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Antwort zu geben. Allein der Ernst, womit diese Herren die Sache vorbrachten, und der seltsame Eindruck, den solche bereits auf die gegenwärtigen Personen aus dem volk gemacht zu haben schien, liessen ihn leicht voraussehen, dass in wenig Stunden die ganze Stadt von diesem vorgeblichen Wunder voll sein, und in schreckenvolle Ahndungen gesetzt werden würde, bei welchen ihm nicht erlaubt sein würde, gleichgültig zu bleiben. Es war ihm also nichts übrig, als sogleich in Gegenwart der Priester den Befehl zu geben, dass die Zehnmänner sich wegen eines ausserordentlichen Vorfalls binnen einer Stunde in dem Tempel der Latona versammeln sollten.

Inzwischen hatte, durch Veranstaltung des Oberpriesters, das Gerücht von einem furchtbaren Wunderzeichen, welches seit drei Nächten in dem Haine der Latona gehört werde, sich bereits durch ganz Abdera verbreitet. Die Freunde des Erzpriesters Agatyrsus, die nicht so einfältig waren, sich durch solches Gaukelwerk täuschen zu lassen, wurden dadurch erbittert, weil sie nicht zweifelten, dass irgend ein böser Anschlag gegen ihre Partei darunter verborgen liege. Verschiedene junge Herren und Damen von der ersten klasse affectierten über das vorgegebene Wunder zu spotten, und machten Partien, in der nächsten Nacht der neumodischen Trauermusik im Froschteich der Latona beizuwohnen. Aber auf das gemeine Volk und auf einen grossen teil der Vornehmern, die in Sachen dieser Art allentalben gemeines Volk zu sein pflegen, machte die Erfindung des Oberpriesters ihre vollständige wirkung. Das Pheu Pheu, Eleleleleleu der Latonenfrösche unterbrach auf einmal alle bürgerliche und häusliche Beschäftigungen. Alte und Junge, Weiber und Kinder liefen auf den Gassen zusammen, und forschten mit erschrocknen Gesichtern nach den Umständen des Wunders. Und da beinahe ein jedes die Sache aus dem eignen mund der ersten Zeugen gehört haben wollte, und der Eindruck, den man dergleichen Erzählungen auf die Zuhörer machen sieht, eine natürliche Anreizung für den Erzähler zu sein pflegt, immer etwas, das die Sache interessanter macht, hinzuzutun: so wurde das Wunder in weniger als einer Stunde in den verschiedenen Gegenden der Stadt mit so furchtbaren Umständen gefüttert, dass den Leuten beim blossen hören die Haare zu Berge standen. Einige versicherten, die Frösche, als sie den fatalen Gesang angestimmt, hätten Menschenköpfe aus dem Teich emporgereckt; andere, dass sie ganz feurige Augen von der Grösse einer Walnuss gehabt hätten; noch andere, dass man zu eben der Zeit allerlei fürchterliche Gespenster, ungeheure heulende Töne von sich gebend, im Hain umherfahren gesehen; wieder andere, dass es bei hellem Himmel ganz erschrecklich über dem Teich geblitzt und gedonnert habe; und endlich beteuerten einige Ohrenzeugen, dass sie ganz deutlich die Worte: Weh dir Abdera! zu wiederholtenmalen, hätten unterscheiden können. Kurz das Wunder wurde, wie gewöhnlich, immer grösser, je weiter es sich fortwälzte, und fand desto mehr Glauben, je ungereimter, widersprechender und unglaublicher die Berichte waren, die davon gegeben wurden. Und da man bald die Zehnmänner zu einer ungewöhnlichen Zeit in grosser Hast und mit bedeutungsvollen Gesichtern dem Tempel der Latona zueilen sah: so zweifelte nun niemand mehr, dass begebenheiten von der grössten Wichtigkeit in dem Becher des abderitischen Schicksals gemischt würden, und die ganze Stadt schwebte in zitternder Erwartung der Dinge, die da kommen sollten.

Das Collegium der Zehnmänner war aus dem Archon, den vier ältesten Ratsherren, den zwei ältesten Zunftmeistern, dem Oberpriester der Latona, und zwei Vorstehern des geheiligten Teiches zusammengesetzt, und stellte das ehrwürdigste unter allen abderitischen Tribunalien vor. Alle Sachen, bei denen die Religion von Abdera unmittelbar betroffen war, standen unter seiner Gerichtsbarkeit, und sein Ansehen war beinahe unumschränkt.

Es ist eine alte Bemerkung, dass verständige Leute durchs Alter gewöhnlich weiser, und Narren mit den Jahren immer alberner werden. Ein abderitischer Nestor hatte daher selten viel dadurch gewonnen, dass er zwo oder drei neue Generationen gesehen hatte; und so konnte man ohne Gefahr voraussetzen, dass die Zehnmänner von Abdera, im Durchschnitt genommen, den Ausschuss der blödesten Köpfe in der ganzen Republik ausmachten. Die guten Leute waren so bereitwillig, die Erzählung des Oberpriesters für eine Tatsache, die gar keinem Einwurf ausgesetzt sein könne, anzunehmen, dass sie die Abhörung der Zeugen für eine blosse Formalität anzusehen schienen, womit man so schnell als möglich fertig zu werden suchen müsse. Da nun Strobylus die Herren von der Richtigkeit des Wunders schon zum voraus so wohl überzeugt fand: so glaubte er um so weniger zu wagen, wenn er ohne Zeitverlust zu demjenigen fortschritte, weswegen er sich die Mühe genommen, die ganze Fabel zu erfinden.

"Von dem ersten Augenblick an, sagte er, da meine eignen Ohren Zeugen dieses Wunderzeichens gewesen sind, welches, wie ich wohl sagen kann, in den Jahrbüchern von Abdera niemals seines gleichen gehabt hat, stieg der Gedanke in mir auf: dass es eine Warnung der Göttin sein könnte vor den Folgen ihrer Rache, die, wegen irgend eines geheimen unbestraften Verbrechens, über unsern Häuptern schweben möchte; und dies setzte mich in die notwendigkeit, des Archons Gnaden zu gegenwärtiger Versammlung des sehr ehrwürdigen Zehnmännergerichts zu veranlassen. Was damals bloss Vermutung war, hat sich seit einer einzigen Stunde zur Gewissheit aufgeklärt. Der Frevler ist bereits entdeckt, und das Verbrechen durch Augenzeugen erweislich, gegen deren Wahrhaftigkeit um so weniger einiger Zweifel vorwaltet, da der Täter ein Mann von zu grossem Ansehen ist, als dass etwas geringeres als die Furcht der Götter Leute von gemeinem stand dahin bringen könnte, als Zeugen wider ihn aufzutreten. Sollten Sie es jemals für möglich gehalten haben, Hochgeachte Herren, dass