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, und selten recht weiss was er selbst will, geschweige was diejenigen mit ihm machen wollen, von denen er sich treiben lässt.

Agatyrsus, der nun das erklärte Haupt der Esel war, hatte durch seine Emissarien erfahren, dass die Gegenpartei durch nichts mehr bei der gemeinen Bürgerschaft gewonnen habe, als durch den Widerstand, den die Beschützer des Eseltreibers anfänglich taten, da die Sache vor den grossen Rat gespielt werden, sollte.

Da dieser Rat aus vierhundert Männern bestund, welche als die Repräsentanten der gesamten Bürgerschaft von Abdera angesehen wurden, und wovon beinahe die Hälfte wirklich blosse Krämer und Handwerksleute waren: so glaubte sich jeder gemeine Mann durch die vermeinte Absicht, die Vorrechte desselben einschränken zu wollen, persönlich beleidigt; und die Vorspieglung des Zunftmeisters Pfrieme, dass es auf einen gänzlichen Umsturz ihrer demokratischen Verfassung abgezielt sei, fand desto leichter Eingang.

In der Tat war es auch um das, was in der abderitischen Staatseinrichtung demokratisch schien, blosses Schattenwerk und politisches Gaukelspiel. Denn der kleine Rat, dessen zwei Drittel aus alten Geschlechtern bestunden, machte im grund alles was er wollte; und die Fälle, wo die Vierhundert zusammenberufen werden mussten, waren in dem abderitischen Grundgesetz auf solche Schrauben gesetzt, dass es beinahe gänzlich von dem Urteil des kleinen Rates abhing, wenn und wie oft sie die Vierhundertmänner zusammenberufen wollten, um zu dem, was jener schon beschlossen hatte, ihre Beistimmung zu geben. Aber eben darum, weil dieses Vorrecht der abderitischen Gemeinen nicht sehr viel zu bedeuten hatte, waren sie desto eifersüchtiger darauf; und um so nötiger war es, dem Volk das Gängelband zu verbergen, an welchem man es führte, indem es allein zu gehen glaubte.

Es war also ein wahrer Meisterstreich von dem Erzpriester, dass er sich nun auf einmal und in einem Augenblick, wo die wirkung davon plötzlich und entscheidend sein musste, dem Volk in einer Sache zu Willen erklärte, auf die es einen so hohen Wert legte. Und da er, anstatt etwas dabei zu wagen, vielmehr dadurch einen starken Riss in den Plan der Gegenpartei machte: so hatte diese letztere alle Ursache, nun auf neue Mittel und Wege zu denken, wie sie den Erzpriester und seinen Anhang wieder aus dem Vorteil heben, und den günstigen Eindruck auslöschen möchte, den er auf das gemeine Volk gemacht hatte.

Die Häupter der Schatten kamen noch an selbigem Abend in dem haus der Dame Salabanda zusammen, und beschlossen: dass man, anstatt die Ernennung eines nahen Tages zur Zusammenberufung der Vierhundert bei dem Archon zu betreiben, sich vielmehr (falls es nötig sein sollte) verwenden wolle, solche zu verzögern, um dem volk Zeit zu geben, sich wieder abzukühlen. Inzwischen wollte man die Bürgerschaft unter der Hand und mit aller Gelassenheit zu überzeugen suchen: wie töricht sie wären, sich von dem Erzpriester und seinen Miteseln als etwas Verdienstliches anrechnen zu lassen, was doch nichts weniger als guter Wille, sondern blosse gezwungne Folge ihrer Schwäche sei. Wenn die Esel es in ihrer Gewalt gehabt hätten, die Sache dem grossen Rat aus den Händen zu reissen, so würden sie es getan, und sich wenig darum bekümmert haben, ob es dem volk lieb oder leid sei. Dieser plötzliche Absprung von ihrem vorigen stadtkundigen Betragen sei ein allzu grober Kunstgriff, die Volkspartei zu trennen, als dass man sich dadurch betrügen lassen könne. Vielmehr habe man um desto mehr Ursache, auf seiner Hut zu sein, da es augenscheinlich darauf angesehen sei, das Volk durch süsse Worte einzuschläfern und unvermerkt dahin zu bringen, dass es unwissenderweise ein Werkzeug seiner eignen Unterdrückung werde.

Der Oberpriester Strobylus, der bei dieser Beratschlagung zugegen war, billigte zwar alles, was man tun könnte, um das Ansehen seines Nebenbuhlers bei der Bürgerschaft zu vermindern und seine Absichten verdächtig zu machen: "Allein ich zweifle sehr, setzte er hinzu, dass wir die gehofften Früchte davon erleben werden. Ich bereite ihm aber eine andere und schärfere Lauge zu, die desto besser wirken wird, wenn sie ihm ganz unversehens über den Kopf kommt. Es ist noch nicht Zeit, mich deutlicher zu erklären. Lasst mich nur machen! Mag er sich doch eine Weile mit der Hoffnung schmeicheln, den Priester Strobylus im Triumph hinter sich herzuschleppen! Die Freude soll ihm übel versalzen werden, darauf verlasst euch! Inzwischen wenn wir, wie ich hoffe, ehrlich an einander sind, und wenn es uns Ernst ist, den Sieg über unsre Feinde zu erhalten, so müssen wir reinen Mund über das halten, was ich euch von meinem geheimen Anschlag habe merken lassen, und seiner Zeit davon entdecken werde. Agatyrsus muss sicher gemacht werden. Er muss glauben, dass wir nur noch mit einem Flügel schlagen, und dass alle unsre Hoffnung auf unserm Vertrauen, das Übergewicht im grossen Rate zu machen, beruht." – Jedermann fand, dass der Oberpriester die Sache sehr richtig gefasst habe, und die Gesellschaft trennte sich, sehr neugierig, was das wohl für ein Anschlag sein könne, den er gegen den Erzpriester in Petto behalte, aber auch sehr überzeugt, dass, wenn es auf den Sturz des letzteren angesehen sei, die Sache in keine bessere als in des Priesters Strobylus hände gestellt werden könne.

Agatyrsus ermangelte inzwischen nicht, aus dem kleinen Siege, den er durch eine ihm eigene Gegenwart des Geistes zu so gelegener Zeit über seine Gegner erhalten hatte, allen möglichen Vorteil zu ziehen. Er hatte unter den Haufen gemeinen volkes, der ihn bis