über den Haufen zu werfen, u.s.w."
Wir müssen es zur Steuer der Wahrheit sagen, Anfangs gab es verschiedene Herren des Rats, welche die Sache ungefähr so ansahen, wie sie anzusehen war, und es dem Stadtrichter Philippides sehr verdachten, dass er nicht Sinn genug gehabt, einen so ungereimten Zwist gleich in der Geburt zu ersticken. Allein unvermerkt änderten sich die Gesinnungen; und der Schwindelgeist, der bereits einen teil der Bürgerschaft auf die Köpfe gestellt hatte, ergriff endlich auch den grösseren teil der Ratsherren. Einige fingen an die Sache für wichtiger anzusehen, weil ein Mann wie der Erzpriester Agatyrsus sich derselben so ernstlich anzunehmen schien. Andre setzte die Gefahr, die der Aristokratie aus den Unternehmungen des Zunftmeisters Pfrieme erwachsen könnte, in Unruhe. Verschiedene ergriffen die Partei des Eseltreibers bloss aus Widersprechungsgeist; andre aus einem wirklichen Gefühl, dass ihm Unrecht geschehe; und noch andre erklärten sich für den Zahnarzt, weil gewisse Personen, mit denen sie nie einer Meinung sein wollten, sich für seinen Gegner erklärt hatten.
Mit allem dem würde dennoch dieser geringfügige Handel, so sehr die Abderiten auch – Abderiten waren, niemals eine so heftige Gärung in ihrem gemeinen Wesen verursacht haben, wenn der böse Dämon dieser Republik nicht auch den Priester Strobylus angeschürt hätte, sich, ohne einigen nähern Beruf, als seinen unruhigen Geist und seinen Hass gegen den Erzpriester Agatyrsus, mit ins Spiel zu mischen.
Um dies dem geneigten Leser verständlicher zu machen, werden wir die Sache, wie jener alte Dichter seine Ilias, ab ovo anfangen müssen; um so mehr, als auch gewisse Stellen in unsrer Erzählung des Abenteuers mit dem Euripides, und gewisse Ausdrücke, die dem Priester Strobylus gegen den Demokrit entfielen, ihr gehöriges Licht dadurch erhalten werden.
Sechstes Kapitel
Verhältnis des Latonentempels
zum Tempel des Jasons
Contrast in den Charakteren des Oberpriesters
Strobylus und des Erzpriesters Agatyrsus
Strobylus erklärt sich für die Gegenpartei des
letzteren, und wird von Salabanda unterstützt, welche
eine wichtige Rolle in der Sache zu spielen anfängt Der Dienst der Latona war (wie Strobylus den Euripides versichert hatte) so alt zu Abdera, als die Verpflanzung der lycischen Colonie; und die äusserste Einfalt der Bauart ihres kleinen Tempels konnte als eine hinlängliche Bekräftigung dieser Tradition angesehen werden. So unscheinbar dieser Latonentempel war, so gering waren auch die gestifteten Einkünfte ihrer Priesterschaft. Wie aber die Not erfindsam ist, so hatten die Herren schon von langem her Mittel gefunden, zu einiger Entschädigung für die Kargheit ihres ordentlichen Einkommens, den Aberglauben der Abderiten in Contribution zu setzen; und da auch dieses nicht zureichen wollte, hatten sie es dahin gebracht, dass der Senat (weil er doch von keiner Besoldungszulage hören wollte) zu Unterhaltung des geheiligten Froschgrabens gewisse Einkünfte aussetzte, deren grössten teil die billigdenkenden Frösche ihren Versorgern überliessen.
Eine ganz andre Beschaffenheit hatte es mit dem Tempel des Jason, dieses berühmten Anführers der Argonauten, welchem in Abdera die Ehre der Erhebung in den Götterstand und eines öffentlichen Dienstes widerfahren war; ohne dass wir hievon einen andern Grund anzugeben wissen, als dass verschiedne der ältesten und reichsten Familien in Abdera ihr Geschlechtsregister von diesem Heros ableiteten. Einer von dessen Enkeln hatte sich, wie die Tradition sagte, in dieser Stadt niedergelassen, und war der gemeinsame Stammvater verschiedener Geschlechter geworden, von welchen einige noch in den Tagen unserer gegenwärtigen geschichte in voller Blüte stunden. Dem Andenken des Helden, von dem sie abstammten, zu Ehren hatten sie Anfangs, nach uraltem Gebrauch, nur eine kleine Hauskapelle gestiftet. Mit der Länge der Zeit war eine Art von öffentlichem Tempel daraus geworden, den die Frömmigkeit der Abkömmlinge Jasons nach und nach mit vielen Gütern und Einkünften versehen hatte. Endlich, als Abdera durch Handelschaft und glückliche Zufälle eine der reichsten Städte in Tracien geworden war, entschlossen sich die Jasoniden, ihrem vergötterten Ahnherrn einen Tempel zu erbauen, dessen Schönheit der Republik und ihnen selbst bei der Nachwelt Ehre machen könnte Der neue Jasonstempel wurde ein herrliches Werk, und machte mit den dazu gehörigen Gebäuden, Gärten, Wohnungen der Priester, Beamten, Schutzverwandten u.s.w. ein ganzes Quartier der Stadt aus. Der Erzpriester desselben musste allezeit von der ältesten Linie der Jasoniden sein; und da er, bei sehr beträchtlichen Einkünften auch die Gerichtsbarkeit über die zu dem Tempel gehörigen Personen und Güter ausübte: so ist leicht zu erachten, dass die Oberpriester der Latona alle diese Vorzüge nicht mit gleichgültigen Augen ansehen konnten, und dass zwischen diesen beiden Prälaten eine Eifersucht obwalten musste, die auf die Nachfolger forterbte, und bei jeder gelegenheit in ihrem Betragen sichtbar wurde.
Der Oberpriester der Latona wurde zwar als das Haupt der ganzen abderitischen Priesterschaft angesehen; allein der Erzpriester Jasons stand nicht unter ihm, sondern machte mit seinen Untergebenen ein besonderes Collegium aus, welches, ausser der Schutzherrlichkeit der Stadt Abdera, von aller andern Abhänglichkeit frei war. Die Feste des Latonentempels waren die eigentlichen grossen Festtage der Republik; allein da die Mässigkeit seiner Einkünfte keinen sonderlichen Aufwand zuliess, so war das fest des Jason, welches mit ungemeiner Pracht und grossen Feierlichkeiten begangen wurde, in den Augen des volkes, wo nicht das vornehmste, wenigstens das, worauf es sich am meisten freute; und alle die Ehrerbietung, die man für das Altertum des Latonendienstes hegte, und der grosse Glaube des Pöbels an den Priester desselben und seine heiligen Frösche, konnte doch nicht verhindern, dass die grössre Figur, die der Erzpriester machte, ihm nicht auch einen höhern Grad von