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jemand mitten unter uns verwegen genug sein könne, unsern uralten, von den ersten Stiftern unsrer Stadt auf uns angeerbten, und durch so viele Jahrhunderte unbefleckt erhaltenen Gottesdienst und dessen Gebräuche und heilige Dinge zu verachten, und, ohne Ehrerbietung weder für die gesetz noch den gemeinen Glauben und die Sitten unsrer Stadt, mutwilligerweise zu misshandeln, was uns allen heilig und ehrwürdig ist? Mit einem Wort, können Sie glauben, dass ein Mann mitten in Abdera lebt, der, dem Buchstaben des Gesetzes zu Trotz, Störche in seinem Garten unterhält, die sich täglich mit Fröschen aus dem Teich der Latona und andern geheiligten Teichen füttern?"

Erstaunen und Entsetzen drückte sich bei diesen Worten auf jedem Gesicht aus. Wenigstens musste der Archon, um nicht der einzige zu sein, der die Ausnahme machte, sich eben so bestürzt anstellen, als es seine übrigen Collegen wirklich waren. ist es möglich? schrieen drei oder vier von den Ältesten zugleich; und wer kann der Bösewicht sein, der sich eines solchen Verbrechens schuldig gemacht hat?

"Verzeihen Sie mir, erwiderte Strobylus, wenn ich Sie bitte, diesen harten Ausdruck zu mildern. Ich meines Orts will lieber glauben, dass nicht Gottlosigkeit, sondern blosser Leichtsinn, und was man heute zu Tage, zumal seit Demokritus sein Unkraut unter uns ausgestreut hat, Philosophie zu nennen pflegt, die Quelle dieser anscheinenden Verachtung unsrer heiligen Gebräuche und Ordnungen sei. Ich will und muss dies um so mehr glauben, da der Mann, der des besagten Frevels durch das einhellige Zeugnis von mehr als sieben glaubwürdigen Personen überwiesen werden kann, selbst ein Mann von geheiligtem stand, selbst ein Priester, mit einem Wort, da es der Jasonide Agatyrsus ist."

Agatyrsus? riefen die erstaunten Zehnmänner aus einem mund. drei oder vier von ihnen erblassten, und schienen verlegen zu sein, einen Mann von solcher Bedeutung, und mit dessen haus sie immer in gutem Vernehmen gestanden, in einen so schlimmen Handel verwickelt zu sehen.

Strobylus liess ihnen keine Zeit sich zu erholen. Er befahl, die Zeugen hereinzurufen. Sie wurden einer nach dem andern abgehört; und es ergab sich: dass Agatyrsus allerdings seit einiger Zeit zwei Störche in seinen Gärten unterhielt; dass man sie öfters über dem geheiligten Teiche schweben, und wirklich einen seiner quakenden Bewohner, der sich eben am Ufer sonnen wollte, die Beute derselben werden gesehen habe.

Wiewohl nun hierdurch die Wahrheit der Beschuldigung ausser allen Zweifel gesetzt schien: so glaubte der Archon Onolaus dennoch, dass es der Klugheit gemäss sein würde, zu Verhütung unangenehmer Folgen, mit einem mann wie der Erzpriester Jasons säuberlich zu verfahren. Er trug also darauf an, dass man sich begnügen sollte, ihm von Seiten der Zehnmänner freundlich bedeuten zu lassen: "Man sei geneigt für diesmal zu glauben, dass die Sache, worüber man sich zu beklagen habe, ohne sein Vorwissen geschehen sei; man verspreche sich aber von seiner bekannten billigen Denkart, dass er keinen Augenblick Anstand nehmen werde, die verbrecherischen Störche an die Vorsteher des heiligen Teiches auszuliefern, und den Zehnmännern sowohl als der ganzen Stadt hiedurch eine gefällige probe seiner achtung gegen die gesetz und religiösen Gebräuche seiner Vaterstadt zu geben."

drei Stimmen von neunen bekräftigten den Antrag des Archon; aber Strobylus und die übrigen setzten sich mit grossem Eifer dagegen. Sie behaupteten: ausserdem, dass es auf keine Weise zu billigen sei, eine so übermässige Gelindigkeit gegen einen Bürger von Abdera zu gebrauchen, der eines Verbrechens von solcher Schwere überwiesen sei, so erfodere auch die Gerichtsordnung, dass man ihn nicht eher verurteile, eh er gehört und zur Verantwortung gelassen worden. Strobylus trug also darauf an: dass der Erzpriester vorgeladen werden sollte, unverzüglich vor den Zehnmännern zu erscheinen, und sich auf die wider ihn angebrachte Klage zu verantworten; und dieser Antrag ging, Einwendens ungeachtet, mit sechs Stimmen gegen viere durch. Der Erzpriester wurde also mit allen in solchen Fällen üblichen Förmlichkeiten vorgeladen.

Agatyrsus war nicht unvorbereitet, als die Abgeordneten der Zehnmänner in seinem Haus erschienen. Nachdem er sie über eine Stunde hatte warten lassen, wurden sie endlich in einen Saal geführt, wo der Erzpriester, in seinem ganzen Ornat, auf einem erhöhten elfenbeinernen Lehnstuhl sitzend, das stotternde Anbringen ihres Wortalters mit grosser Gelassenheit anhörte. Als sie damit fertig waren, winkte er mit der Hand einem Bedienten, der seitwärts hinter seinem stuhl stand. Führe die Herren, sagte er zu ihm, in die Gärten, und zeige ihnen die Störche, von denen die Rede ist, damit sie ihren Principalen sagen können, dass sie solche mit eignen Augen gesehen haben; hernach bringe sie wieder hieher. Die Abgeordneten machten grosse Augen; aber die Ehrfurcht vor dem Erzpriester band ihre Zungen, und sie folgten dem Diener stillschweigend und als Leute, denen nicht ganz wohl bei der Sache war. Als sie wieder zurückgekommen, fragte sie Agatyrsus: ob sie die Störche gesehen hätten? und da sie insgesamt mit Ja geantwortet hatten, fuhr er fort: Nun so geht, macht dem sehr ehrwürdigen Gericht der Zehnmänner mein Compliment, und sagt denen, die euch geschickt haben: ich lasse ihnen wissen, dass diese Störche, wie alles übrige, was in dem Umfang des Jasontempels lebt, unter Jasons Schutze stehen; und dass ich die Anmassung, einen Erzpriester dieses Tempels vorzuladen, und nach den abderitischen Gesetzen richten zu wollen, sehr lächerlich finde. Und damit winkte er ihnen, sich wegzubegeben.

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