um das Schicksal von Abdera, bis an den hellen Morgen.
Zwölftes Kapitel
Der Entscheidungstag
Massregeln beider Parteien
Die Vierhundert versammeln sich, und das Gericht
nimmt seinen Anfang
Philantropischpatriotische Träume des
Herausgebers dieser merkwürdigen geschichte
Die verschiedenen Maschinen, welche man diesen Tag über auf beiden Seiten hatte spielen lassen, brachten den abderitischen Staatskörper, bei dem Anschein der grössten innerlichen Bewegung, durch die Stösse, die er nach entgegengesetzter Richtung erhielt, in eine Art von waagerechtes Schwanken, vermöge dessen um die Zeit, da die Vierhundert zu Entscheidung des Eselsschattenhandels zusammenkamen, sich alles ungefähr in eben dem stand befand, worin es einige Tage zuvor gewesen war, d.i. dass die Esel den grössten teil des Rats, die Patricier und die Ansehnlichsten und Vermöglichsten von der Bürgerschaft auf ihrer Seite hatten, die Schatten hingegen ihre meiste Stärke von der grösseren Anzahl zogen. Denn, seit dem grossen feierlichen Umgang um den Froschteich der Latona, welchen Strobylus den Abend zuvor veranstaltet, und dem die sämtlichen Schatten, mit dem Nomophylax Gryllus und dem Zunftmeister Pfrieme an ihrer Spitze, sehr andächtig beigewohnt hatten, war der Pöbel wieder gänzlich für die letztere Partei erklärt.
Es würde bei gelegenheit dieses Umgangs dem Priester Strobylus und den übrigen Häuptern derselben ein Leichtes gewesen sein, mittelst ihres Ansehens über einen fanatischen Haufen Volkes, welcher grösstenteils bei gänzlicher Zerrüttung der Republik mehr zu gewinnen als zu verlieren hatte, noch an selbigem Abend viel Unheil in Abdera anzurichten. Allein ausserdem, dass der Oberpriester im Namen des Archons noch einmal nachdrücklichst angewiesen worden war, den Pöbel in gehöriger Ordnung zu erhalten, und dafür zu sorgen, dass der Tempel und alle Zugänge zu dem geheiligten Teiche noch vor Sonnenuntergang geschlossen wären – so waren sie auch selbst weit entfernt, die Sache, ohne höchste Not, aufs äusserste treiben, oder die ganze Stadt in Blut und Flammen setzen zu wollen; und so klug waren sie doch, Trotz ihrer übrigen Abderiteit, um einzusehen, dass, wenn ihnen der Pöbel einmal die Zügel aus den Händen gerissen hätte, es nicht mehr in ihrer Gewalt sein würde, der ungestümen Wut eines so blinden reissenden Tiers wieder Einhalt zu tun. Der Zunftmeister begnügte sich also da der Umgang vorbei war, und die Türen des Tempels geschlossen wurden, dem auseinandergehenden volk zu sagen: er hoffe, dass sich alle redliche Abderiten morgen um neun Uhr auf dem Markte bei dem Urteil über den Handel ihres Mitbürgers Strution einfinden, und, so viel an ihnen wäre, dazu verhelfen würden, dass seine gerechte Sache den Sieg davon trage.
Die Einladung war zwar, ungeachtet der glimpflichen, und, seiner Meinung nach, sehr behutsamen Ausdrücke, worin er sie vorbrachte, nicht viel besser, als ein höchst illegales Verfahren eines aufrührischen Zunftmeisters, der im Notfall die Richter durch die unmittelbare Gefahr eines Tumults nötigen wollte, das Urteil nach seinem Sinn abzufassen. Allein dies war es auch, worauf es ankommen zu lassen die Schatten fest entschlossen waren; und da die andere Partei hievon völlig überzeugt war, so hatten sie ihrerseits alle mögliche Massregeln genommen, sich auf das Äusserste, was begegnen könnte, gefasst zu machen.
Der Erzpriester liess, sobald das Gericht den Anfang nahm, alle Zugänge zum Jasontempel von einer Schar handfester Gerber und Fleischer, die mit tüchtigen Knitteln und Messern versehen waren, besetzen; und in den Häusern der vornehmsten Esel hatte man sich in eine Verfassung gesetzt, als ob man eine Belagerung auszuhalten gedenke. Die Esel selbst erschienen mit Dolchen unter ihren langen Kleidern auf dem Gerichtsplatz: und einige von denen, die am lautesten sprachen, hatten die Vorsicht gebraucht, sogar einen Panzer unter ihrem Brustlatz zu tragen, um ihren patriotischen Busen mit desto grösserer Sicherheit den Stössen der Feinde der guten Sache entgegensetzen zu können.
Die neunte Stunde kam nun heran. Ganz Abdera stunde in zitternder Bewegung, erwartungsvoll des Ausgangs, den ein so unerhörter Handel nehmen würde; und niemand hatte sein Frühstück ordentlich zu sich genommen, wiewohl alles schon mit Tagesanbruch auf den Füssen war. Die Vierhundert versammelten sich auf der Terrasse der Tempel des Apollo und der Diana (dem gewöhnlichen Platz, wo der grosse Rat unter freiem Himmel gehalten wurde), dem grossen Marktplatz gegenüber, von welchem man auf einer breiten Treppe von vierzehn Stufen zur Terrasse hinauf stieg. Auch die Parteien mit ihren nächsten Anverwandten und mit ihren beiden Sykophanten hatten sich bereits eingefunden, und ihren gehörigen Platz eingenommen; indessen sich der ganze Markt mit einer Menge volkes anfüllte, dessen Gesinnungen durch ein lärmendes Vivat, so oft ein Ratsherr oder Zunftmeister von der Schattenpartei einhergestiegen kam, sich deutlich genug verrieten.
Alles wartete nun auf den Nomophylax, der, nach den Gewohnheiten der Stadt Abdera, in allen Fällen, wo die Versammlung des grossen Rates nicht unmittelbare Angelegenheiten des gemeinen Wesens betraf, das Präsidium bei demselben führte. Die Esel hatten zwar alles angewandt, den Archon Onolaus dahin zu bringen, dass er, weil es doch um ein neues Gesetz zu tun wäre, den elfenbeinernen Lehnstuhl (der, um drei Stufen über die Bänke der Räte erhöht, für den Präsidenten gesetzt war) mit seiner eignen ehrwürdigen person ausfüllen möchte. Aber er erklärte sich: dass er lieber das Leben lassen, als sich dazu verstehen wolle, über ein Eselsschattengericht zu präsidieren. Man hatte sich also gezwungen gesehen, seiner Delicatesse nachzugeben.
Der Nomophylax – als ein grosser Anhänger der Etikette, gewohnt, bei dergleichen Gelegenheiten auf sich warten zu lassen hatte dafür gesorgt, dass die Versammlung indessen