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Herren! fodre ich etwas Unbilliges? Sehet hier das ganze Abdera, das sich unzählbar an die Stufen dieser hohen Gerichtsstätte drängt, und im Namen eines verdienstvollen schwergekränkten Mitbürgers, ja im Namen der Republik selbst, Genugtuung erwartet, Genugtuung fordert. Bindet die Ehrfurcht ihre Zungen: so funkelt sie doch aus jedem Auge, diese gerechte, diese nicht zu verweigernde Forderung! Das Vertrauen der Bürger, die Sicherheit ihrer Gerechtsame, die Wiederherstellung unsrer innerlichen und öffentlichen Ruhe, die Begründung derselben auf die Zukunft, mit einem Worte, die Wohlfahrt unsers ganzen staates, hängt von dem Ausspruch ab, den ihr tun werdet, hängt von Erfüllung einer gerechten und allgemeinen Erwartung ab. Und wenn in den ersten zeiten der Welt ein Esel das Verdienst hatte, die schlummernden Götter bei dem nächtlichen Überfall der Titanen mit seinem Geschrei zu wecken, und dadurch den Olympus selbst vor Verwüstung und Untergang zu retten: so möge jetzt der Schatten eines Esels die gelegenheit, und der heutige Tag die glückliche Epoke sein, in welcher diese uralte Stadt und Republik nach so vielen und gefahrvollen Erschütterungen wieder beruhiget, das Band zwischen Obrigkeit und Bürgern wieder fest zusammengezogen, alle vergangne Misshelligkeiten in den Abgrund der Vergessenheit versenkt, durch gerechte Verurteilung eines einzigen frevelhaften Eseltreibers der ganze Staat gerettet, und dessen blühender Wohlstand auf ewige zeiten sicher gestellt werde!"

Vierzehntes Kapitel

Antwort des Sykophanten Polyphonus

Sobald Physignatus zu reden aufgehört hatte, gab das Volk, oder vielmehr der Pöbel, der den Markt erfüllte, seine Beistimmung mit einem lauten Geschrei, welches so heftig und anhaltend war, dass die Richter endlich zu besorgen anfingen, die ganze Handlung möchte dadurch unterbrochen werden. Die Partei des Erzpriesters geriet in Verlegenheit. Die Schatten hingegen, wiewohl sie im grossen Rat die kleinere Zahl ausmachten, fassten neuen Mut, und versprachen sich von dem Eindruck, den dieses Vorspiel auf die Esel machen müsste, einen günstigen Erfolg. Indessen ermangelten die Zunftmeister nicht, das Volk durch Zeichen zur Ruhe zu vermahnen; und nachdem der Herold endlich durch einen dreimaligen Ruf die allgemeine Stille wieder hergestellt hatte, trat Polyphonus, der Sykophant des Eseltreibers, ein untersetzter stämmichter Mann, mit kurzem krausem Haar und dicken pechschwarzen Augenbraunen, auf, erhob eine Bassstimme, die auf dem ganzen Markt widerhallte, und liess sich folgendermassen vernehmen:

"Grossmögende Vierhundertmänner!

Wahrheit und Licht haben das vor allen andern Dingen in der Welt voraus, dass sie keiner fremden hülfe bedürfen, um gesehen zu werden. Ich überlasse meinem Gegenpart willig alle Vorteile, die er von seinen Rednerkünsten zu ziehen vermeint hat. Dem, der Unrecht hat, kommt es zu, durch Figuren und Wendungen, und Fechterstreiche, und das ganze Gaukelspiel der Schulrhetorik Kindern und Narren einen Dunst vor die Augen zu machen. Gescheute Leute lassen sich nicht dadurch blenden. Ich will nicht untersuchen, wie viel Ehre und Nachruhm die Republik Abdera bei diesem Handel über einen Eselsschatten gewinnen wird. Ich will die Richter weder durch grobe Schmeicheleien zu bestechen, noch durch versteckte Drohungen zu schrecken suchen. Noch viel weniger will ich dem Volk durch aufwiegelnde Reden das Signal zu Lärmen und Aufruhr geben. Ich weiss, warum ich da bin, und zu wem ich rede. Kurz, ich werde mich begnügen zu beweisen, dass der Eseltreiber Antrax Recht hat. Der Richter wird alsdann schon wissen, was seines Amtes ist, ohne dass ich ihn daran zu erinnern brauche."

Hier fingen einige wenige vom Pöbel, die zunächst an den Stufen der Terrasse standen, an, den Redner mit Geschrei, Schimpfreden und Drohungen zu unterbrechen. Da aber der Nomophylax von seinem elfenbeinernen Tron aufstund, der Herold abermals Stille gebot, und die Bürgerwache, die an den Stufen stunde, ihre langen Spiesse lupfte: so ward plötzlich alles wieder stille, und der Redner, der sich nicht so leicht aus der Fassung bringen liess, fuhr also fort:

"Grossmögende Herren, ich stehe hier nicht als Sachwalter des Eseltreibers Antrax, sondern als Bevollmächtigter des Jasontempels, und von wegen des Erlauchten und sehr Ehrwürdigen Agatyrsus, zeitigen Erzpriesters und Obervorstehers desselben, Hüters des wahren goldnen Vliesses, obersten Gerichtsherrn über alle dessen Stiftungen, Güter, Gerichte und Gebiete, Oberhaupts des hochedeln Geschlechts der Jasoniden etc. um im Namen Jasons und seines Tempels von euch zu begehren, dass dem Eseltreiber Antrax Genugtuung geschehe, weil er im grund doch am meisten Recht hat; und dass er es habe, hoffe ich, trotz allen den Kniffen, die mein Gegner von seinem Meister Gorgias gelernt zu haben rühmt, so klar und laut zu beweisen, dass es die Blinden sehen, und die Tauben hören sollen. Also, ohne weitere Vorrede, zur Sache!

Antrax vermietete dem Zahnarzt Strution seinen Esel auf einen Tag; nicht zu selbst beliebigem Gebrauch, sondern um ihn, den Zahnarzt, mit seinem Mantelsack, halbenweges nach Gerania zu tragen, welches, wie jedermann weiss, acht starke Meilen von hier entfernt liegt.

Bei der Vermietung des Esels dachte natürlicherweise keiner von beiden an seinen Schatten. Aber als der Zahnarzt mitten auf dem feld abstieg, den Esel, der wahrlich von der Hitze noch mehr gelitten hatte als er, in der Sonne halten liess, und sich in dessen Schatten setzte, war es ganz natürlich, dass der Herr und Eigentümer des Esels dabei nicht gleichgültig blieb.

Ich begehre nicht zu leugnen, dass Antrax eine alberne und eselhafte Wendung nahm, da er von dem Zahnbrecher verlangte, dass er ihm für des Esels Schatten deswegen