. Der Sykophant Physignatus, der dadurch wieder Mut bekam, verlangte von dem Nomophylax noch einmal zum Gehör gelassen zu werden, weil er auf die Rede seines Gegenteils etwas neues vorzubringen habe; und da ihm dieses, den Rechten nach, nicht versagt werden konnte, so liess er sich folgendermassen vernehmen:
"Wenn das gerechte Vertrauen zu einem so ehrwürdigen Gericht, wie das gegenwärtige, den verhassten Namen einer bestechenden Schmeichelei, womit mein Gegenteil solches zu belegen sich nicht gescheut hat, verdient – so muss ich mich darein ergeben, einen Vorwurf auf mir sitzen zu lassen, den ich nicht vermeiden kann; und ich glaube allenfalls durch eine allzuhohe Meinung von Euch, Grossmögende Herren, weniger zu sündigen, als mein Gegner durch die Einbildung, Eure Gerechtigkeit und Einsicht in einer so groben Schlinge zu fangen, als diejenige ist, die er Euch gelegt hat. Der Schein von gesunder Vernunft womit er seine plumpe Vorstellungsart der Sache überstrichen und ein Ton, den er seinem Clienten abgeborgt zu haben scheint, können höchstens eine augenblickliche Überraschung wirken; aber dass sie die Weisheit des obersten Rats von Abdera ganz umzuwerfen vermögend wären, wäre an mir Lästerung zu fürchten, und war Unsinn an ihm, zu hoffen. Wie? Polyphonus, anstatt die gerechte Sache seines Clienten zu behaupten, wie er vor dem ehrwürdigen Stadtgerichte und bisher immer hartnäckig getan hat, gesteht nun auf einmal selbst ein, dass der Eseltreiber unrecht und unsinnig daran getan habe, seine gegen den Zahnarzt Strution erhobne Klage auf sein vermeintes Eigentumsrecht an den Eselsschatten zu gründen er bekennt öffentlich, dass der Kläger eine unbefugte, ungegründete, frivole Klage erhoben habe: und er untersteht sich von Recht an Schadloshaltung zu schwatzen, und in dem trotzigen Tone eines Eseltreibers Genugtuung zu fordern? Was für eine neue unerhörte Art von Rechtsgelehrsamkeit, wenn der unrechtabende teil damit durchkäme, dass er am Ende, wenn er sich nicht mehr anders zu helfen wüsste, selbst gestünde, er habe Unrecht, und mit fünfundzwanzig Prügel, die er sich dafür geben liesse (und die ein Kerl, wie Antrax, schon auf seinen Buckel nehmen kann), sich noch ein Recht an Entschädigung und Satisfaction erwerben könnte? Gesetzt auch, des Eseltreibers Fehler bestünde bloss darin, dass er nicht die rechte Action instituiert: was geht das den unschuldigen Gegenteil oder den Richter an? Jener muss sich mit seiner Verantwortung nach der Klage richten; und dieser urteilt über die Sache, nicht wie sie vielleicht in einem andern Licht und unter einem andern Gesichtspunct erscheinen könnte, sondern wie sie ihm vorgetragen worden. Ich verspreche mir also im Namen meines Clienten, dass, der gegenteilischen Luftstreiche ungeachtet, die vorliegende Sache nicht nach dem neuen und allen bisherigen Verhandlungen zuwiderlaufenden Schwunge, den ihr Polyphonus zu geben gesucht, sondern nach Beschaffenheit der Klage und des Beweises abgeurteilt werde. Die Rede ist in gegenwärtigem Rechtsstreit nicht von Zeitverlust und Deterioration des Esels, sondern von des Esels Schatten. Kläger behauptete, dass sein Eigentumsrecht an den Esel sich auch auf dessen Schatten erstrecke, und hat es nicht bewiesen. Beklagter behauptete, dass er so viel Recht an des Esels Schatten habe, als der Eigentümer, oder was allenfalls daran abgehen könnte, hab' er durch den Mietcontract erworben; und was er behauptete, hat er bewiesen.
Ich stehe also hier, Grossmögende Herren, und verlange einen richterlichen Spruch über das, was bisher den Gegenstand des Streits ausgemacht hat. Um dessentwillen allein ist gegenwärtiges höchstes Gericht niedergesetzt worden! Dies allein macht jetzt die Sache aus, worüber es zu erkennen hat! Und ich unterstehe michs, vor diesem ganzen mich hörenden volk zu sagen: entweder ist kein Recht in Abdera mehr, oder meine Forderung ist gesetzmässig, und die Rechte eines jeden Bürgers sind darunter befangen, dass meinem Clienten das seinige zugesprochen werde!"
Der Sykophant schwieg, die Richter stutzten, das Volk fing von neuem an zu murmeln und unruhig zu werden, und die Schatten reckten ihre Köpfe wieder empor.
Nun, sagte der Nomophylax, indem er sich an Polyphonus wandte, was hat der klägerische Anwalt hierauf beizubringen?
"Hochgeachter Herr Oberrichter, erwiderte Polyphonus, Nichts – als Alles von Wort zu Wort, was ich schon gesagt habe. Der Process über des Esels Schatten ist ein so böser Handel, dass er nicht bald genug ausgemacht werden kann. Der Kläger hat dabei gefehlt, der Beklagte hat gefehlt, die Anwälte haben gefehlt, der Richter der ersten Instanz hat gefehlt, ganz Abdera hat gefehlt! Man sollte denken, ein böser Wind habe uns alle angeblasen, und es sei nicht so ganz richtig mit uns gewesen, als wohl zu wünschen wäre. Käm' es schlechterdings darauf an, uns noch länger zu prostituieren: so sollte mir es wohl auch nicht an Atem fehlen, für das Recht meines Clienten an seines Esels Schatten eine Rede zu halten, die von Sonnenaufgang bis zu Sonnenuntergang dauren sollte. Aber, wie gesagt, wenn die Komödie, die wir gespielt haben, so lange sie bloss Komödie blieb, noch zu entschuldigen ist: so wär' es doch, dünkt mich, auf keine Weise recht, sie vor einem so ehrwürdigen Gerichte, wie der hohe Rat von Abdera, länger fortzuspielen. Wenigstens habe ich keine Instruction dazu, und überlasse Euch also, Grossmögende Herren, unter nochmaliger Wiederholung alles dessen, was ich im Namen des erlauchten und sehr ehrwürdigen Erzpriesters zu Recht gefordert habe, den Handel nun abzuurteln und auszumachen wie es Euch die Götter