mit Streiten und Schreien zugebracht; und die Herren würden endlich (wie ihnen öfters zu begegnen pflegte) um Mittagsessenszeit unverrichteter Dinge auseinander gegangen sein, wenn eine grosse Anzahl gemeiner Bürger von der Schattenpartei, die sich auf Veranstaltung des Zunftmeisters Pfrieme vor dem rataus versammelt hatte, und durch eine Menge herbeigelaufnen Pöbels von der niedrigsten Gattung verstärkt worden war, der Sache nicht endlich den Ausschlag gegeben hätte. Die Partei des Erzpriesters legte in der Folge dem Zunftmeister zur Last, dass er geflissentlich ans Fenster getreten sei, und das Volk durch gegebne Zeichen zum Aufruhr angereizet habe. Allein die Gegenpartei leugnete diese Beschuldigung schlechterdings, und behauptete: das unziemliche Geschrei, das einige Esel auf einmal erhoben hätten, habe die unten versammelten Bürger auf die Gedanken gebracht, als ob den Herren von ihrem Anhang Gewalt geschehe, und dieser Irrtum habe den ganzen Lärm veranlasst.
Wie dem auch sein mochte, auf einmal schallte ein brüllendes Geschrei zu den Fenstern des Ratauses hinauf: Freiheit, Freiheit! Es lebe der Zunftmeister Pfrieme! Weg mit den Eseln! Weg mit den Jasoniden! u.s.w.
Der Archon kam ans Fenster, und gebot den Aufrührern Ruhe. Aber ihr Geschrei nahm überhand; und einige der Frechsten drohten, das Rataus auf der Stelle anzuzünden, wenn die Herren nicht unverzüglich aus einander gehen, und die Sache dem grossen Rat und dem Volk anheimstellen würden. Etliche lose Buben und Heringsweiber drangen wirklich mit Gewalt in die benachbarten Häuser, rissen Brände von den Feuerherden, und kamen damit zurück, um den gnädigen Herren zu zeigen, dass es mit ihrer Drohung im Ernste gemeinet sei.
Indessen hatte der Auflauf, der hierdurch verursacht wurde, eine Anzahl von Eseln herbei gerufen, die den Herren von ihrer Partei mit Knitteln, Feuerzangen, Fleischmessern, Mistgabeln, und dem ersten dem Besten, was ihnen in die hände gefallen war, zu hülfe kommen wollten; und wiewohl sie von den Schatten bei weitem übermehrt waren: so trieb sie doch ihre Herzhaftigkeit und die Verachtung, womit sie die ganze Partei der Schatten ansahen, die wörtlichen Beleidigungen mit so nachdrücklichen Hieben und Stössen zu erwidern, dass es blutige Köpfe absetzte, und das Handgemeng in wenig Augenblicken allgemein wurde.
Bei so gestalten Sachen war nun freilich in der Ratsstube nichts anders zu tun, als einhellig zu beschliessen: dass man, lediglich aus Liebe zum Frieden und um des gemeinen Bestens willen, für diesesmal und citra praeiudicium sich gleichwohl gefallen lassen wolle, dass der Handel wegen des Eselsschattens vor den grossen Rat gebracht, und der Entscheidung desselben überlassen werden könnte.
Inzwischen war den guten Ratsherren so enge in ihrer Haut, dass sie, so bald man sich (wiewohl auf eine sehr tumultuarische Weise) dieses Schlusses vereiniget hatte, den Zunftmeister Pfrieme mit aufgehabnen Händen baten, sich herunter zu begeben, und das aufgebrachte Volk zu beruhigen. Der Zunftmeister, dem es mächtig wohl tat, die stolzen Patricier so tief unter die Gewalt des Knieriemens gedemütigt zu sehen, zögerte zwar nicht, ihnen die probe seines guten Willens und seines Ansehens bei dem volk zu geben; aber der Tumult war schon so gross, dass seine stimme, wiewohl eine der besten Bierstimmen von ganz Abdera, eben so wenig gehört wurde, als das Geschrei eines Schiffjungens im Mastkorbe unter dem donnernden Geheul des Sturms und dem Brausen der zusammenprallenden Wellen. Er würde sogar in der ersten Wut, in welche der Pöbel (der ihn nicht sogleich erkannte) bei seinem Anblick aufbrannte, seines eignen Lebens nicht sicher gewesen sein, wenn nicht glücklicher Weise der Erzpriester Agatyrsus der diesen zufälligen Tumult für den geschicktesten Augenblick hielt, der Gegenpartei in die Flanke zu fallen – mit seinem vergoldeten Hammelsfell an einer Stange vor sich her, und mit seiner ganzen Priesterschaft hinterdrein, in eben diesem Momente herbeigekommen wäre, dem Aufruhr Einhalt zu tun; indem er dem Pöbel die Versicherung gab, dass ihnen genug getan werden sollte, und dass er selbst der erste sei, der darauf antrage, dass die Sache vor dem grossen Rat abgetan werden müsse.
Diese öffentliche Versicherung des Erzpriesters, und seine Herablassung und Leutseligkeit, zugleich mit der Ehrfurcht, die das abderitische Volk für das vergoldete Hammelsfell zu tragen gewohnt war, tat eine so gute wirkung, dass in wenig Augenblicken alles wieder ruhig war, und der ganze Markt von einem lauten: Lebe der Erzpriester Agatyrsus! erschallte. Die Verwundeten schlichen sich ganz geruhig nach haus, um sich ihre Köpfe verbinden zu lassen. Der übrige Tross strömte hinter dem zurückkehrenden Erzpriester her. Der Zunftmeister aber hatte den Verdruss zu sehen, dass ein grosser teil seiner sonst so treuergebenen Schatten, von der Ansteckung des übrigen Haufens hingerissen, den Triumph seines Gegners vergrössern half, und in diesem Augenblick des Taumels leicht dahin hätte gebracht werden können, allen den wilden Mutwillen, den sie kurz zuvor an ihren vermeintlichen Feinden, den Eseln, auszuüben bereit waren, nun an ihren eignen Freunden, den Schatten, auszulassen.
Neuntes Kapitel
Politik beider Parteien
Der Erzpriester verfolgt seinen erhaltenen Vorteil
Die Schatten ziehen sich zurück
Der entscheidende Tag wird fest gesetzt
Dieser unvermutete Vorteil, den der Erzpriester über die Schatten gewann, kränkte diese um so viel empfindlicher, da er ihnen nicht nur die Freude und Ehre des Sieges, den sie im Senat erhalten hatten, verkümmerte, sondern ihre Partei selbst merklich schwächte und ihnen überhaupt zu erkennen gab, wie wenig sie sich auf die Unterstützung eines leichtsinnigen Pöbels verlassen dürften, der von jedem Wind auf eine andere Seite geworfen wird