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Rat, Empfehlung, Unterstützung geben."

Sebaldus sah ihn an, schlug die Augen wieder nieder und sagte staunend: "Nach Alkmar? – Ja, da war ein guter lieber Mannso gutwie Ihr, mein Herr! – Aber wer steht mir dafür, dass irgendein Eiferer nicht auch ihn, so wie Euch, nötiget, mir einen Platz unter seinem dach zu versagen? – Nach Deutschland? Soll ich da schmerzliche Erinnerungen an das, was mir lieb war, holen und vielleicht noch eine neue Art von Verfolgern kennenlernen? – Nein, lieber nach Ostindien, so weit und so gefährlich der Weg auch ist. Vielleicht ist man dort noch vertragsam. Wo das Schulgezänk noch nicht Menschen gegeneinander aufgehetzt hat, wird wohl die Liebe nicht an Konfessionen gebunden sein. Vielleicht fände sich da eine Gesellschaft, die, streitige Lehrmeinungen beiseite setzend, nur gemeinsam erkannte Wahrheiten nutzen wollte, die, ohne nach Lehrformeln zu fragen, sich versammelte, um sich gemeinschaftlich zum Lobe Gottes zu ermuntern, sich gemeinschaftlich an gemeinnützige Pflichten zu erinnern. Welches Glück für mich, eine solche Gesellschaft anzutreffen! Welches Vergnügen, sie zu errichten! Oder ist's nur ein schöner Traum? Mag's doch! Dort ist wenigstens möglich, was in Europa durch Konfessionen und Synoden unmöglich gemacht wird."

"Unmöglich? Doch wohl nicht ganz", versetzte der Kaufmann. "Wenn Ihr, lieber Freund, sonst keine Ursachen habt, nach Ostindien zu gehen, als eine solche Gesellschaft zu suchen, so könnt Ihr sie viel näher, bei uns finden ..."

"Wie? Wo?" fiel ihm Sebaldus hastig ins Wort.

"In den vereinigten Provinzen und selbst auch hier in Rotterdam. Sie heissen Kollegianten oder Reinsburger, von einem dorf bei Leiden, wo sie jährlich zweimal zusammenkommen, um das Abendmahl zu halten. Man findet sie besonders in Amsterdam, wo sie auch ein Waisenhaus haben. Daselbst bin ich bei ihren gottesdienstlichen Versammlungen auf der Kaisersgracht im Oranienapfel oft mit inniger Erbauung gegenwärtig gewesen."

Der Kaufmann erzählte nun dem Sebaldus auf Verlangen kürzlich die geschichte und die Verfassung dieser bisher in ihrer Art einzigen Gesellschaft.

Sie entstand um 161966, als wegen politischer Ursachen, denen die Religion zum Vorwande dienen musste, die Remonstranten so sehr verfolgt wurden, dass man ihnen auch nicht verstatten wollte, Gottesdienst zu halten. Damals stifteten vier Brüder, Männer von unsträflichem Wandel, um der Härte der gesetz zu entgehen, anstatt der verbotenen Kirchen Kollegien oder Zusammenkünfte, wovon die Gesellschaft den Namen behalten hat. In der Folge gesellten sich zu ihnen viele von den friedsamen Taufgesinnten, doch nicht sie allein; denn die Kollegianten lassen zu ihren brüderlichen Versammlungen alle Christen, ohne auf besondere Lehrmeinungen oder Konfessionen zu sehen, weil sie sagen, dass man in die Stadt Gottes durch verschiedene Tore eingehen könne.67 Jeden unbescholtenen Mann und der keine Meinungen vorträgt, die ausdrücklich der Bibel zuwider sind, lassen sie nicht allein zum gemeinschaftlichen Genusse des Abendmahls, sondern verstatten ihm auch, öffentlich über gemeinnützige Wahrheiten zu reden, wozu sie keine besonders bestellte Lehrer haben. Denn jeder, der Kraft in sich fühlt, nützliche Lehren zu geben, trägt sie ohne Lehrton wie ein Freund an Freunde vor und pflegt am Ende seiner Rede die Versammlung bescheiden zu fragen: ob jemand wider diesen Vortrag etwas einzuwenden habe oder zur fernern Aufklärung der Wahrheit noch etwas beitragen wolle. Und hierauf fährt fort, wer will, mit gleicher Bescheidenheit seine Gedanken zu eröffnen.

Sebaldus war entzückt über diese Nachricht und wünschte nichts, als bald ein Glied einer Versammlung zu sein, die mit seinen Wünschen so vollkommen übereinstimmte. Da er in Rotterdam weder bleiben wollte noch konnte, so bekam er von dem Kaufmanne, nachdem er für seine Hofmeisterschafte anständig belohnet worden, Empfehlungsschreiben an einen ihm wohlbekannten Kollegianten in Amsterdam. Sebaldus suchte sogleich seine Sachen zusammen, die ein mässiges Päckchen ausmachten, fuhr nach Gouda, setzte sich daselbst in die Nachtschuit und liess sich unter den frohesten Erwartungen fortziehen.

Vierter Abschnitt

Er langte des Morgens früh um fünf Uhr vor Amsterdam, an dem Utrechter Tore, an. Gleich bei dem Aussteigen aus der Schuit kam ihm ein Deutscher entgegen, der ihn sehr dienstfertig: "Herr Landsmann!" anredete und sich erbot, ihn in eine gute Herberge zu bringen.

Sebaldus versetzte: "Wenn sie nur nicht zu kostbar ist, denn meine Barschaft ist gering. Ich bin ein armer abgesetzter Prediger."

"Sie sollen sehr billig behandelt und doch gut bedienet werden", rief der Herr Landsmann und griff nach Sebaldus' Reisesack, den er dienstwillig auf die Schulter nahm.

So traten sie bei Eröffnung des Tores in die Stadt. Sebaldus konnte nicht umhin, seine Freude zu bezeugen, dass er einen Deutschen gefunden, der ihn in dieser grossen Stadt zurechteweise, zumal da er der Sprache noch nicht gänzlich kundig sei.

"Ach ja, ehrwürdiger Herr", sagte sein Begleiter, "es ist mir Ihretwegen selbst lieb, dass ich mich von ungefähr am Tore befunden. Sie können gar nicht glauben, ehrwürdiger Herr, wie gefährlich es in dieser Stadt ist. Insonderheit gibt es böse Leute, die man Seelenverkäufer nennet, welche die unerfahrnen Fremden, besonders Deutsche, mit List in ihre Häuser lokken, um sie nach Ostindien in ein unbeschreibliches Elend zu verkaufen."

Sebaldus erstaunte, dass es so boshafte Menschen geben könne. Indem schrie sie ein gemeines Weib auf holländisch heftig