wohl bei seiner Nachmittagspfeife an und freuete sich, wenn er bei seiner Morgenpfeife in den Zeitungen zuweilen schwarz auf weiss las, dass derselbe ein grosser Poet wäre; aber dies wollte doch gegen seine grosse Portion von Langerweile nicht aushalten, wowider er nach langem Nachsinnen nichts erdenken konnte, als dass er begann, da die Winterabende allzu melancholisch wurden, wöchentlich dreimal Betstunde zu halten.
Da er nun den Sebaldus kennenlernte, warf er die Augen auf ihn als einen Mann, der geschickt wäre, ihm beständig Gesellschaft zu leisten. Sebaldus war ungefähr von gleichem Alter, von gleichem ruhigem Gemüte, er konnte beständig um ihn sein, konnte von sehr vielen Sachen sprechen, die dem alten Säugling doch einige Beschäftigung darboten, ohne seinen zur Bemühung nicht gewohnten Geist durch Anstrengung zu ermüden.
Er trug also dem aufgefundenen Armen nebst freier
Kost und wohnung ein jährliches Gehalt an, welches, wie leicht zu erachten, sehr willig angenommen ward. Dieser kam dadurch aus dem tiefsten Elende in einen Stand der Ruhe und Gemächlichkeit, der ihn aufs neue zum Genusse des Lebens empfindlich machte. Der Hauch vaterländischer deutscher Luft erweckte wieder das Verlangen nach seiner Tochter und nach seinem Sohne. Bloss der gänzliche Mangel an Nachricht von diesen geliebten Kindern unterbrach zuweilen die Behaglichkeit, in der er lebte und die seine leicht zu befriedigende Wünsche sonst ganz erschöpfte.
Seine vornehmste Pflicht war, beim Frühstücke die
Zeitungen aller Art vorzulesen. Der alte Säugling hatte diese Lektur von der ersten Zeit seiner Einsamkeit an als ein hauptsächliches Hilfsmittel wider die Langeweile gebraucht. Die Zeitungen geben undenkenden Köpfen eine so unschuldige gelegenheit, ihre wenigen Seelenkräfte auf eine halbe Stunde in eine Art von Bewegung zu setzen, und veranlassen wohl noch ein viertelstündiges Gespräch bei der Mittagstafel, wo ihnen oft der Bissen viel leichter in den Mund als das Wort aus dem mund zu gehen pflegt, dass sie ihnen des Morgens zu einer ebenso notwendigen Seelenatzung geworden sind als das Kartenspiel des Abends. Dazu kam, dass die Zeitungsschreiber damals wenigstens monatlich ein paarmal Besorgnis wegen eines bevorstehenden Krieges äusserten. So oft dieses geschah, berechnete der alte Säugling in Gedanken und oft auch auf dem Papiere, wieviel Lieferungen von mancherlei Art für die Armeen nötig sein möchten, und machte Entwürfe, wie sie in den verschiedenen Ländern, wo der Schauplatz des Krieges vorausgesetzet ward, könnten herbeigeschafft werden. Denn ob er gleich gar nicht willens war, selbst wieder etwas zu unternehmen, so waren doch Spekulationen dieser Art, wie er aus der Erfahrung sehr wohl wusste, ein sicheres Mittel, seinen Geist in der anspannungslosen Tätigkeit zu erhalten, wodurch der Körper,