verteidigen und derjenige, der draussen ist, sie nimmer mit Vorteile angreifen kann. Aber wie, wenn wir diese Festungen, die uns eigentlich nichts hindern, liegenliessen und mit der gesunden Vernunft geradezu ins Land drängen? Die Priester hatten bis ins sechzehnte Jahrhundert ihr System in gar künstliche dialektische Schlingen verwickelt. Luter liess sie und ging gerade auf die Bibel, die er allen, die lesen konnten, in der Landessprache in die hände gab. Die fleissige Lesung dieses buches erwärmte das Herz und erleuchtete den Verstand dadurch, dass sie das Nachdenken beförderte. Wollen wir auf einem gleichen Wege nicht weiter fortgehen? Freies Nachdenken und Überlegen führen sicherer zur Wahrheit als spitzfindige Lehrgebäude."
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"Man setzet immer die Vernunft der Offenbarung entgegen. Dies mag der nötig finden, der an eine unerklärliche Teopneustie glaubt. Ich hoffe aber, es sei niemand jetzt mehr so einfältig, sich einzubilden, Gott habe die heiligen Bücher unmittelbar und übernatürlich eingehaucht. Es sind Bücher, welche zu schreiben Vernunft hat müssen angewendet werden und zu deren Lesen und Verstehen auch Vernunft gehört."
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"Samuel Werenfels72, einer der gelehrtesten und rechtschaffensten Gottesgelehrten in der Schweiz, schrieb in seine Bibel:
Hic liber est, in quo sua quaerit dogmata quisque;
Invenit et pariter dogmata quisque sua. Dass dieses wahr sei, lehret die Kirchengeschichte aller Sekten. Wer viel und wer wenig glaubet, der Rechtgläubige wie der Schwärmer suchen und finden ihre Lehre in der Bibel. Wie nun? Ich meine, was geschehen ist, sei nicht ohne weise Absichten der göttlichen Vorsehung geschehen. Gott hat aber weder das Alte Testament noch das Neue Testament selbst unmittelbar aufgezeichnet. Er hat gute Leute ausersehen, welche Bücher geschrieben haben, die durch verschiedene Vorfälle bei einem grossen Teile des menschlichen Geschlechts in solches Ansehen kamen, dass derselbe aus ihnen seine Pflichten hat kennenlernen wollen. Die Bücher aber sind so eingerichtet, dass diese Erkenntnis nicht ohne Betrachtungen und Schlüsse, folglich nicht ohne Nachdenken erlanget werden kann. Also sind diese Bücher insofern eine Quelle der Wahrheit, als sie das Nachdenken über Wahrheit befördern. Mögen immer die Schlüsse und Folgerungen aus denselben verschieden sein! Wenn sie nur alle zuletzt in gemeinsame Wahrheit zusammenfliessen, wollen wir uns gern beruhigen. Der heilige Hieronymus73 hat schon gesagt: 'Das Wort Gottes ist eine Perle. Jawohl, eine Perle! Denn gleichwie die Künstler die Perlen, wo es ihnen gut dünkt, durchbohren, so haben alle Sekten Gottes Wort nach ihrem Sinne ausgelegt' – und es auf den Faden ihres Lehrsystems gereihet.
Die heiligen Bücher sollen mir beständig Quellen des Nachdenkens über Wahrheit bleiben; aber nie werde ich den verdammen, der andere Quellen des Nachdenkens über Wahrheit zu finden glaubt, besonders wenn er mit mir auf gleiche gemeinsame Wahrheit zurückkommt. Verdamme, wer will, fast ganz Asien und Afrika und den grössten teil von Amerika. Millionen ihrer Einwohner kennen diese Bücher nicht; und doch hat sie der allgemeine Vater gewiss nicht ohne Wahrheit und ohne Glückseligkeit, die Folge derselben, lassen wollen."
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"Wenn ich in den heiligen Büchern eine Stelle finde, in welcher von einem Gott die Rede ist, und lese, erst nach Jahrhunderten sei gefunden worden, dass ein durch ein zu dünnes Pergament durchgeschlagener Querstrich74 diesen Gott veranlasset hat – wenn ich lese, dass nach Jahrhunderten entdeckt worden, es habe sich ein 'nicht'75 in den Text geschlichen, so dass anstatt der nicht sündigenden die sündigenden verstanden werden müssen: bin ich verdammenswert, weil ich glaube, die blossen Buchstaben einer Offenbarung, welche so vielen Veränderungen unterworfen waren, über deren wahre Lesarten man noch nicht einig ist, können nicht bloss und allein den Grund der Wahrheit und meiner künftigen Glückseligkeit entalten?
Wenn ich in der Kirchengeschichte lese, man habe jahrhundertelang gestritten, welche Bücher kanonisch sein sollten und welche nicht – wenn ich finde, dass der Kanon auf Konzilien bestimmt worden, und aus der Kirchengeschichte weiss, wie die Konzilien beschaffen waren – wenn ich das Buch des weisen Sirach unter den apokryphischen und ein anderes Buch voll mystischer Bilder unter den kanonischen finde: kann ich mich entalten, zu zweifeln und weiter zu untersuchen? Und was kann ich dazu brauchen als meine Vernunft, die auch eine Gabe Gottes ist?
Wenn ich in einem der geoffenbarten Bücher lese76: 'Wer übertritt und bleibet nicht in der Lehre Christi, der hat keinen Gott ... So jemand zu euch kommt und bringet diese Lehre nicht, den nehmet nicht zu haus und grüsset ihn nicht, denn wer ihn grüsset, der macht sich teilhaftig seiner bösen Werke' – wenn ich in einem andern lese77: 'Der HErr brachte um, die da nicht glaubeten': bin ich verfluchenswert, weil ich nicht mit blindem Köhlerglauben alles annehme, wie es buchstäblich dastehet, sondern vermeine, dass in diesen Büchern vieles nicht für die allgemeine Menschheit, vieles nicht für mich geschrieben sei, aber dennoch alles das Gute und Nützliche, was ich in diesen Büchern finde, zu der Masse der Erkenntnis schlage, die ich aus natur und Erfahrung geschöpft habe?"
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"Wenn ich zurückdenke, was man ein paar Jahrtausende lang mit der Bibel vorgenommen hat, um alles, was man wollte, darin zu finden, so muss ich erstaunen. Man hat sie dogmatisch, exegetisch, typisch, mystisch, prophetisch erklärt. Man hat sie übersetzt und kommentiert, parallelisiert und analysiert, abgekürzt und wieder paraphrasiert!
But tat's78 no news to te