von dem kühlen Wehen der Luft und dem frischen Geruche des federweichen Lagers. Sebaldus, insonderheit an Geist und Körper erfrischt, brach, in der Fülle seines Herzens, endlich in ein lautes Lob des Allmächtigen aus, der für seine geplagtesten Kreaturen in den einfachsten Genuss seiner Schöpfung Trost und Stärkung legte.
Der Schall des Dankgebets erweckte die Aufmerksamkeit zweier Geistlichen, die in der Gegend spazierengingen. Sie hatten vorher die unglückliche Gesellschaft nur mit der allgemeinen Teilnehmung betrachtet, welche die Menschenliebe keinem Elenden versagt. Jetzt traten sie näher, durch Sebaldus' stimme und Gebärden gerührt, ob sie gleich seine Worte nicht verstehen konnten. Sie betrachteten ihn aufmerksam, besonders schien der Ältere von beiden sehr bewegt, hob endlich die hände empor, tat einen Ausruf und wollte auf den Sebaldus zugehen. Der andere hielt ihn zurück, und man hörte, dass er sagte: "Lasst es sein, Ihr würdet es sonst nur noch schlimmer machen." Sie kehrten sich darauf um und sprachen einander ins Ohr.
Sebaldus, in frommer Entzückung, hatte diesen Vorfall nicht einmal bemerkt, aber seine gefährten fingen an, die Köpfe zusammenzustecken. Dies war genug für die argwöhnischen Wächter, den ganzen Trupp sogleich aufstehen zu lassen und ihn nach haus zu führen. Die beiden Geistlichen, nachdem der Zug sich in etwas entfernt hatte, folgten demselben von weitem bis an des Seelenverkäufers Haus, das sie auf diese Art entdeckten.
Fünfter Abschnitt
Der Geistliche, welcher den Sebaldus anreden wollte, war niemand anders als der rechtschaffene Prediger aus Alkmar. Er hatte wegen der Erbschaft eines Waisen eine Reise nach Amsterdam tun müssen – und erblickte bei diesem zufälligen Spaziergange den Mann, dessen Elend er schon einmal gemildert hatte, in noch grösserer Not.
Er war zu dessen abermaliger Errettung jetzt nicht minder tätig als vorher. Es währte nicht eine Stunde, so hatte er schon bei dem Hoofd-Offizier Anzeige getan und kam in Begleitung eines Gerichtsdieners in des Seelenverkäufers Haus, den Sebaldus zu fordern. Nur um wenig Minuten hätte er später kommen dürfen, so war seine menschenfreundliche Bemühung vergeblich. Denn da die Knechte wohl merkten, dass die beiden Geistlichen, aller ihrer Vorsicht ungeachtet, dem zug nicht ohne ursache nachfolgten, so war der Seelenverkäufer eben im Begriffe zu tun, was sonst geschah, wenn er eine Entdeckung befürchtete: nämlich in das Haus eines seiner Mitgenossen den Gefangenen zu schicken, um ihn den Nachforschungen der Obrigkeit zu entziehen. Auch jetzt sollte er verleugnet werden, aber der Gerichtsdiener, der dieses Haus der Tyrannei schon kannte, liess sich durch keine Einwendungen abweisen. Der Seelenverkäufer hatte daher kaum Zeit, in der grössten Verwirrung in den Keller zu laufen, dem Sebaldus seinen Reisesack wiederzugeben und auf die kriechendste Weise denselben fast fussfällig zu bitten, ihn nicht unglücklich zu machen, als ihm schon der Gerichtsdiener mit dem Geistlichen folgte. Der rechtschaffne Prediger umarmte den Sebaldus, und da er aus andern Vorfällen die Gewohnheit eines solchen Hauses wohl kannte, so zahlte er sogleich dem Seelenverkäufer ohne Einwendung eine beträchtliche Summe, die für das Elend von sechs oder sieben Tagen gefordert ward. Aber sobald dieses geschehen, sagte er ihm auch ins Gesicht, dass er alles anwenden würde, seine gewissenlose Behandlung unschuldiger Menschen zur Bestrafung ans Licht zu ziehen. Er liess sich weder durch des Seelenverkäufers vielfältige Entschuldigungen noch selbst durch Sebaldus' Bitten zurückhalten. Er tat dem Hoofd-Offizier noch eine ausführlichere Anzeige, worauf dieser, seinem amt gemäss, auf dem Stadtause vor den Schöppen den Seelenverkäufer anklagte. Sebaldus ward über alle Umstände der erlittenen grausamen Begegnung vernommen. Der Seelenverkäufer ward in Verhaft gezogen und nach völliger Untersuchung der Sache ins Raspelhaus gesetzt, obgleich der Prediger vor Endigung des Prozesses nach Alkmar zurückreisen musste und Sebaldus, frei von aller Rachbegierde, deshalb weiter keinen Schritt tat.
Indes führte der Prediger den Sebaldus, sobald er ihn aus den Händen des Bösewichts erlöset hatte, in das Haus seines Freundes, mit dem er vorher spazierengegangen war. Dieser, ein mennonitischer Lehrer, ein Mann von Verstand und Redlichkeit, stand mit den Kollegianten in Bekanntschaft, unterrichtete den Sebaldus von der Verfassung dieser friedsamen Gesellschaft noch näher und ging nun selbst mit ihm und dem luterischen Prediger in derselben gottesdienstliche Versammlung. Da stimmten sie alle, die Verschiedenheit ihres Lehrbegriffs und alle streitige fragen vergessend, in gemeinsamer Andacht das Lob Gottes an und betrachteten gemeinsam erkannte Wahrheit zu ihrer Erbauung. Eine Art des Gottesdienstes, die Sebaldus' Wünsche ganz befriedigte.
Nach der Versammlung begleiteten sie ihn, um das Empfehlungsschreiben aus Rotterdam an den Kollegianten abzugeben, welcher krankheitshalber nicht zugegen gewesen war. Er nahm den Empfohlnen als ein Vater und als ein Freund in sein Haus auf, so dass derselbe bei dieser liebreichen Begegnung in kurzem seine vorigen Widerwärtigkeiten vergass.
Der Kollegiant war ein wohlhabender Mann, dabei aber auch von ausgebreiteter Gelehrsamkeit und von edlen Gesinnungen, der seine Musse zum Besten der Wahrheit und Tugend anwendete. Er hatte schon verschiedene schätzbare Werke auf seine Kosten drucken lassen und eben jetzt eine gelehrte Zeitschrift angefangen, in der Absicht, den Weg zu bahnen, dass gemeinnützige Religionsbegriffe von leeren Schulspitzfindigkeiten gesondert würden. Er schrieb sie in lateinischer Sprache, weil damals in Holland die Vorurteile für eine hergebrachte Ortodoxie noch so stark waren, dass sich niemand so wie jetzt69 getrauete, Meinungen, die nicht im Kompendium stehen, in der Landessprache vorzutragen. Denn die Gottesgelehrten in allen Ländern lassen immer noch eher geschehen, dass man in der gelehrten Sprache neue Meinungen und Zweifel für sie allein bekanntmache