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Als die Reiter näher kamen, meinte der Blaurock für seinen Stüber noch den dienstfertigen Torwächter hohnnecken zu dürfen.

"Alter Knasterbart", rief er, in einem Tone, der spasshaft sein sollte, "was für einen zureichenden Grund hast du, das Heck aufzumachen?"

"Ich habe einen determinierenden Grund", sagte der Alte mit bescheidener Miene. "Krankheit und Mangel haben mich auf diesen Posten gestellt."

"Determinierend?" schrie der Blaurock mit einem lauten Gelächter. "Ich glaube wahrhaftig, in dem zerrissenen Kittel steckt ein verdorbner Crusianer. He, weisst du nicht auch 'ne kleine Weissagung aus der Apokalypse?"

"Ja", sagte Sebaldus und sah ihn ernstaft an. "Siehe, ich komme bald, und mein Lohn mit mir, zu geben einem jeglichen, wie seine Werke sein werden."81

"Ha! Ha! Ha!" rief der Blaue. "Er moralisiert auch! Wahrhaftig, Herr Säugling" (denn die beiden Reiter waren niemand anders als Säugling und Rambold), "siehe da, eine Szene für ihren empfindsamen Roman, der Kerl hat einen wahren Lorenzokopf! Hat er nicht?"

Dieses zu verstehen, muss man wissen, dass Säugling, seitdem ihm die Gräfin abgeraten hatte, Verse zu machen, auf den Gedanken gekommen war, einen Roman zu schreiben, worin ihn Rambold bestärkte, damit er gelegenheit hätte, ihn täglich damit aufzuziehen.

Rambold warf seinen Stüber hin und sprengte fort; Säugling ritt vorbei, indem der Alte sich bückte, aber kaum war er vier Schritte weg, so kehrte er um und steckte dem Alten, mit einem herzlich mitleidigen Blicke, einen Gulden in die Hand.

Ob er der Armut oder der schönen Szene oder dem Lorenzokopfe das Almosen gegeben habe, kann niemand, auch vielleicht der Geber selbst nicht bestimmen. Genug, Sebaldus rief:

"Gott segne Sie, junger Herr! Auch den Segen eines armen alten Mannes lässt Gott auf einem mitleidigen Jünglinge ruhen."

Säugling spornte sein Pferd, und da er Rambolden einholte, floss ihm eine Träne sanft die Wange herunter.

"Ich glaube gar, Sie weinen", spottete Rambold. "Pfui, wer wird so weibisch sein!"

Säugling verteidigte seine Empfindsamkeit, Rambold fiel in seine gewöhnliche Schrauberei, und so ritten sie weiter.

Der Leser wird vermutlich wissen wollen, wie Säugling und Rambold hier so in der Nähe erschienen. Sie waren von dem schloss der Gräfin gerade nach Wesel gegangen, wohin sie Säuglings Vater beschieden hatte, weil er sich daselbst Geschäfte wegen eine Zeitlang aufhielt. Nach deren Endigung ging er, obgleich der Herbst schon eintrat, mit seinem Sohne und dessen ehemaligem Hofmeister nach einem Gute, das er in der dortigen Gegend gekauft hatte. Säugling war seitdem beständig bei seinem Vater geblieben, wo er seinen poetischen Phantasien ungestört nachhangen konnte. Rambold hingegen, der weiter keine Hoffnung hatte, durch die Frau von Hohenauf befördert zu werden, nachdem zu seinem Erstaunen Mariane gleichsam verschwunden war, rechnete zwar einigermassen auf den alten Säugling; weil aber der Aufentalt bei demselben, besonders im Winter, für seinen unruhigen Geist viel zu einförmig war, so machte er Bekanntschaft mit dem Herrn von Haberwald, einem benachbarten Edelmanne. Dieser war, so wie Rambold, ein Liebhaber des Trunks, des Spiels und der Jagd und hielt, so wie jener, eben nicht auf die strengste Sittenlehre, daher durch diese Gleichheit der Neigungen die Freundschaft sehr bald so heiss ward, dass der Herr von Haberwald nicht einen Augenblick ohne seinen Rambold sein konnte und ihn vermochte, ganz zu ihm zu ziehen. Zuweilen besuchte indes Rambold noch seinen ehemaligen Zögling, und eben an diesem Tage war er mit ihm spazierengeritten, um einen sehr schönen Sommertag zu geniessen.

Als sie nach haus kamen und Rambold gegen Abend nach dem Rittersitze des Herrn von Haberwald zurückgekehrt war, beschäftigte sich Säugling den Rest des Abends mit Sebaldus' Figur, die in sein weiches Herz einen tiefen Eindruck gemacht hatte. Er liess den andern Morgen ein Kariol anspannen und fuhr allein nach dem dorf, wo Sebaldus wieder am Hecke zu finden war. Auf Verlangen erzählte ihm der Alte seine vornehmsten Unglücksfälle. Säugling war zu gutmütig, um einen solchen Mann länger in einem so traurigen Zustande schmachten zu sehen. Er liess ihn neben sich ins Kariol sitzen, fuhr mit ihm nach seines Vaters dorf zurück, befahl ihn einem Pachter an, versorgte ihn mit reiner Wäsche und Kleidern und mit nötigen Nahrungsmitteln.

Beim Mittagstische erzählte er seinem Vater die begebenheiten des unglücklichen Alten und zugleich, dass er denselben bei dem Pachter untergebracht habe. Ob die Befriedigung der kleinen Eitelkeit, seine gute Handlung auch andern kundzutun, an dieser Erzählung mehr oder weniger Anteil könne gehabt haben als die Begierde, seinen Vater zur fernern Wohltätigkeit gegen Sebaldus zu veranlassen, wird jeder Schreiber einer teologischen Moral, je nachdem die Falschheit der menschlichen Tugenden mit seinem Lehrgebäude mehr oder weniger verbunden ist, zu bejahen oder zu verneinen wissen. Genug, des alten Säuglings Neugier ward erregt, und er begehrte den Sebaldus selbst zu sprechen.

Zweiter Abschnitt

Säugling der Vater war ein Mann, der weder grosse Tugenden noch grosse Laster hatte. Sein natürliches Phlegma verliess ihn nur bloss in dem Falle, wenn er im Handel einen sichern Gewinn vor sich sah. Daher hatte er vom ersten Anfange des Krieges an viel mit Lieferungen für die Armeen zu tun, wodurch er einen Reichtum erwarb, der selbst seine Erwartungen überstieg.