der Schrift, die ihr so sehr gefiel, die stärksten Stellen vor und beschloss mit den eben angeführten, an die Prediger gerichteten Worten. Hierauf nahm sie alles zusammen, um ihn zu bewegen, dass er den nächsten Sonntag seiner Gemeine predigen sollte: Sterbet freudig für das Vaterland!
Doch sie fand bei ihrem Mann einen stärkern Widerstand, als sie sich vorgestellt hatte. Sebaldus wusste ihrer feurigen Überredung hundert unerwartete kalte Gründe entgegenzusetzen; denn sein Geist geriet ohne Prophezeiung nicht leicht in Entusiasmus, und durch Doktor Stauzius' Einweihungspredigt war er gar nicht erwärmt worden. Unter andern meinte er, ein Geistlicher, wenn er glaube, oft genug gerufen zu haben: Tut Busse!, könnte noch eine Menge Wahrheiten predigen, die ihn alle noch nützlicher dünkten als der Tod für das Vaterland. "Und", setzte er hinzu, "wo ist in unserm unter Krieg und Verheerung seufzenden Deutschland jetzt wohl das Vaterland zu finden? Deutsche fechten gegen Deutsche. Das Kontingent unsers Fürsten ist bei dem einen Heere, und in unserm Ländchen wirbt man für das andere. Zu welcher Partei sollen wir uns schlagen? Wen sollen wir angreifen? Wen sollen wir verteidigen? Für wen sollen wir sterben?"
Aber Wilhelmine hatte nun einmal lebhaft den Gedanken gefasst, es solle vom tod fürs Vaterland gepredigt werden, und da ihr Mann durch allgemeine Gründe nicht zu bewegen war, nahm sie zu solchen ihre Zuflucht, die ihn näher angingen. "Wie", sagte sie, "wird denn nicht in diesem Kriege wider die Franzosen gestritten? Die Deutschen sind echte Deutsche, die auf Türken und Franzosen losgehen! Sie haben mir, mein Lieber, oft von Weissagungen vom nahen Untergange Frankreichs vorgesagt, sollte in der Apokalypse keine Weissagung sein, die den itzigen Krieg angehet? Schlagen Sie doch nach. Wer weiss, ob in diesem Kriege nicht Deutsche das stolze Frankreich erobern sollen? Wenn es Ihnen nun vorbehalten wäre, durch Ihre Predigt zu diesem grossen Werke den ersten Anlass zu geben? Welcher Ruhm für Sie, wenn auch auf Sie und auf Ihre Predigt mit geweissagt wäre? Können Sie der Kraft so vieler Gründe wohl widerstehen? Ich dächte, Sie müssten dadurch determiniert werden!"
Der arme Sebaldus war nun bei allen seinen Schwächen angegriffen, denn Wilhelmine pflegte eben nicht die Apokalypse anzuführen, noch weniger pflegte sie der Franzosen mit widrigen Seitenblicken zu gedenken; und was den zureichenden und determinierenden Grund betraf, waren beide so schlechterdings entgegengesetzter Meinung, dass weder Sebaldus das Wort zureichend noch Wilhelmine das Wort determinierend jemals in den Mund zu nehmen pflegte. Es geschah also hier, was immer zu geschehen pflegt, nämlich dass die gefällige Freundlichkeit eines Frauenzimmers die besten Gründe einer Mannsperson unkräftig macht.
Sebaldus wählte für den nächsten Sonntag einen schicklichen Text aus der Apokalypse, und da dieses das, erstemal war, dass er einen aus diesem von ihm so geliebten buch auf Kanzel brachte, so hielt er seine Predigt vom Tod fürs Vaterland in einem ihm sonst nicht gewöhnlichen entusiastischen Feuer und nicht ohne Frucht. Denn beim Herausgehen aus der Kirche sah er auf dem Kirchhofe einen ziemlichen Auflauf und hörte jemand sehr laut reden. Als er näher hinzukam, vernahm er, dass ein im dorf liegender preussischer Unteroffizier, der mit in der Kirche gewesen war, zu seiner Predigt eine epanortotische Nutzanwendung hinzutat, wodurch denn zehn junge, rasche Bauerkerle bewegt wurden, auf der Stelle Dienste zu nehmen.
Dem Sebaldus klopfte hiebei das Herz etwas ängstlich, aber Wilhelmine jubilierte über den glücklichen Erfolg ihres Vorschlags. Sie wendete auf dem Wege aus der Kirche nach haus alles an, um ihrem mann ebenso freudige Gesinnungen mitzuteilen. Es würde ihr vielleicht gelungen sein, wenn nicht zwei Briefe, die sie bei ihrer Ankunft zu haus fanden, ihre Freude etwas niedergeschlagen hätten. Der eine war von einem Professor der Universität, wo ihr ältester Sohn studierte. Er meldete ihnen ohne Umschweife, dass ihr Sohn mit Hinterlassung vieler Schulden davongelaufen sei und dass niemand wisse, wohin. Beide Eltern fuhren bei dieser unvermuteten Nachricht zusammen und zitterten vor dem zweiten Brief, an dessen Aufschrift sie ihres Sohnes Hand erkannten. Der Sohn meldete darin, ohne von seinen Schulden etwas zu erwähnen, dass er es für einen guten Bürger für schimpflich halte, stillezusitzen, wenn das Vaterland in Not sei; dass die Römer und Griechen in ihrer Jugend Kriegsdienste getan hätten; dass er diesem glorreichen Exempel folgen wolle und daher zur Armee gegangen sei. Zugleich meldete er seinen Eltern, er habe vorderhand einen fremden Namen angenommen und wolle diesen so lange führen, bis er seinem wahren Namen Ehre mache. Sebaldus ward bei dieser Nachricht ganz blass, und Wilhelmine fiel mit einem lauten Geschrei rücklings aufs Kanapee. Sie besann sich aber bald, dass jetzt gelegenheit sei, spartanische Gesinnungen zu zeigen, und sagte nach einigen Minuten mit gebrochener stimme und mit tränenden Augen: "Ich habe ihn dazu geboren!" Sie suchte, so schwer es ihr ward, ihre heldenmütigen Gesinnungen bei sich wieder hervorzuziehen. Bald stellte sie sich die grossen Taten vor, die ihr Sohn verrichten würde; bald bedauerte sie nur, dass er seinen Namen verändert hatte, weil sie auf diese Art vor ihr unbemerkt geschehen könnten. Bald hoffte sie wieder, dass er, wenn er etwas Grosses verrichtet hätte, gewiss seinen Namen kundtun werde. Doch konnten alle diese heroischen Gesinnungen, mit denen sie sich tröstete und die dem Sebaldus gar keinen Trost gaben, weder ihre mütterliche Zärtlichkeit noch des Sebaldus weise