auch zuweilen das, was man in der neuern französischen Feinenweltsprache das Herz einer Dame nennt, mit einmischen mochte: genug, ausgemacht war es, dass sie immer eine Anzahl demütiger Sclaven an der Hand hatte, unter denen (wie man glaubte) doch immer wenigstens der eine oder andre wissen müsse, wofür er diene. Die geheime Chronik von Abdera sagte, dass der Erzpriester Agatyrsus eine geraume Zeit die Ehre gehabt, einer von den letzteren zu sein; und in der Tat kamen eine Menge Umstände zusammen, warum man dieses Gerüchte für etwas mehr als eine blosse Vermutung halten konnte. Kurz, die vertrauteste Freundschaft hatte seit geraumer Zeit unter ihnen obgewaltet, als die Tänzerin nach Abdera kam, und dem flatterhaften Jasoniden in kurzem so merkwürdig wurde, dass Salabanda endlich nicht länger umhin konnte, sich selbst für aufgeopfert zu halten.
Agatyrsus besuchte zwar ihr Haus noch immer auf den Fuss eines alten Bekannten, und die Dame war zu politisch, um in ihrem äussern Betragen gegen ihn die geringste Veränderung durchscheinen zu lassen. Aber ihr Herz kochte Rache. Sie vergass nichts, was den Erzpriester immer tiefer in die Sache verwickeln, und immer in Feuer setzen konnte; heimlich aber beleuchtete sie alle seine Schritte und Tritte, und alle grossen und kleinen, Vorder- und Hintertüren, die zu seinem Kabinet führen konnten, so genau, dass sie seine Intrigue mit der jungen Gorgo gar bald entdeckte, und den Priester Strobylus in den Stand setzen konnte, den Eifer des Erzpriesters für die Sache des Eseltreibers in ein eben so verhasstes Licht zu stellen, als sie selbst unter der Hand bemüht war, ihm einen lächerlichen Anstrich zu geben.
Agatyrsus, so wenig es ihm kostete, politische und ehrgeizige Vorteile dem Interesse seiner Vergnügungen aufzuopfern, hatte doch Augenblicke, wo der kleinste Widerstand in einer Sache, an der ihm im grund gar nichts gelegen war, seinen ganzen Stolz aufrührisch machte; und so oft dies geschah, pflegte ihn seine Lebhaftigkeit gemeiniglich unendlich weiter zu führen, als er gegangen wäre, wenn er die Sache einiger kühlen Überlegung gewürdiget hätte. Die Ursache, warum er sich Anfangs mit diesem abgeschmackten Handel bemengt hatte, fand jetzt zwar nicht länger statt. Denn die schöne Gorgo hatte, ungeachtet des Unterrichts ihrer Mutter Krobyle, entweder nicht Geschicklichkeit oder nicht inneren Halt genug gehabt, den anfänglich entworfnen Verteidigungsplan gegen einen so gefährlichen und erfahrnen Belagerer gehörig zu befolgen. Allein er war nun einmal in die Sache verwickelt; seine Ehre war dabei betroffen; er erhielt täglich und stündlich Nachrichten, wie unziemlich der Zunftmeister und der Priester Strobylus mit ihrem Anhang wider ihn loszögen, wie sie drohten, wie übermütig sie die Sache durchzusetzen hofften, und dergleichen – und dies war mehr, als es brauchte, um ihn dahin zu bringen, dass er seine ganze Macht anzuwenden beschloss, um Gegner, die er so sehr verachtete, zu Boden zu werfen, und für die Verwegenheit, sich gegen ihn aufgelehnt zu haben, zu züchtigen. Der Kabalen der Dame Salabanda ungeachtet, die nicht fein genug gesponnen waren, um ihm lange verborgen zu bleiben, war der grösste teil des Senats auf seiner Seite; und wiewohl seine Gegner nichts unterliessen, was das Volk gegen ihn erbittern konnte: so hatte er doch, zumal unter den Zünften der Gerber, Fleischer und Bäcker, einen Anhang von derben stämmigten Gesellen, die eben so hitzig vor der Stirne als nervicht von Armen, und auf jeden Wink bereit waren, für ihn und seine Partei, je nachdem es nötig wäre, zu schreien, oder zuzuschlagen.
Siebentes Kapitel
Das ganze Abdera teilt sich in zwo Parteien
Die Sache kommt vor Rat
In dieser Gärung befanden sich die Sachen, als auf einmal die Namen Schatten und Esel in Abdera gehört, und in kurzem durchgängig dazu gebraucht wurden, die beiden Parteien zu bezeichnen. Man hat über den wahren Ursprung dieser Übernamen ganz zuverlässige Nachricht. Vermutlich, weil doch Parteien nicht lange ohne Namen bestehen können, hatten die Anhänger des Zahnarztes Strution unter dem Pöbel den Anfang gemacht, sich selbst, weil sie für sein Recht an des Esels Schatten stritten, die Schatten, und ihre Gegner, weil sie den Schatten gleichsam zum Esel selbst machen wollten, aus Spott und Verachtung, die Esel zu nennen. Da nun die Anhänger des Erzpriesters diese Benennung nicht verhindern konnten, so hatten sie, wie es zu gehen pflegt, sich unvermerkt daran gewöhnt, sie, wiewohl bloss anfänglich zum Scherz, zu gebrauchen; nur mit dem Unterschiede, dass sie den Spiess umdrehten, und das Verächtliche mit dem Schatten, und das Ehrenvolle mit dem Esel verknüpften. Wenn es ja eins von beiden sein soll, sagten sie, so wird jeder braver Kerl doch immer lieber ein wirklicher leibhafter Esel mit all seinem Zubehör, als der blosse Schatten von einem Esel sein wollen.
Wie es auch damit zugegangen sein mag, genug, in wenig Tagen war ganz Abdera in diese zwo Parteien geteilt; und so wie sie nun einen Namen hatten, nahm auch der Eifer auf beiden Seiten so schnell und heftig zu, dass es gar nicht mehr erlaubt war, neutral zu bleiben. Bist du ein Schatten oder ein Esel, war immer die erste Frage, die die gemeinen Bürger an einander taten, wenn sie sich auf der Strasse oder in der Schenke antrafen; und wenn ein Schatten just das Unglück hatte, an einem solchen Ort der einzige seines gleichen unter einer Anzahl Eseln zu sein, so blieb ihm, wofern