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Ansehen gegeben haben sollte. Und wiewohl das gemeine Volk überhaupt mehr Zuneigung zu dem Latonenpriester trug, so wurde doch dieser Vorzug dadurch wieder überwogen, dass der Jasonpriester mit den aristokratischen Häusern in einer Verbindung stunde, die ihm so viel Einfluss gab, dass es einem ehrgeizigen mann an diesem Platz ein Leichtes gewesen wäre, einen kleinen Tyrannen von Abdera vorzustellen.

Zu so vielen Ursachen der altergebrachten Eifersucht und Abneigung zwischen den beiden Fürsten der abderitischen Klerisei, kam bei Strobylus und Agatyrsus noch ein persönlicher Widerwille, der eine natürliche Frucht des Contrasts ihrer Sinnesarten war.

Agatyrsus, mehr Weltmann als Priester, hatte in der Tat vom letzteren wenig mehr als die Kleidung. Die Liebe zum Vergnügen war seine herrschende leidenschaft. Denn, wiewohl es ihm nicht an Stolz fehlte, so kann man doch von niemand sagen, dass er ehrgeizig sei, so lange sein Ehrgeiz eine andre leidenschaft neben sich herrschen lässt. Er liebte die Künste und den vertraulichen Umgang mit Virtuosen aller Arten, und stunde in dem Ruf einer von den Priestern zu sein, die wenig Glauben an ihre eignen Götter haben. Wenigstens ist nicht zu leugnen, dass er öfters ziemlich frei über die Frösche der Latona scherzte; und es war jemand, der es beschwören wollte, aus seinem eignen mund gehört zu haben: "die Frösche dieser Göttin wären schon längst alle in elende Poeten und abderitische Sänger verwandelt worden." – Dass er mit dem Demokritus in ziemlich gutem Vernehmen lebte, war auch nicht sehr geschickt, seine Ortodoxie zu bestätigen. Kurz, Agatyrsus war ein Mann von gutem Temperament, munterm Kopf und ziemlich freiem Leben; beliebt bei dem abderitischen Adel, noch beliebter bei dem schönen Geschlecht, undwegen seiner Freigebigkeit und jasonmässigen Figurbeliebt sogar bei den untersten Classen des volkes.

Nun hätte die natur, in ihrer launigsten Minute, keinen völligern Antipoden von allem, was Agatyrsus war, machen können, als den Priester Strobylus. Dieser Mann hatte, wie viele seines gleichen, ausfindig gemacht, dass eine in Falten gelegte Miene und ein steifes Wesen unfehlbare Mittel sind, bei dem grossen Haufen für einen weisen und unsträflichen Mann zu gelten. Da er nun von natur ziemlich sauertöpfisch aussah, so hatte es ihm wenig Mühe gekostet, sich diese Gravität anzugewöhnen, die bei den Meisten weiter nichts beweist, als die Schwere ihres Witzes und die Ungeschliffenheit ihrer Sitten. Ohne Sinn für das Grosse und Schöne, war er ein geborner Verächter aller Talente und Künste, die diesen Sinn voraussetzen; und sein Hass gegen die Philosophie war bloss eine Maske für den natürlichen Groll eines Dummkopfes gegen alle, die mehr Verstand und Wissenschaft haben als er. In seinen Urteilen war er schief und einseitig, in seinen Meinungen eigensinnig, im Widerspruch hitzig und grob, und wo er entweder in seiner eignen person oder in den Fröschen der Latona beleidigt zu sein glaubte, äusserst rachgierig; aber nichts destoweniger bis zur Niederträchtigkeit geschmeidig, sobald er eine Sache, an der ihm gelegen war, nicht ohne hülfe einer person, die er hasste, durchsetzen konnte. Überdies stand er mit einigem Grund in dem Ruf, dass er mit einer gehörigen Dose von Dariken und Philippen zu allem in der Welt zu bringen sei, was mit dem Äusserlichen seines Charakters nicht ganz unverträglich war.

Aus so entgegengesetzten Gemütsarten, und so vielen Veranlassungen zu Neid und Eifersucht auf Seiten des Priesters Strobylus, entsprang notwendig bei beiden ein wechselseitiger Hass, der den Zwang, den ihnen ihr Stand und Platz auferlegte, mit Mühe ertrug, und nur darin verschieden war, dass Agatyrsus den Oberpriester zu sehr verachtete, um ihn sehr zu hassen, und dieser jenen zu sehr beneidete, um ihn so herzlich verachten zu können, als er wohl gewünscht hätte.

Zu diesem allem kam noch, dass Agatyrsus, kraft seiner Geburt und ganzen Lage, für die Aristokratie; Strobylus hingegen, ungeachtet seiner Verhältnisse zu einigen Ratsherren, ein erklärter Freund der Demokratie, und nächst dem Zunftmeister Pfrieme derjenige war, der durch seinen persönlichen Charakter, seine Würde, seine schwärmerische Hitze, und eine gewisse populäre Art von Beredsamkeit den meisten Einfluss auf den Pöbel hatte.

Man sieht nun leicht voraus, dass die Sache mit dem Eselsschatten oder Schattenesel notwendig ernstafter werden musste, sobald ein paar Männer wie die beiden Oberpriester von Abdera darein verwickelt wurden.

Strobylus hatte, so lange der Process vor den Stadtrichtern geführt wurde, nicht anders teil daran genommen, als dass er sich gelegenheitlich erklärte: er würde an des Zahnarztes Platz eben so gehandelt haben. Aber kaum erfuhr er durch die Dame Salabanda, seine Nichte, dass Agatyrsus die Sache seines in der ersten Instanz verurteilten Schutzverwandten zu seiner eignen mache: so fühlte er sich auf einmal berufen, sich mit an die Spitze der Partei des Beklagten zu stellen, und die Kabale des Zunftmeisters mit allem Ansehen, das er bei den Ratsherren sowohl als bei dem Volk hatte, zu unterstützen.

Salabanda war zu sehr gewohnt, ihre Hand in allen abderitischen Händeln zu haben, als dass sie unter den letzten gewesen sein sollte, die in dem gegenwärtigen Partei nahmen. Ausser ihrem Verhältnis mit dem Priester Strobylus hatte sie noch eine besondere Ursache, es mit ihm zu halten; eine Ursache, die darum nicht weniger wog, weil sie solche in Petto behielt. Wir haben bei einer andern gelegenheit erwähnt, dass diese Dame, es sei nun aus bloss politischen Absichten, oder dass sich vielleicht auch ein wenig Coquetterieund wer weiss, ob nicht