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aber sollten sie darum weniger Menschen sein, wenn sie schwarz oder olivenfarb wären?

"Was meinen Sie damit?"

Ich meine, dass die schönsten unter den ätiopischen Nationen (nämlich diejenigen, die nach unserm Massstabe die schönsten, das ist, uns die ähnlichsten sind,) durchaus olivenfarb wie die Aegyptier, und diejenigen, welche tiefer im festen land und in den mittäglichsten Gegenden wohnen, vom Kopf bis zur Fusssohle so schwarz und noch ein wenig schwärzer sind als die Raben zu Abdera.

"Was Sie sagen! – Und erschrecken die Leute nicht vor einander, wenn sie sich ansehen?"

Erschrecken: Warum dies? Sie gefallen sich sehr mit ihrer Rabenschwärze, und finden, dass nichts schöner sein kann.

"O das ist lustig! – riefen die Abderitinnen! – Schwarz am ganzen leib, als ob sie mit Pech überzogen wären, sich von Schönheit träumen zu lassen! Was das für ein dummes Volk sein muss! Haben sie denn keine Maler, die ihnen den Apollo, den Bacchus, die Göttin der Liebe, und die Grazien malen könnten? Oder könnten sie nicht schon vom Homer lernen dass Juno weisse arme, Tetis Silberfüsse, und Aurora Rosenfinger hat?"

Ach, erwiderte Demokritus, die guten Leute haben keinen Homer; oder wenn sie einen haben, so dürfen wir uns darauf verlassen, dass seine Juno kohlschwarze arme hat. Von Malern habe ich in Aetiopien nichts gehört. Aber ich sah ein Mädchen, dessen Schönheit unter seinen Landesleuten beinahe eben so viel Unheil anrichtete, als die Tochter der Leda unter den Griechen und Trojanern; und diese africanische Helena war schwärzer als Ebenholz.

"O beschreiben Sie uns doch dies Ungeheuer von Schönheit" – riefen die Abderitinnen, die, aus dem natürlichsten grund von der Welt, an dieser Unterredung unendlich viel Vergnügen fanden.

Sie werden Mühe haben sich einen Begriff davon zu machen. Stellen Sie sich das völlige Gegenteil des griechischen Ideals der Schönheit vor: die Grösse einer Grazie, und die Dicke einer Ceres; schwarze Haare, aber nicht in langen wallenden Locken um die Schultern fliessend, sondern kurz und von natur kraus wie Schafwolle. Die Stirne breit und stark gewölbt; die Nase kurz aufgestülpt, und in der Mitte des Knorpels flach gedrückt; die Wangen rund wie die Backen eines Trompeters, der Mund gross – (Philinna lächelte, um zu zeigen, wie klein der ihrige sei.)

Die Lippen sehr dick und aufgeworfen, und zwo Reihen von Zähnen wie Perlenschnuren

(Die Schönen lachten insgesamt, wiewohl sie keine andre Ursache dazu haben konnten, als ihre eignen Zähne zu weisen: denn was war sonst hier zu lachen?)

"Aber ihre Augen?" fragte Lysandra. –

O was die betrifft, die waren so klein und so wasserfarbig, dass ich lange nicht von mir erhalten konnte, sie schön zu finden – "Demokritus ist für Homers Kuhaugen, wie es scheint", sagte Myris, indem sie einen höhnischen Seitenblick auf die Schöne mit den grossen Augen warf.

In der Tat, (versetzte Demokritus, mit einer Miene, woraus ein Tauber geschlossen hätte, dass er ihr die grösste Schmeichelei sage,) schöne Augen müssten sehr gross sein, wenn ich sie zu gross finden sollte; und hässliche können, deucht mich, nie zu klein sein.

Die schöne Lysandra warf einen triumphierenden blick auf ihre Schwestern, und schüttete dann eine ganze Glorie von Zufriedenheit aus ihren grossen Augen auf den glücklichen Demokrit herab.

"Darf man wissen, was Sie unter schönen Augen verstehen?" fragte die kleine Myris, indem sich ihre Nase merklich spitzte.

Ein blick der schönen Lysandra schien ihm zu sagen: Sie werden nicht verlegen sein, die Antwort auf diese Frage zu finden.

Ich verstehe darunter Augen, in denen sich eine schöne Seele malt, sagte Demokritus.

Lysandra sah albern aus, wie eine person, der man etwas unerwartetes gesagt hat, und die keine Antwort darauf finden kann. Eine schöne Seele! – dachten die Abderitinnen alle zugleichWas für wunderliche Dinge der Mann aus fernen Landen mitgebracht hat! Eine schöne Seele! Dies ist noch über seine Affen und Papageien!

"Aber mit allen diesen Subtilitäten, sagte der dicke Ratsherr, kommen wir von der Hauptsache ab. Mir deucht, die Rede war von der schönen Helena aus Aetiopien, und ich möchte doch wohl hören, was die ehrlichen Leute so schönes an ihr finden konnten?"

Alles, antwortete Demokritus.

"So müssen sie gar keinen Begriff von Schönheit haben", sagte der Gelehrte.

Um Vergebung, erwiderte der Erzähler; weil diese ätiopische Helena der Gegenstand aller Wünsche war, so lässt sich sicher schliessen, dass sie der idee von Schönheit glich, die Jeder in seiner Einbildung fand.

"Sie sind aus der Schule des Parmenides?" sagte der Gelehrte, indem er sich in eine streitbare Positur setzte16.

Ich bin nichtsals ich selbst, welches sehr wenig ist; erwiderte Demokritus halb erschrocken. Wenn Sie dem Wort idee gram sind, so erlauben Sie mir, mich anders auszudrücken. Die schöne Gulleruso nannte man die Schwarze, von der wir reden

Gulleru? riefen die Abderitinnen, indem sie in ein Gelächter ausbrachen, das kein Ende nehmen wollte; Gulleru! welch ein Name! – Und wie ging es mit Ihrer schönen Gulleru? fragte die spitznasige Myris mit einem blick und in einem Tone, der noch dreimal spitziger als ihre Nase war