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, wird verfolgen. Auch ich lebe unter einer herrschenden Kirche, die verfolgt, soweit es die Obrigkeit zulässt. Aber dazu treibt nicht Lehre, sondern Herrschsucht und Rechtaberei. Du hast Ungemach erlitten von heftigen und herrschsüchtigen Männern, die ortodox waren. Freund! Hast du noch keinen Heterodoxen gesehen, der auch herrschsüchtig war? – Dann hättest du weniger Erfahrung als ich. Ich habe schon oft mit dem ersten Keime der Heterodoxie auch Eigendünkel und Rechtaberei aufsprossen sehen."

Sebaldus, beschämt, vermeinte: die böse Lehre von der ewigen Verdammnis mache doch die Gemüter so sehr geneigt, denjenigen, den man schon als einen künftig ewig Verdammten ansieht, auch schon hier zu verabscheuen.

"Mein Freund", rief der Prediger, "die dordrechtischen Rechtgläubigen dieses Landes haben nebst der Ewigkeit der Höllenstrafen noch die unbedingte Prädestination. Und dennoch ist in Alkmar so mancher brave Kalvinist, der mich nicht für prädestiniert hält, aber doch mich herzlich liebt. Ich bin lange in Amsterdam gewesen, wo hundert Sekten sich ihrem Lehrsysteme nach verdammen und friedlich nebeneinander leben."

"Ich bin", fiel ihm Sebaldus hastig ins Wort, "in Berlin gewesen, wo auch Religionsverwandten aller Art friedlich miteinander umgehen, und ich habe dort nichts vom Verdammen gehörtausgenommen etwa einmal."

"Ei", rief der Prediger, "wenn du es auch nur einmal gehört hast, so wird es doch wohl auch dort mehrmal geschehen. Höre meine Meinung: Nach meinem Lehrsysteme, das ich jahrelang durchgedacht habe, bist duich kann es nicht bergenin Irrtümern, die deiner künftigen Seligkeit hinderlich sind, wenn Gottes Gnade nicht viel weiter geht als die Einsichten, die ich aus seinem Worte schöpfen kann. Hierüber getraue ich mir aber nicht zu bestimmen. Sei also Gott und deinem Gewissen überlassen! Und nun? Warum sollt ich dich nicht lieben, wenn du sonst Liebe verdienst? Ich sagte vorher, wenn mein Sohn, dessen Tod ich beweine, bloss verirrt wäre und endlich wieder zu mir käme, würde ich ihm vergeben und ihn zu bessern suchen. So halte ich auch jeden verirrten Glaubensbruder ebenso gewiss, als ich wünsche, dass jeder Glaubensbruder, wenn ich mich verirre, gegen mich so handele. Auch dich, Freund, sehe ich als meinen Bruder an! Nicht dieser ganze Weltteil hat dich verstossen; hier ist noch ein Ort, und er ist hoffentlich nicht der einzige, wo Einfalt der Sitten, Eintracht und Gastfreundschaft herrschen. Bleib bei mir, mein Bruder! Mein Haus ist das deinige, und meinen Bissen teile ich mit dir, solange ich selbst noch einen Bissen habe."

Hiemit schloss er ihn in seine arme, und Sebaldus, beschämt wegen seiner Übereilung, stumm vor freudigem Erstaunen, konnte nur durch Tränen antworten.

Der Prediger hielt redlich, was er versprochen hatte. Er nahm den Sebaldus in sein Haus auf und versah ihn mit den notwendigsten Erfordernissen. Sie hatten den freundschaftlichsten Umgang. Freilich konnte es nicht fehlen, dass nicht beide sehr bald über Erbsünde, Wiedergeburt und Genugtuung zu disputieren anfingen, aber dies machte in den menschenfreundlichen Gesinnungen des Predigers keine Änderung, selbst alsdann noch nicht, wann Sebaldus Argumente vorbrachte, bei denen der gute Prediger einige Minuten stillschweigen und sich erst auf Gegenargumente besinnen musste.

Auf diese Art gingen einige Wochen vorbei, bis ein Kaufmann aus Rotterdam, der eine Partei Güter auf dem gestrandeten Schiffe gehabt hatte, deshalb nach Egmont kam und sich bei dieser gelegenheit einige Tage in Alkmar aufhielt, wo er den luterischen Prediger, seinen alten Bekannten, besuchte. Er sah daselbst den Sebaldus, und nach näherer Erkundigung trug er diesem die Erziehung seines zweiten Sohnes unter vorteilhaften Bedingungen an. Sebaldus beurlaubte sich also bei seinem Wohltäter und reisete mit dem Kaufmanne nach Rotterdam.

Zweiter Abschnitt

Der Kaufmann hatte bereits in seinem haus einen Hofmeister, der zur Erziehung seiner beiden Söhne gar wohl hätte hinlänglich sein können. Allein er hatte eine luterische Frau, und in den Ehepakten war festgesetzt, dass das erste Kind reformiert und das zweite luterisch erzogen werden sollte. Seine Frau, eine gutmütige Matrone, mit der er in allen Dingen, auch selbst in Absicht der zwischen ihnen verschiedenen Konfession in grösster Eintracht lebte, würde mit dem einen Hofmeister, ob er gleich reformiert war, sehr wohl zufrieden gewesen sein, wenn nicht Domine Ter Breidelen, ihr luterischer Gewissensrat, ihr die Nichterfüllung dieses Teils der Ehepakten so oft zu einer Gewissenssache gemacht und über diese Beeinträchtigung der reinen Lehre bei ihren mitluterischen Vettern und Muhmen so oft bittere Klagen geführt hätte, dass Frau Elsabe endlich anfangen musste, ihrem mann über diese Sache in den Ohren zu liegen. Dieser würde auch zu Befestigung des Hausfriedens sowie des Kirchenfriedens schon längst ihrem Verlangen ein Genüge getan haben. Bloss der Mangel eines dazu fähigen luterischen Kandidaten war bisher daran hinderlich gewesen.

Es ward also der zweite Sohn des Kaufmanns dem Sebaldus übergeben, zu nicht geringem Missvergnügen des reformierten Hofmeisters Meester Puistma, der den Knaben schon als sein Eigentum betrachtete und der es als ein Misstrauen gegen einen so gelehrten Mann auslegte, dass man einem andern das Kind anvertrauen wollte, dessen Erziehung er schon angefangen hatte. Wahr ist es, er besass ganz besondere Talente zu Erziehung der Jugend. Er war nicht umsonst fünf Jahre in Groningen und in Utrecht gewesen, um daselbst alle Worte der berühmtesten Hochlehrer nachzuschreiben und den reichsten Schatz holländischer Schulgelehrsamkeit und holländischer Rechtgläubigkeit einzusammeln. Er hatte alle Spitzfindigkeiten der Voetischen und Coccejanischen Teologie durchkrochen und