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der Schutz dieses Gottes alle lebende und leblose Dinge angehe, die sich in dem Umfang seiner Mauern befänden. Das Gesetz, wodurch die Zehnmänner vor einigen Jahren die Störche aus dem Gebiet von Abdera verwiesen hätten, gehe ihn nichts an; indem die Gerichtsbarkeit dieses Tribunals sich nur über dasjenige erstrecke, was auf den Dienst der Latona und die Gebräuche desselben Bezug habe. Und überhaupt sei bekannt, dass der Jasontempel nur in so ferne mit der Republik in Verbindung stehe, als sich diese bei dessen Stiftung öffentlich verbindlich gemacht, ihn gegen alle gewaltsame Unternehmungen einheimischer oder auswärtiger Feinde zu beschützen, übrigens aber von allem Gerichtszwange der abderitischen Tribunalien, und von aller Oberherrlichkeit der Republik selbst, vollkommen und auf ewig befreit sei. Er habe also, indem er die unbefugte Vorladung von sich abgewiesen, nichts getan, als was seine Würde von ihm erfordert; die Zehnmänner hingegen hätten durch diesen unbesonnenen Schritt, wozu die Mehrheit derselben von dem Priester Strobylus verleitet worden, ihn in den Fall gesetzt, von der Republik wegen einer so groben Verletzung seiner erzpriesterlichen Vorrechte, im Namen Jasons und aller Jasoniden die strengste und vollständigste Genugtuung zu fordern. Die Sache wäre von wichtigern Folgen, als die Anhänger des Zunftmeister Pfrieme und Strobylus mit seinen Froschpflegern sich vielleicht vorstellten. Das goldne Vliess, welches die Jasoniden als ihr wichtigstes Erbgut in diesem Tempel aufbewahrten, wäre seit Jahrhunderten als das Palladium von Abdera betrachtet und verehrt worden. Die Abderiten hätten sich also wohl vorzusehen, keine Schritte zu tun noch zuzulassen, wodurch sie vielleicht durch eigne Schuld desjenigen beraubt werden könnten, an welches nach einem uralten und zur Religion gewordnen Glauben das Schicksal und die Erhaltung ihrer Republik gebunden sei.

Der Erzpriester empfing auf diesen Vortrag von allen Anwesenden die stärksten Versicherungen ihres Eifers sowohl für die gemeine Sache, als für die Rechte und Freiheiten des Jasontempels. Man besprach sich über die verschiednen Massregeln die man nehmen wollte, um die Bürgerschaft in ihren guten Gesinnungen zu befestigen, und diejenigen wieder zu gewinnen, die entweder das vorgegebne Wunderzeichen mit den Fröschen der Latona irre gemacht, oder Strobylus gegen die Störche des Erzpriesters aufgewiegelt haben würde. Die Versammlung trennte sich hierauf, und jeder begab sich an seinen Posten, nachdem Agatyrsus sie alle zu einem feierlichen Opfer eingeladen hatte, welches er diesen Abend dem Jason in seinem Tempel bringen wollte.

Während dass dies im Palast des Erzpriesters vorging, war der Archon, äusserst missvergnügt über die nicht allzuehrenfeste Rolle, die er wider Willen hatte spielen müssen, nach haus gekommen, und hatte alle seine Verwandte, Brüder, Schwäger, Söhne, Tochtermänner, Neffen und Vettern, zu sich berufen lassen, um ihnen anzukündigen: was gestalten er fest entschlossen sei, morgenden Tages vor dem grossen Rat seine Würde niederzulegen, und sich auf ein Landgut, das er vor einigen Jahren auf der Insel Tasos gekauft hatte, zurückzuziehen. Sein ältester Sohn und noch etliche von der Familie waren bei diesem Familienconvent nicht zugegen, weil sie eine halbe Stunde zuvor zu dem Erzpriester waren gebeten worden. Da nun die übrigen sahen, dass Onolaus, aller ihrer Bitten und Vorstellungen ungeachtet, unbeweglich auf seinem Vorsatz beharrte: so schlich sich einer von ihnen weg, um der Versammlung im Jasonstempel Nachricht davon zu geben, und sie um ihren Beistand gegen einen so unverhofften widrigen Zufall zu ersuchen.

Er langte eben an, da die Versammlung im Begriff war, auseinander zu gehen. Diejenigen, denen die Gemütsart des Archon von langem her bekannt war, fanden die Sache bedenklicher, als sie beim ersten Anblick den Meisten vorkam. Seit zehn Jahren, sagten sie, ist dies vielleicht das erstemal, dass der Archon eine Entschliessung aus sich selbst genommen hat. Gewiss ist sie ihm nicht plötzlich gekommen! Er brütet schon eine geraume Zeit darüber, und der heutige Vorgang hat nur die Schale gesprengt, die über kurz oder lang doch hätte brechen müssen. Kurz, diese Entschliessung ist sein eigen Werk; man kann also sicher darauf rechnen, dass es nicht so leicht sein wird, ihn davon zurückzubringen.

Die ganze Versammlung geriet darüber in Unruhe. Man fand, dass dieser Streich in einem so schwankenden Zeitpunkt, wie der gegenwärtige, der ganzen Partei und der Republik selbst sehr nachteilig werden könnte. Es wurde also einhellig beschlossen; dass man zwar so viel von diesem Vorhaben des Archons unter das Volk kommen lassen müsste, als vonnöten sei, solches in Furcht und Ungewissheit zu setzen; zugleich aber wollte man auch veranstalten, dass noch vor dem Opfer im Jasonstempel die Angesehensten von den Räten und Bürgern beider Parteien sich zu dem Archon begeben, und ihn im Namen des ganzen Abdera beschwören sollten, das Ruder der Republik nicht mitten in einem Sturm zu verlassen, wo sie eines so weisen Piloten am meisten vonnöten hätten.

Der Gedanke, die Vornehmsten von beiden Parteien hierin zu vereinigen, wurde dadurch notwendig, weil man voraus sah, dass ohne dieses alle ihre Arbeit an dem Archon fruchtlos sein würde. Denn wiewohl er von Jugend an der Aristokratie eifrig ergeben war: so hatte er sich doch zu einem Grundsatz gemacht, nicht dafür angesehen sein zu wollen; und die Popularität, die er zu diesem Ende schon so lange affectierte, dass sie ihm endlich ganz natürlich liess, war es eben, was ihn beim volk so beliebt gemacht hatte, als noch wenige von seinen Vorfahren gewesen waren. Besonders aber hatte er, seitdem sich die Stadt in die zwo Parteien der Esel und der Schatten geteilt befand, einen ordentlichen Ehrenpunct darin