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Wäldern, Hügeln und Auen unter der herrschaft eines ewigen Frühlings und Herbstes, allentalben wohin man sieht, das Ansehen des herrlichsten Lustgartens gibt: alles angebaut und bewässert, alles blühend und fruchtbar; allentalben ein ewiges Grün, und immer frische Schatten und Wälder von den schönsten Fruchtbäumen, Datteln, Feigen, Zitronen, Granaten, die ohne Pflege, wie in Tracien die Eicheln, wachsen; Haine von Myrten und Schasmin; Amors und Cyteräens Lieblingsblume nicht auf Hecken, wie bei uns, sondern in dichten Büscheln auf grossen Bäumen wachsend, und vollaufgeblüht wie die Busen meiner schönen Mitbürgerinnen

(Dies hatte Demokritus nicht gut gemacht; und es kann künftigen Erzählern zur Warnung dienen, dass man sich vorher wohl in seiner Gesellschaft umsehen muss, ehe man Complimente dieser Art wagt, so verbindlich sie auch an sich selbst klingen mögen. Die Schönen hielten die hände vor die Augen und erröteten. Denn zum Unglück war unter den Anwesenden keine, die dem schmeichelhaften Gleichnis Ehre gemacht hätte; wiewohl sie nicht ermangelten sich aufzublähen so gut sie konnten.)

und diese reizenden Haine, fuhr er fort, vom lieblichen Gesang unzähliger Arten von Vögeln belebt, und mit tausend bunten Papageien erfüllt, deren Farben im Sonnenglanz die Augen blenden. Welch ein Land! Ich begriff nicht, warum die Göttin der Liebe Cytere zu ihrem Wohnsitz erwählt hätte, da ein Land wie dieses in der Welt war. Wo hätten die Grazien angenehmer tanzen können, als am rand von Bächen und Quellen, wo, zwischen kurzem dichtem Gras vom lebhaftesten Grün, Lilien und Hyacinten, und zehen Tausenden noch schönern Blumen, die in unsrer Sprache ohne Namen sind, freiwillig hervorblühn, und die Luft mit wollüstigen Wohlgerüchen erfüllen?

Die schönen Abderitinnen hatten, wie leicht zu erachten, die Einbildungskraft nicht weniger lebhaft als die Abderiten; und das Gemälde, das ihnen Demokritus, ohne dabei an Arges zu denken, vorstellte, war mehr, als ihre kleinen Seelchen aushalten konnten. Einige seufzten laut vor Behäglichkeit; andere sahen aus, als ob sie die wollüstigen Gerüche, die in ihrer Phantasie düfteten, mit Mund und Nase einschlürfen wollten; die schöne Juno sank mit dem Kopf auf ein Polster des Kanapees zurück, schloss ihre grossen Augen halb, und befand sich unvermerkt am blumichten Rand einer dieser schönen Quellen, von Rosen und Zitronenbäumen umschattet, aus deren Zweigen Wolken von ambrosischen Düften auf sie herab wallten. In einer sanften Betäubung von süssen Empfindungen begann sie eben einzuschlummern: als sie einen Jüngling, schön wie Bacchus und dringend wie Amor, zu ihren Füssen liegen sah. Sie richtete sich auf, ihn desto besser betrachten zu können, und sah ihm so schön, so zärtlich, dass die Worte, womit sie seine Verwegenheit bestrafen wollte, auf ihren Lippen erstarben. Kaum hatte sie

Und wie meinen Sie (fuhr Demokritus fort) nennt sich dies zauberische Land, von dessen Schönheiten alles, was ich davon sagen könnte, Ihnen kaum den Schatten eines Begriffs geben würde? Es ist eben dieses Aetiopien, welches mein gelehrter Freund hier mit Ungeheuern von Menschen bevölkert, die eines so schönen Vaterlandes ganz unwürdig sind. Aber eine Sache, die er mir für wahr nachsagen kann, ist: dass es im ganzen Aetiopien und Libyen, wiewohl diese Namen eine Menge verschiedener Völker umfassen, keinen Menschen gibt, der seine Nase nicht eben da trüge wo wir, nicht eben so viel Augen und Ohren hätte als wir, und kurz

Ein grosser Seufzer von derjenigen Art, wodurch sich ein von Schmerz oder Vergnügen gepresstes Herz Luft zu machen sucht, hob in diesem Augenblicke den Busen der schönen Abderitin, welche, während dass Demokritus in seiner Rede fortfuhr, in dem Traumgesichte, worin wir sie zu belauschen Bedenken trugen, (wie es scheint,) auf einen Umstand gekommen war, an welchem ihr Herz auf die eine oder andre Art sehr lebhaft Anteil nahm. Da die übrigen Anwesenden nicht wissen konnten, dass die gute Dame einige hundert Meilen weit von Abdera unter einem ätiopischen Rosenbaum, in einem Meer der süssesten Wohlgerüche schwamm, tausend neue Vögel das Glück der Liebe singen hörte, tausend bunte Papageien vor ihren Augen herum flattern sah, und, zum Überfluss, einen Jüngling mit gelben Locken und Korallenlippen zu ihren Füssen liegen hatte, – so war es natürlich, dass man den besagten Seufzer mit einem allgemeinen Erstaunen empfing. Man begriff nichts davon, dass die letzten Worte Demokrits die Ursache einer solchen wirkung gewesen sein könnten. Was fehlt Ihnen, Lysandra? riefen die Abderitinnen aus Einem mund, indem sie sich sehr besorgt um sie stellten. Die schöne Lysandra, die in diesem Augenblicke wieder gewahr wurde, wo sie war, errötete, und versicherte, dass es nichts sei. Demokritus, der nun zu merken anfing was es war, stunde ihnen gut dafür, dass ein paar Züge frische Luft alles wieder gut machen würden; aber in seinem Herzen beschloss er, künftig seine Gemälde nur mit Einer Farbe zu malen, wie die Maler in Tracien. Gerechte Götter! dachte er, was für eine Einbildungskraft diese Abderitinnen haben!

Nun meine schönen Neugierigen, fuhr Demokritus fort, was meinen Sie, von welcher Farbe die Einwohner eines so schönen Landes sind?

"Von welcher Farbe? – Warum sollten sie eine andre Farbe haben als die übrigen Menschen? Sagten Sie uns nicht, dass sie die Nase mitten im gesicht trügen, und in allem Menschen wären wie wir Griechen?"

Menschen, ohne Zweifel;