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die Zehnmänner um so mehr hätten versehen sollen, da ihnen nicht unbekannt sein konnte, dass der Jasontempel mit seiner Priesterschaft von der Gerichtsbarkeit der Stadt Abdera gänzlich befreit warsetzte sie in eine unbeschreibliche Verlegenheit; und der Oberpriester Strobylus geriet darüber in einen so heftigen Zorn, dass er vor Wut gar nicht mehr wusste, was er sagte, und endlich damit endigte, der ganzen Republik den Untergang zu drohen, wofern dieser unleidliche Stolz eines kleinen aufgeblasenen pfaffen, der (wie er sagte) nicht einmal als ein öffentlicher Priester anzusehen sei, nicht gedemütigt, und der beleidigten Latona die vollständigste Genugtuung gegeben werde.

Allein der Archon und seine drei Ratsherren erklärten sich: dass Latona (für deren Frösche sie übrigens alle schuldige Ehrerbietung hegten) nichts damit zu tun habe, wenn die Zehnmänner die Grenzen ihrer Gerichtsbarkeit überschritten. Ich hab' euchs vorhergesagt, sprach der Archon; aber ihr wolltet nicht hören. Würde mein Vorschlag angenommen worden sein, so bin ich gewiss, der Erzpriester hätte uns eine höfliche und gefällige Antwort gegeben, denn ein gut Wort findet eine gute Statt. Aber der ehrwürdige Oberpriester glaubte eine gelegenheit gefunden zu haben, seinen alten Groll an dem Erzpriester auszulassen; und nun zeigt es sich, dass er und diejenigen, die sich von seinem unzeitigen Eifer hinreissen liessen, dem Gericht der Zehnmänner einen Schandfleck zugezogen haben, den alles wasser des Hebrus und Nestus in hundert Jahren nicht wieder abwaschen wird. Ich gestehe es, (setzte er mit einer Hitze hinzu, die man in vielen Jahren nicht an ihm wahrgenommen hatte,) ich bin es müde, der Vorsteher einer Republik zu sein, die sich von Eselsschatten und Fröschen zu grund richten lässt, und ich bin sehr gesonnen, mein Amt, eh es Morgen wird, niederzulegen; aber so lang' ich es noch trage, Herr Oberpriester, sollt ihr mir für jede Unordnung haften, die von diesem Augenblick an auf den Strassen von Abdera entstehen wird. Und mit diesen Worten, die mit einem sehr ernstlichen blick auf den betroffnen Strobylus begleitet waren, begab sich der Archon mit seinen drei Anhängern hinweg, und liess die übrigen in sprachloser Bestürzung zurücke.

Was ist nun anzufangen, sagte endlich der Oberpriester, den die Wendung, die das Werk seiner Erfindung wider alles Vermuten genommen hatte, nicht wenig zu beunruhigen anfing; was ist nun zu tun, meine Herren?

Das wissen wir nicht, sagten die beiden Zunftmeister und der vierte Ratsherr, und gingen ebenfalls davon; so dass Strobylus mit den zwei Vorstehern des geheiligten Teichs allein blieben, und nachdem sie eine Zeit lang alle drei zugleich gesprochen hatten, ohne selbst recht zu wissen, was sie sagten, endlich des Schlusses eins wurden: fördersamst bei dem einen der Vorsteher die Mittagsmahlzeit einzunehmen, und sodann mit ihren Freunden und Anhängern zu Rate zu gehen, wie sie es nun anzufangen hätten, um die Bewegung, worein das Volk diesen Morgen gesetzt worden war, auf einen Zweck zu lenken, der den Sieg ihrer Partei entscheiden könnte.

Eilftes Kapitel

Agatyrsus beruft seine Anhänger zusammen

Substanz seiner Rede an sie

Er ladet sie zu einem grossen Opferfeste ein

Der Archon Onolaus will sein Amt niederlegen

Unruhe der Partei des Erzpriesters

über dieses Vorhaben

Durch was für eine List sie solches vereiteln

Inzwischen liess Agatyrsus, so bald die Abgeordneten der Zehnmänner sich wieder wegbegeben, unverzüglich die Vornehmsten von seinem Anhang im Rat und unter der Bürgerschaft, nebst allen Jasoniden, zu sich berufen. Er erzählte ihnen, was ihm so eben auf Anstiften des Priesters Strobylus mit den Zehnmännern begegnet war, und stellte ihnen vor, wie notwendig es nun für das Ansehen ihrer Partei so wohl als für die Ehre und selbst für die Erhaltung der Stadt Abdera sei, die Anschläge dieses ränkevollen Mannes zu vereiteln, und dem volk, welches er durch die lächerliche Fabel von der Wehklage der Latonenfrösche in Unruhe gesetzt, wieder einen entgegengesetzten Stoss zu geben. Es falle einem jeden von selbst in die Augen, dass Strobylus dieses armselige Märchen nur deswegen ersonnen habe, um die eben so ungereimte, aber wegen der abergläubischen Vorurteile des Volkes desto gefährlichere Anklage, die er gegen ihn, den Erzpriester, bei den Zehnmännern angebracht, vorzubereiten, und eine wichtige, die Wohlfahrt der ganzen Republik betreffende Sache daraus zu machen. Aber auch dies sei ihn grund doch nur ein Mittel, wozu er in der Verzweiflung gegriffen habe, um seiner darnieder gesunken Partei wieder auf die Füsse zu helfen, und von den Bewegungen, welche in der Stadt dadurch erregt worden, bei der bevorstehenden Entscheidung des Eselsschattenhandels Vorteil zu ziehen. Weil nun aus eben diesem grund leicht vorauszusehen sei, dass der unruhige Priester aus dem, was diesen Morgen mit den Zehnmännern vorgegangen, neuen Stoff hernehmen werde, ihn, den Erzpriester, bei dem volk verhasst zu machen, und im Notfall wohl gar einen abermaligen noch gefährlichern Aufstand zu erregen: so habe er für nötig gehalten, seine und des gemeinen Wesens zuverlässigste Freunde in den Stand zu setzen, dem volk und allen, die dessen bedürften, richtigere Begriffe von dem heutigen Vorgang und dessen allenfallsigen Folgen geben zu können. Was also die Störche anbelange, so wären solche ohne sein Zutun von selbst gekommen, und hätten sich auf einen Baum seines Gartens ein Nest gebaut. Er habe sich nicht für berechtigt gehalten, sie darin zu stören; teils weil die Störche seit undenklichen zeiten bei allen gesitteten Völkern im Besitz einer Art von geheiligtem Gastrechte stünden; teils weil die Freiheit des Jasontempels und