1774_Wieland_109_94.txt

Alten, ist es dahin mit dir gekommen, dass abderitische Bürgersie, die bei jeder gelegenheit, aus vaterländischer Treue und nachbarlicher Freundschaft, bereit sein sollten, das Herz im leib mit einander zu teilenso eigennützig, so karg, so unfreundlich, was sag' ich, so unmenschlich sind, einander sogar den Schatten eines Esels zu versagen?

Dochverzeiht mir, werte Mitbürgerich irrte mich in dem Worteverzeiht mir eine unvorsetzliche Beleidigung. Derjenige, der einer so niedrigen, so rohen und barbarischen Denkart fähig war, ist keiner unsrer Mitbürger! Es ist ein blosser geduldeter Einwohner unsrer Stadt, ein blosser Schutzverwandter des Jasontempels, ein Mensch aus den dicksten Hefen des Pöbels, ein Mensch, von dessen Geburt, Erziehung und Lebensart nichts bessers zu erwarten war, mit einem Wort, ein Eseltreiberder, ausser dem gleichen Boden und der gemeinsamen Luft, die er atmet, nichts mit uns gemein hat, als was uns auch mit den wildesten Völkern der hyperboreischen Wüsten gemein ist. Seine Schande klebt an ihm allein; uns kann sie nicht besudeln. Ein abderitischer Bürger, ich unterstehe michs zu sagen, hätte sich keiner solchen Untat schuldig machen können.

Abernenn ich sie vielleicht mit einem zu strengen Namen, diese Tat? – Stellet euch, ich bitte, an den Platz eures guten Mitbürgers Strution, undfühlet!

Er reiset in seinen Geschäften, in Geschäften seiner edlen Kunst, die es bloss mit Vermindrung der Leiden seiner Nebenmenschen zu tun hat, von Abdera nach Gerania. Der Tag ist einer der schwülsten Sommertage. Die strengste Sonnenhitze scheint den ganzen Horizont in den hohlen Bauch eines glühenden Backofens verwandelt zu haben. Kein Wölkchen, das ihre sengende Strahlen dämpfe! Kein wehendes Lüftchen, den verlechzten Wandrer anzufrischen. Die Sonne flammt über seinem Scheitel, saugt das Blut aus seinen Adern, das Mark aus seinen Knochen. Lechzend, die dürre Zung' am Gaumen, mit trüben, von Hitze und Glanz erblindenden Augen, sieht er sich nach einem Schattenplatz, nach irgend einem einzelnen mitleidigen Baum um unter dessen Schirm er sich erholen, er einen Mund voll frischerer Luft einatmen, einen Augenblick vor den glühenden Pfeilen des unerbittlichen Apollo sicher sein könnte.

Umsonst! Ihr kennet alle die Gegend von Abdera nach Gerania. Zwei Stunden lang, zur Schande des ganzen Traciens sei es gesagt! kein Baum, keine Staude, die das Auge des Wandrers in dieser abscheulichen Fläche von magern Brach und Kornfeldern erfrischen, oder ihm gegen die mittägliche Sonne Zuflucht geben könnte!

Der arme Strution sank endlich von seinem Tier herab. Die natur vermocht' es nicht länger auszudauern. Er liess den Esel halten, und setzte sich in seinen Schatten. – Schwaches, armseliges Erholungsmittel! Aber so wenig es war, war es doch etwas!

Und welch ein Ungeheuer musste der Gefühllose, der Felsenherzige sein, der seinem leidenden Nebenmenschen, in solchen Umständen, den Schatten eines Esels versagen konnte? Wär' es glaublich, dass es einen solchen Menschen gebe, wenn wir ihn nicht mit eignen Augen vor uns sähen, Aber hier steht er, und, was beinahe noch ärger, noch unglaublicher als die Tat selbst ister bekennt sich von freien Stücken dazu; scheint sich seiner Schande noch zu rühmen; und, damit er keinem seines gleichen der künftig geboren werden mag, eine Möglichkeit, ihm an schamloser Frechheit gleich zu kommen, übrig lasse, treibt er sie so weit, nachdem er schon von dem ehrwürdigen Stadtgericht in erster Instanz verurteilet worden, sogar vor der Majestät dieses höchsten Gerichtshofes der Vierhundertmänner zu behaupten, dass er Recht daran getan habe. 'Ich versagte ihm den Eselsschatten nicht, spricht er, wiewohl ich nach dem strengen Recht nicht schuldig war, ihn darin sitzen zu lassen; ich verlangte nur eine billige Erkenntlichkeit dafür, dass ich ihm, zu dem Esel, den ich ihm vermietet hatte, nun auch den Schatten des Esels überlassen sollte, den ich nicht vermietet hatte.' Elende, schändliche Ausflucht! Was würden wir von dem mann denken, der einem halbverschmachtenden Wandrer verwehren wollte, sich ohnentgeltlich in den Schatten seines Baumes zu setzen, Oder wie würden wir denjenigen nennen, der einem vor Durst sterbenden Fremdling nicht gestatten wollte, sich aus dem wasser zu laben, das auf seinem Grund und Boden flösse?

Erinnert euch, o ihr Männer von Abdera, dass dies allein, und kein andres, das Verbrechen jener lycischen bauern war, die der Vater der Götter und der Menschen zur Rache wegen einer gleichartigen Unmenschlichkeit, die diese Elenden an seiner geliebten Latona und ihren Kindern ausübtenzum schrecklichen Beispiel aller Folgezeiten, in Frösche verwandelte. Ein furchtbares Wunder, dessen Wahrheit und Andenken mitten unter uns in dem heiligen Hain und Teich der Latona, der ehrwürdigen Schutzgöttin unsrer Stadt, lebendig erhalten, verewigt, und gleichsam täglich erneuert wird! Und du, Antrax, du ein Einwohner der Stadt, in welcher dieses furchtbare Denkmal des Zorns der Götter über verweigerte Menschlichkeit ein Gegenstand des öffentlichen Glaubens und Gottesdienstes ist, du scheutest dich nicht, ihre Rache durch ein ähnliches Verbrechen auf dich zu ziehen?

Aber, du trotzest auf dein Eigentumsrecht – 'Wer sich seines Rechts bedient, sprichst du, der tut niemand Unrecht. Ich bin einem andern nicht mehr schuldig, als er um mich verdient. Wenn der Esel mein Eigentum ist, so ist es auch sein Schatten.'

Sagst du das? Und glaubst