nein! Die Menschen müssen nicht zu vorwitzig sein. Wenn wir nicht der Untersuchungssucht ein Ziel setzen, wer weiss, wohin wir noch geraten. Da können wir noch Synkretisten und Indifferentisten, ja endlich gar Naturalisten werden."
Sebaldus: Ich glaube nicht, dass uns die Untersuchung so weit führen werde; aber ich für meine person folge dem Wege der Wahrheit ganz gelassen, wohin er mich auch führet.
Mackligius: Ach, Herr Magister, Herr Magister! Ich will ja lieber bleiben, wo ich bin, als mich so weit wagen. Ich werde gar zu unruhig, wenn ich an solche Dinge denke; darum vermeide ich sie, und das tun Sie nur fein auch.
Sebaldus: Wenigstens will ich niemand zureden, hierin weiter zu gehen, als ihn seine Neigung führt. Indes erhellet aus allem diesen so viel, dass wir uns die Unfehlbarkeit in Glaubenssachen nicht zueignen können und also die Andersdenkenden lieben dürfen und wenigstens tolerieren müssen.
Mackligius: Nun ja, tolerieren ist auch viel kürzer, als wenn man soviel untersucht. Wir wollen sie, wie Sie ganz recht sagen, lieber tolerieren. Doch um wieder aufs Vorige zu kommen, tun Sie mir's immer zu Gefallen und predigen nicht ferner davon, dass man sie lieben müsse. Sehen Sie, wir haben hier in unserer Stadt unsere besondere Verfassung; und dann ist's bedenklich wegen der Neuerung mit den kalvinischen Tuchmachern.
Sebaldus: Sehr gern! Ich habe überhaupt nicht geglaubt, dass die Lehre, die ich predigte, so neu wäre, dass dadurch aufsehen erregt werden könnte; ich meinte wahrlich nur eine schon bekannte nützliche Lehre weiter einzuschärfen. Freilich, wenn die Ermahnung, unsere Brüder von andern Konfessionen mehr zu lieben, den Erfolg haben sollte, dass man sie mehr hasste, so ist's besser, ganz davon zu schweigen.
Mackligius gab ihm von ganzem Herzen darin recht, dass schweigen hier das beste wäre, und versicherte ihn, er kenne die rechtgläubigen Holsteiner und wisse gewiss, dass die Ermahnung, die Kalvinisten zu lieben, bei ihnen nur Hass zuwege bringen werde. Der ehrliche Sebaldus beseufzete eine so unchristliche Gemütsverfassung und geriet in das Lob einer wahren christlichen Toleranz, und Mackligius, wohl zufrieden, dass er nur den Hauptpunkt wegen des Predigens von ihm erlangt hatte, stimmte ihm in allem bei. Sebaldus fuhr fort: dass sich die Menschen über allerhand Meinungen, die noch nicht ausgemacht wären und auch wohl nicht ausgemacht werden könnten, nicht hassen, sondern sich vielmehr untereinander ertragen sollten; und Mackligius sagte ja, einmal über das andere.
Indem sie in diesem gespräche begriffen waren, trat ein Jude aus Rendsburg ins Zimmer, welcher beim Mackligius Geld umzusetzen und sonst zu handeln pflegte. Die beiden Geistlichen hatten sich durch die schönen Träume von christlicher Toleranz die Einbildung so erhitzt und das Gemüt in eine so selbstgefällige wohltätige Lage gebracht, dass sie sich stark genug fühlten, dieses Juden Bekehrung zu versuchen. Mackligius bewies ihm mit vielen Gründen, der Messias sei schon gekommen. Der Jude versetzte: es könne sehr wohl ein Messias gekommen sein, nur nicht der Messias der Juden, wofür er zum unwiderleglichen grund anführte, dass widrigenfalls er, der Jude, ein vornehmer Mann sein müsste, hingegen Mackligius vielleicht würde alte Kleider kaufen und Zerbster Drittel einwechseln müssen. Sebaldus hielt sich an das himmlische Jerusalem; der Jude aber wollte nur vom irdischen Jerusalem hören, wohin alle Juden in der Welt, wie er gewiss glaubte, noch einst würden versammelt werden. Alle drei wurden sehr hitzig. Endlich brach der Jude kurz ab: wenn der Herr Pastor heute nichts zu handeln habe, wolle er ein andermal wiederkommen, und ging zur Tür hinaus. Mackligius schalt nicht wenig über den blinden und verstockten Juden. Sebaldus sass eine Weile, den Kopf auf den Tisch gestützt; endlich schlug er sich an die Brust und rief aus:
"Ach, er ist ein Mensch wie wir, glaubt von seiner Meinung überzeugt zu sein wie wir, die ihn mit sich zufrieden macht wie uns die unsrige. Lassen Sie uns, dem barmherzigen Gott gleich, der uns alle erträgt, unsre Toleranz nicht nur auf alle Christen, sondern auch auf Juden und alle andere Nichtchristen ausdehnen!"
Sechster Abschnitt
Der Vorfall mit dem reformierten Taufzeugen erregte in der Stadt kein geringes aufsehen. Der Pastor Ehrn Lic. Wulkenkragenius eiferte in den Vormittagspredigten wider einen solchen grundstürzenden Irrtum, und der Archidiakon Ehrn Macklagius, ob er gleich sonst am Streiten keinen Gefallen hatte, war doch genötigt, da seine Reinigkeit in der Lehre seinen Beichtkindern verdächtig zu werden anfing, sich in den Nachmittagspredigten zu verteidigen. Die Erbitterung nahm täglich zu. Das ehrwürdige Ministerium teilte sich in zwei Parteien, wovon die grössere Hälfte wider Mackligius war, und man fasste einen Ministerialschluss, vermittelst dessen sowohl der Archidiakon als der Informator vor dem Konsistorium wegen falscher Lehre verklagt wurden.
Während dieses auf Tapet kam, starb ein reicher Brauer, welcher mit der ganzen Schule, mit Wachslichtern und Schildern und mit einer Leichenpredigt begraben ward. Das ganze geistliche Ministerium ging mit zur Leiche. Da war der Propst Ehrn Doktor Puddewustius, der Pastor Ehrn Buhkvedderius, der Pastor Ehrn Lic. Wulkenkragenius, der Archidiakonus Ehrn Weelsteertius, der Archidiakonus Ehrn Mackligius, der Diakonus Ehrn Mag. Slabörderius und der Diakonus Ehrn Pypsnövenius.
Ehrn Wulkenkragenius hielt eine Leichenpredigt von der Bewahrung der reinen Lehre. Er rühmte den Abscheu, welchen der Seligverstorbene beständig vor den kalvinischen Greueln gehegt habe