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er so viel gute Gedanken, so viel menschenfreundliche Gesinnungen fand, dass dadurch sein Herz zu allen angenehmen Eindrücken geöffnet war.

Der Buchhändler erzählte ihm gleich, mit angenommener ängstlicher Miene, dass Domine de Hysel erst die Handschrift und nachher ihn selbst habe zu sich holen lassen, dass er ihm darin viel gottlose Meinungen gewiesen und sich hoch vermessen habe, den Übersetzer bei der Obrigkeit anzugeben, um ihn zur Strafe zu ziehen.

Eine schreckliche Nachricht macht desto stärkern Eindruck, je mehr das Gemüt vorher dem Vergnügen geöffnet gewesen. Sebaldus war daher ganz betäubt; und da van der Kuit fortfuhr, grässliche Märchen zu lügen, von der Strenge, womit man in diesem land gegen die Ketzer verfahre, dass man sie in Zuchtäuser bringe, zur Festungsarbeit anschmiede, in entfernte Kolonien verbanne und dergleichen mehr, so ward der gute Mann, der in Weltändeln völlig unerfahren war und sich nie um die Verfassung irgendeines Landes bekümmert hatte, ganz ausser Fassung gebracht. Es stellten sich ihm zugleich Dwanghuysen, Puistma, der Seelenverkäufer, Stauzius, Wulkenkragenius, der Präsident und alle widrige begebenheiten seines Lebens so schreckenvoll dar, dass er den treulosen van der Kuit bei der Hand ergriff und ängstlich ausrief:

"Ach, mein Gott, was ist das! Könnte ich doch nur aus diesem grausamen land entfliehen, ich wollte gehen, so weit mich meine Füsse tragen könnten."

Van der Kuit war eigentlich nur willens gewesen, da er Sebaldus' geringe Weltkenntnis übersah, ihn durch einen eingebildeten Rechtshandel so in Verlegenheit zu bringen, dass er sich ganz in seine arme werfen müsste, wodurch denn der Zweck wegen des Tagebuchs und der unterzuschiebenden Mitarbeiter desto leichter zu erlangen sein müsste. Da ihm aber Sebaldus aus übertriebener Ängstlichkeit noch ein sichereres Mittel an die Hand gab, so fasste er, als ein weltkluger Mann, gleich dessen Gedanken auf und sagte mit treuherzig scheinender Miene, er glaube in der Tat, es sei für ihn kein Heil als in einer schnellen Flucht zu finden.

"Freilich", rief Sebaldus, herzlich beklemmt, "ich muss weg! Aber wohin? Wie soll ich so schnell und auch unerkannt aus dem land kommen? Ich weiss weder Weg noch Steg, habe auch kein Geld! Nach Ostindien zu gehen, habe ich allen Mut verloren. Nach Deutschland? Wie soll ich dahin zurückkommen? grosser Gott, was wird aus mir werden."

Diesen Zeitpunkt nahm van der Kuit wahr, ihn mit vielen schönen Worten zu versichern, dass ein jeder ehrlicher Mann dem andern beistehen müsse. Er setzte hinzu, er wolle mit ebender Ehrlichkeit und Freundschaft, womit er ihn vor Unglücke gewarnt habe, ihm nicht allein zur Flucht nach Deutschland behilflich sein, sondern sogar auch mit Gelde helfen, wenn ihm Sebaldus nur den Vorrat und das Verlagsrecht der Werke des Kollegianten, besonders des gelehrten Tagebuchs, abtreten wolle. Sie wurden bald um etwa hundert Gulden einig, worüber van der Kuit, mit der ihm eignen Tätigkeit in Geschäften, sogleich eine Verschreibung aufsetzte und auch unverzüglich das Geld auszahlte.

Darauf eilte van der Kuit dienstfertigerweise, den Sebaldus unter fremdem Namen auf die Post nach Arnheim einschreiben zu lassen, ging auch hernach nicht einen Augenblick von ihm, bis er ihn den andern Morgen früh um sechs Uhr nach dem Cingel80 gebracht hatte und ihn und sein weniges Gepäck wohlbehalten auf dem Postwagen sah.

Sebaldus fuhr in grosser Herzensangst fort und sah sich beständig um, ob nicht ein Wagen mit Gerichtsdienern hinter ihm käme, um ihn einzuholen. Diese heftige Gemütsbewegung hatte auf seine Gesundheit einen solchen Einfluss, dass er abends ein heftiges Fieber hatte, als er in Arnheim ankam. Er wollte sich dennoch, der eingebildeten Gefahr wegen, nicht einen Augenblick aufhalten. Gleichwohl war es zu spät, annoch wieder aus der Stadt zu kommen; er musste also voll sorge und Bekümmernis die Nacht aushalten. Des Morgens aber, mit Tagesanbruche, ging er in grösster Eil zu fuss nach dem zwei Stunden entlegenen ersten klevischen Städtchen Sevenaer, wo er, von Fieberhitze und Ermattung übernommen, liegenblieb.

Die Krankheit ward gefährlich, und da er nach etlichen Wochen zu genesen anfing, war durch die Kosten der Reise, des Wirts und des Arztes sein Geldvorrat fast gänzlich aufgezehret, so dass er in grosser Schwachheit und Armut weiterschlich. So kurz seine Tagereisen waren, so musste er fast immer einen Tag um den andern wegen grosser Mattigkeit liegenbleiben, bis er endlich in einem Dörfchen wieder vom Fieber ergriffen wurde, so dass er nicht weiterkonnte. Er liess den Mut gänzlich sinken, erwartete alle Nächte ruhig den Tod, bei Tage aber hatte er kaum so viel Kraft, sich bis an den Eingang des Dorfs zu schleppen, wo er beflissen war, den Reisenden das Heck aufzumachen, und von ihrem geringen Almosen nur kümmerlich sein Leben hinhalten konnte, dessen er nun völlig satt war.

Achtes Buch

Erster Abschnitt

Die frische Luft und der wohltätige Einfluss der Sonne gaben unvermerkt dem matten Körper des Sebaldus wieder einige Kräfte. Dabei ward auch sein Geist ruhiger, und er fing an, seinen elenden Zustand zu ertragen.

Eines Tages sah er zwei Leute zu Pferde von weitem ankommen, einen mit einem blauen Frack bekleidet, auf einem mutigen Hengste, und den andern in einem rosenroten Rocke mit silbernen Fransen, auf einem gemächlichen Passgänger. Er eilte, so geschwind als es seine Schwachheit erlaubte, das Heck aufzumachen, und zeigte, indem er seine Mütze abzog, sein vor Alter, Ungemach und Gram gereiftes Hauptaar.