", antwortete Sebaldus, sich nicht getrauend, gegen den Prediger eine nähere Veranlassung anzugeben.
"Aber Unglück und Mangel lässt sich besser in der Nähe abhelfen, ohne die Seinigen zu verlassen."
"Ach, mir ist niemand übrig, der mich vermissen könnte, niemand ist" (die Tränen flossen ihm über die abgehärmten Wangen) "in diesem ganzen Weltteile, den ich den Meinigen nennen könnte."
"Du bist also nicht verheiratet, Freund, hast keine Kinder?"
Er sah den Sebaldus starr an und seufzte.
"Ach, meine Frau ist längst vor Kummer gestorben. Kinder? Ach ja, leider, ich habe Kinder. Eine Tochter, die meiner ganz unwürdig ist; einen Sohn, der in der Welt herumirret, seinen Vater längst vergessen hat – oder vielleicht auch" – setzte er verzweifelnd hinzu – "nicht mehr herumirret, denn seit zwei Jahren habe ich keine Nachricht von ihm."
"Und du nennest dich unglücklich, Freund, da du Kinder hast? Sieh mich an!" Er bedeckte sein Angesicht mit der Rechten. "Mein einziger Sohn ist tot, die Stütze meines Alters ist dahin! – Wollte Gott, er irrte noch in der Welt herum. – Ich wollte auf ihn warten, jahrelang warten! Hätte er Fehler begangen, welches göttliche Vergnügen, ihn zu bessern, ihm in meinen väterlichen Armen zu vergeben! Du hast unrecht, Freund! Dein Sohn wird von seinen Wanderungen zurückkehren, deine Tochter wird den Irrweg verlassen, ins väterliche Haus, zur Tugend zurückkehren wollen – und das väterliche Haus ist leer! Ihr Vater ist von ihnen geflohen! – Ach, Freund, sie sind unglücklicher als du!"
"Für mich ist kein Haus mehr da!" – Er sah den Prediger mit starrer Verzweiflung an. – "Nicht einmal ein Obdach in diesem ganzen Weltteile!" Sein Haupt senkte sich, und er legte seine gefalteten hände auf die Knie.
"Und wer hat es dir genommen?" sagte der Prediger mit einem Tone voll holländischer Kälte, die Sebaldus für Gleichgültigkeit nahm.
"Priester haben mich verfolgt", versetzte Sebaldus auffahrend, "weil ich die Wahrheit bekannte" – er stand hitzig auf –, "haben mich von land zu land gejagt, wollen mich nicht einen Bissen Brot essen lassen."
"Und, Freund, du bist gewürdigt worden, um der Wahrheit willen zu leiden, und nennest dich unglücklich? Weisst du nicht, welcher Lohn deiner dort wartet? – Wer waren die Feinde, die dich verfolgten? Vermutlich herrschsüchtige Prälaten, blutgierige Mönche, die Gott einen Dienst zu tun glauben, wenn sie die Ketzer vom Erdboden vertilgen? Unsere reformierte Brüder in Deutschland denken wohl zu gut, um ihre protestantischen Brüder zu verfolgen, wie hierzulande noch bisweilen geschieht."
"Ach, Reformierte? Luteraner waren es, der Reformation Erstgeborne, die auch nur allein die reine Lehre geerbt zu haben glauben."
Und nun, weil der gute Mann durch den Anblick der niederdrückenden Last seiner Unglücksfälle seine gewöhnliche Sanftmut und mit der Hoffnung eines bessern Zustandes auch seine Besonnenheit verloren hatte, kam seine ganze geschichte und alle seine heterodoxen Meinungen an den Tag.
Der Prediger, voll Erstaunen, sass einige Minuten stille, schlug die hände zusammen und rief:
"Wie? Keine Genugtuung, keine Erbsünde, keine ewigen Strafen? Freund, du behauptetst verderbliche Irrtümer, die mit dem einzigen Wege zur Seligkeit nicht bestehen können!"
Sebaldus hob ungeduldig die Augen empor und redete den Fischer in gebrochenem Holländisch an:
"Kennt Ihr keinen Handwerker oder Taglöhner, der noch nichts vom einzigen Wege zur Seligkeit gehört hat, der wird vielleicht noch einen Bissen Brot mit mir teilen. Ich sagt's Euch ja gleich, dass wir hier nichts ausrichten würden."
Damit wandte er sich zornig um und wollte zur tür hinausgehen.
Der Prediger sprang auf, drehte den Sebaldus mit beiden Händen herum, hielt ihn fest, schaute ihm gerade ins Gesicht und rief:
"Mensch! Warum verabscheust du einen Menschen, der den Weg zur Seligkeit für einzig hält? Warum hassest du ihn, ehe du ihn kennest?"
Sebaldus, bei dem der schnelle Zorn allemal der Übergang zur Selbsterkenntnis war, antwortete mit sehr gemässigter stimme:
"Ich hasse niemand; aber, Gott weiss es, diese Priester, welche ausschliessende Seligkeit an Lehrformeln binden, haben mich gezwungen, sie zu verabscheuen, weil sie jeden hassen und verfolgen, der, so wie ich, glaubt, dass Leben und nicht Lehre hier rechtschaffen und dort selig mache."
"Und wenn du", erwiderte der Prediger, indem er die hände sinken liess und seine Rechte auf Sebaldus' Schulter legte, "glaubst, dass man bei jeder Lehrmeinung rechtschaffen sein kann, warum willst du, dass man es nur bei der ortodoxen luterischen Lehre nicht sein könne, welche fromme Leute in Form gebracht haben, welche die Kirche angenommen und die Obrigkeit bestätigt hat?"
"Guter Alter", versetzte Sebaldus etwas stammelnd, "wenn du soviel Ungemach von herrschenden Rechtgläubigen erlitten hättest als ich, so würdest du die Frage nicht tun. Sie verdammen den, der anders denkt als sie, in alle Ewigkeit, und hier auf Erden hassen sie ihn als einen Verdammten und vertreiben ihn, soweit sie ihn erreichen können."
"Und das tun alle? Kennst du sie alle? Freilich, mein Freund, wer herrschen will