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der Zweck sei, ganz armen Leuten, die von allen Hilfsmitteln entblösset sind und freiwillig nach Ostindien gehen wollen, bis zur Abfahrt Nahrung und Equipierung zu reichen und sich durch das Handgeld, welches die Ostindische Kompanie gibt, und durch eine Verpfändung des künftigen Soldes wieder bezahlt zu machen. Es kann sein, dass die Absicht im Anfange ganz gut gewesen, aber jetzt wird sie durch die List harterziger Bösewichter fast immer zu schändlichem Missbrauche. Wenige gehen freiwillig, viele werden durch Ränke ins Garn gelockt, durch Peinigungen zur Unterschrift gezwungen, in Gefängnisse gesperrt, mit der elendesten Kost kaum beim Leben erhalten und zuletzt oft, von übler Begegnung und Kummer abgemergelt, anstatt aller Erfordernisse zu einer Seereise von einigen tausend Meilen kaum mit ein paar groben Hemden versehen. Und für diese elende Verpflegung werden so grosse Kosten angesetzt, dass das unglückliche Schlachtopfer in Ostindien wohl sechs oder sieben Jahre nicht für sich, sondern für den Seelhund arbeiten muss. Oh, könnte doch die christliche Obrigkeit dieses Landes solche unmenschliche Begegnung allezeit wissen, sie würde gewiss die Gerechtigkeit, die sie sonst immer ausübt, auch hier ausüben. Sie hat wirklich schon in den wenigen Fällen, die zu ihrer Kenntnis gekommen sind, exemplarisch gestraft. Könnte die edle Ostindische Kompanie doch nur erfahren, wie unerhört man oft ihren Namen missbraucht, sie würde zu ihrem Ruhme und zu ihrem Nutzen den Bösewichtern dies schändliche Handwerk dadurch legen, dass sie selbst auf dem ostindischen haus diejenigen, die sich ihrem Dienste widmen wollen, öffentlich und freiwillig annehmen und unter der Aufsicht redlicher Leute unterhalten und ausrüsten liesse. Aber bis einst ein Menschenfreund die stimme solcher Notleidenden zu den Ohren derer bringt, die dem Elende bis in die geheimsten Winkel nachspüren und ihm abhelfen können, wäre sehr zu wünschen, dass diese schreienden Ungerechtigkeiten wenigstens in Deutschland nicht unbekannt blieben. Man sollte sie dort in den Seestädten, auf allen Strassen, in allen Wirtshäusern, bei allen Zünften bekanntmachen, man sollte auf den Kanzeln davor warnen. Denn die Bösewichter schicken ihre Unterhändler nicht nur bis an die Stadttore Amsterdams, nicht nur bis an die Grenze, sie schicken sie nach Hamburg, Bremen und Stade. Sie gebrauchen unzählige Ränke, um den unvorsichtigen Seemann, den einfältigen Handwerker, den treuherzigen Bauer in ihre Schlingen zu ziehen. Ich selbst bin von ihnen aus Bremen durch die süssesten Vorspiegelungen weggelockt und in diesen elenden Zustand gebracht worden; ich habe aber zur Vorsicht das Vertrauen, dass er sich nun bald endigen wird."

Hier schwieg der Kranke aus Entkräftung, und Sebaldus war wieder seinen traurigen Gedanken überlassen. Er blieb darin den ganzen übrigen Tag, die Zeit ausgenommen, da eine sparsame Mahlzeit verzehrt wurde, die zugleich so beschaffen war, dass kaum der härteste Hunger den Widerwillen dagegen bezwingen konnte. Abends musste er sich unter den übrigen auf das elende Strohlager hinstrecken.

Den andern Morgen ward er wieder vor den Seelenverkäufer gebracht. Dieser suchte ihn durch freundliches Zureden und durch starkes Getränk zur Unterschrift zu verleiten. Da Sebaldus sich aber standhaft weigerte und aus seiner ungerechten Gefangenschaft entlassen zu werden verlangte, so hiess es endlich: er möchte vierzehn Gulden für wohnung und Kost des gestrigen Tages zahlen, dann könne er frei weggehen. Sebaldus, froh, griff in die tasche; aber ein angestellter Bube hatte ihm in der Nacht sein Geld gestohlen. Er ward nunmehr hart angefahren und ihm nur noch bis auf den Abend Bedenkzeit gegeben; und als er auch da noch bei seiner Weigerung blieb, ward er auf den Söller geführt, an einen Pfosten gebunden und so lange unbarmherzig gegeisselt, bis die Schmerzen ihn nötigten, endlich die verlangte Einwilligung zu geben.

Er ward in den Keller zurückgebracht und konnte die ganze Nacht kein Auge schliessen, teils wegen Schmerzen, teils wegen der Seufzer seines kranken Nachbars, welcher mit dem tod rang und gegen Morgen starb. Sebaldus fiel in die stumpfe Fühllosigkeit, durch die der tiefste Jammer erduldet wird, und erwartete sonder Bewegung, in welches unbekannte Land man ihn schleppen würde und welchem unbekannten Elende er noch entgegensehen sollte.

Indes verschaffte der Tod des einen Unglücklichen den übrigen unvermutet einige Erleichterung, denn der Geiz allein konnte den Seelenverkäufer etwas menschlicher machen. Er glaubte ein Kapital verloren zu haben, indem er den Verstorbenen sechs Wochen vergebens genährt hatte. Bei einigen Übergebliebenen äusserten sich noch dazu Schwachheiten, wodurch die Furcht entstand, es möchte ein ansteckendes Fieber unter ihnen einreissen. Dies bewirkte den Entschluss, sie sämtlich, nachdem sie mit Wein und starken Getränken etwas erquickt worden, frische Luft schöpfen zu lassen. Vorher ward jeder, der unterweges nur mucksen würde, mit der schärfsten Strafe bedrohet; und so liess sie der Seelenverkäufer, unter Begleitung sechs seiner Knechte und Unterhändler, ausgehen: wenn das Schleichen solcher durch Krankheit und Kummer abgezehrten Gestalten noch Gehen benennet werden kann. Mancher ehrliche Bürgersmann sah ihnen mit Mitleiden nach. Hin und wieder zuckte ein Vornehmer über sie die Achsel und rief: "'s sind ja nur Mofjes!" So zogen sie durch die schattigen Gänge der Plantage endlich zum Muider-Tore hinaus, um auf dem Dyk nach Seeburg reine Luft zu geniessen.

Sebaldus' Geist, obgleich von tiefem Elende niedergedrückt, erhob sich bei Erblickung der Aussicht, die nirgend ihresgleichen hat: auf dem Y und auf der Südersee tausend Segel, das ganze Gewühl des arbeitsamen Fleisses; auf der Landseite grünende Wiesen und Gärten, die ruhige Schönheit der natur.

Die Gesellschaft warf sich ins Gras und ruhte eine Stunde lang, erquickt