Sebaldus, "ob sie böse und gottlos gewesen." Hier erzählte er ausführlich die geschichte des Sokrates und schilderte den Charakter des Antonin. Er fragte, ob es nicht vielmehr gottlos sei, einen Fürsten zu verdammen, der nach seiner eignen Nachricht von seinem Grossvater gelernet: leutselig zu sein und sich nicht zu erzürnen; von seinem Vater: bescheiden und männlich zu werden; von seiner Mutter: Gottesfurcht und Freigebigkeit und nicht nur nichts Böses zu tun, sondern es auch nicht einmal zu denken65, und so weiter.
Der Kaufmann und seine Frau hörten aufmerksam zu.
Frau Elsabe gestand, wenn dieser Heide so gesinnet gewesen, könne es wohl nicht verdammlich sein, ihn zum Beispiele darzustellen. Ja sie möchte sich selbst nicht unterstehen, einen so guten Heiden zu verdammen.
Hiermit stimmte der Kaufmann überein. "Aber dies ist nicht meine sorge", sagte er zu Sebaldus, "denn die Domine wissen mit dem Verdammen geschwinder umzuspringen als unsereiner. Das schlimmste ist, dass ich Euch wider Willen der Domine nicht im haus behalten kann, weil sie allen Leuten sagen werden, dass Ihr keine rechte gewisse Religion habt."
"Eine rechte gewisse Religion? Mein Herr, die habe ich, Gottlob, denn ich weiss, an wen ich glaube. Aber dass mein Glauben mit dem, was verschiedene andere Leute glauben oder was sie andern Leuten als Formulare zu glauben vorschreiben, zuweilen nicht übereinstimmt, ist nicht meine Schuld. Der Glauben ist eine Gewissenssache, welche nicht kann geboten werden. Ich lasse gern einen jeden glauben, wovon er überzeugt zu sein meinet; warum wollt Ihr mir dieses nicht auch frei lassen?"
"Ich wohl", versetzte der Kaufmann, "aber die Domine schwerlich. Die lassen sich nicht gern widersprechen. Wenn Ihr einmal nicht für rechtsinnig gehalten werdet, werden sie beständig gegen Euch was einzuwenden haben; und auch gegen mich, wenn ich Euch in meinem haus behalte."
"Und wenn Ihr nicht recht luterisch seid", rief Frau Elsabe, "wird's immer heissen, unsern Ehepakten sei kein Genüge geschehen, denen zufolge doch mein zweiter Sohn recht luterisch erzogen werden muss."
"Luterisch!" rief Sebaldus aus. "Sind es denn etwa luterische Glaubensartikel, worüber gestritten worden? Ja wäre auch nur überhaupt der geringste Streit entstanden, wenn Euer Meester Puistma nicht einen so unvernünftigen Lärmen gemacht hätte? Ich sondere mich ja von der luterischen Kirche nicht ab. Und wenn ich es auch täte! Sind denn die Menschen jeder Konfession durchaus auch in eine ebenso eingeschränkte bürgerliche Gesellschaft eingeschlossen? Muss der, welcher sich von dieser oder jener Lehrmeinung nicht überzeugen kann, deshalb auch aller bürgerlichen Gemeinschaft entsagen? Darf man ohne den genauesten Glauben an teologische Formulare nicht die alten Sprachen oder die Geographie lehren? Macht ein Verdacht des Pelagianismus auch eine Wechselrechnung unrichtig oder eine Leibrentenberechnung unsicher? Wie weit wird endlich die Einschränkung durch Bekenntnisbücher gehen? Fragt man nicht fast schon, wenn man einen Bälgentreter, Pedell oder Einheizer braucht, ob er auch rechtsinnig sei? Endlich wird man nicht Luft schöpfen oder einen Tritt ins Land tun dürfen, wenn man nicht erst die symbolischen Bücher unterschreibt!"
"Nein", versetzte der Kaufmann, "da geht Ihr zu weit, mein lieber Meister! Unsere hochmögenden und edelmögenden Herren dulden in den sieben vereinigten Provinzen jedermann, wes Glaubens er auch sei. Nur freilich unsere ehrwürdigen Herren examinieren diejenigen genauer, die sich in den Häusern der Rechtsinnigen aufhalten. Wenn Ihr nicht in meinem haus wäret, könntet Ihr glauben, was Ihr wolltet. – Aber da Euch nun die Domine anklagen, kann ich Euch freilich nicht bei mir behalten, denn mit dem hirtenliebenden Jan Hagel mag ich nichts zu tun haben."
"Wahr ist's", sagte Frau Elsabe mit einem Seufzer, "Domine Ter Breidelen würde es mir bei allen Hausbesuchen vorhalten."
"Ja", fuhr der Kaufmann fort, "und Domine Dwanghuysen würde es mir in den kerkelyken Zamenkomsten beständig zu hören geben, dass ich einen Arminianer herbergte."
"grosser Gott!" rief Sebaldus, die hände gegen Himmel hebend. "Gütigstes Wesen voll allgemeiner Liebe, voll allmächtigen Wohltuns! Wie ist's möglich, dass die, welche sich deine Diener nennen, beinahe selbst die Sonne, die du über Gerechte und Ungerechte scheinen lässest, denen entziehen wollen, die dir auch dienen, nur nicht nach fremder Vorschrift, sondern nach eigenem Gewissen, dass sie sie aus der Welt stossen möchten, wenn's anginge!" Er legte seine Stirn in seine linke Hand.
Frau Elsabe sagte, indem sie die Augen trocknete: "Nicht aus der Welt, lieber Meister! Es wird sich für Euch ein anderer Aufentalt finden."
"Und ich will", setzte der Kaufmann hinzu, "Euch dazu alle mögliche Anleitung geben. Wollt Ihr nach Alkmar zurück oder sonst nach einer andern Stadt?"
Sebaldus, ohne ihn zu hören, fuhr in seinem Selbstgespräche fort:
"Was sollte deine vernünftige Geschöpfe zu Verträglichkeit und Liebe mehr vereinigen als dein Dienst; und was trennt sie mehr zu bitterm Zanke und Feindschaft!"
Der Kaufmann nahm ihn bei der Hand und sagte: "Beruhigt Euch. Hört mich! Wollt Ihr zurück nach Alkmar zu dem guten Pfarrer, oder wollt Ihr wieder nach Deutschland, oder denkt Ihr noch nach Ostindien zu fahren? Es sei, wo es sei! Ich will Euch