Freundin; und die wenigen, welche sitzen blieben, und einigen teil an der Sache zu nehmen schienen, hatten alle Augenblicke etwas mit ihren Nachbar zu flüstern, oder schliefen wohl gar überm Zuhören ein. Kurz, es waltete eine Art von stillschweigendem Compromiss auf den Referenten vor, und es geschah bloss um der Form willen, dass einige Minuten, eh er zur wirklichen Conclusion kam, sich jedermann wieder auf seinem Platz einfand, um mit gehöriger Feierlichkeit das abgefasste Urtel zu bekräftigen. So war es bisher immer, auch bei ziemlich wichtigen Händeln, gehalten worden. Allein dem Process über des Esels Schatten widerfuhr die unerhörte Ehre, dass das ganze Gericht beisammen blieb, und (drei bis vier Beisitzer ausgenommen, welche dem Zahnarzt ihre stimme schon versprochen hatten, und ihr Recht, in der Session zu schlafen, nicht vergeben wollten) jedermann mit aller Aufmerksamkeit zuhörte, die eines so wundervollen Processes würdig war; und als die Stimmen gesammelt wurden, fand sich, dass das Urtel nur mit einem Mehr von 12 gegen 8 bekräftiget wurde.
Sogleich nach geschehener Publication ermangelte Polyphonus, der klägerische Sykophant, nicht, seine stimme zu erheben, und gegen das Urtel, als ungerecht, parteiisch und mit unheilbaren Nullitäten behaftet, an den grossen Rat von Abdera zu appellieren. Da der Process über eine Sache geführt wurde, die der beschwert zu sein vermeinte teil selbst nicht höher als zwo Drachmen geschätzt hatte, und dieses, auch selbst mit Einschluss aller billig mässigen Kosten und Schaden, noch lange nicht Summa appellabilis war: so erhub sich hierüber ein grosser Lerm im Gerichte. Die Minorität erklärte sich, dass es hier gar nicht auf die Summe, sondern auf eine allgemeine Rechtsfrage ankomme, die das Eigentum betreffe, und noch durch kein Gesetz in Abdera bestimmt sei, folglich, vermöge der natur der Sache, vor den Gesetzgeber selbst gebracht werden müsse; als welchem allein es zukomme, in zweifelhaften Fällen dieser Art den Ausspruch zu tun.
Wie es zugegangen, dass der Referent, bei aller seiner Affection zur Sache des Beklagten, nicht daran gedacht, dass die gönner des Gegenteils sich dieses Vorwandes bedienen würden, die Sache vor den grossen Rat zu spielen – davon wissen wir keinen andern Grund anzugeben, als dass er ein Abderit war, und, nach der allgemeinen altergebrachten Gewohnheit seiner Landesleute, jedes Ding nur von einer Seite, und auch da nur ziemlich obenhin, anzusehen pflegte. Doch kann vielleicht noch zu seiner Entschuldigung dienen, dass er einen teil der letzten Nacht bei einem grossen Gastmahl zugebracht, und, als er nach haus gekommen, der Dame Strution noch eine ziemlich lange Audienz hatte geben müssen, und also vermutlich – nicht ausgeschlafen hatte. Genug, nach langem Streiten und Lärmen erklärte sich endlich der Stadtrichter Philippides: dass er, bewandten Umständen nach, nicht umhin könne, die Frage, ob die von Klägern eingewandte Appellation statt finde, vor den Senat zu bringen. Hiermit stunde er auf; das Gericht ging ziemlich tumultuarisch auseinander; und beide Parteien eilten, sich mit ihren Freunden, Gönnern und Sykophanten zu beraten, was nun weiter in der Sache anzufangen sei.
Fünftes Kapitel
Gesinnungen des Senats
Tugend der schönen Gorgo, und ihre Wirkungen
Der Priester Strobylus tritt auf, und
die Sache wird ernstafter
Der Process über des Esels Schatten, der Anfangs die Abderiten bloss durch seine Ungereimteit belustigt hatte, fing nun an, eine Sache zu werden, in welche die Gerechtsamen, das Point d'honneur, und allerlei Leidenschaften und Interessen verschiedner zum teil ansehnlicher Glieder der Republik verwickelt wurden.
Der Zunftmeister Pfrieme hatte seinen Kopf darauf gesetzt, dass sein Zunftangehöriger gewinnen müsste; und da er sich meistens alle Abende in den Versammlungsorten der gemeinen Bürger einfand, hatte er schon beinahe die Hälfte des volkes auf seine Seite gebracht, und sein Anhang nahm täglich zu.
Der Erzpriester hingegen hatte den Handel bisher nicht für wichtig genug gehalten, sein ganzes Ansehn zu Gunsten seines Beschützten anzuwenden. Allein da die Sachen zwischen ihm und der schönen Gorgo ernstafter zu werden anfingen, indem sie, anstatt einer gewissen Gelehrigkeit, die er bei ihr zu finden gehofft hatte, einen Widerstand tat, dessen man sich zu ihrer Herkunft und Erziehung nicht hätte vermuten sollen, ja sich sogar vernehmen liess: "Wie sie Bedenken trage, ihre Tugend noch einmal den Gefahren eines Besuchs durch die kleine Gartentüre auszusetzen" – so war es ganz natürlich, dass er nun nicht länger säumte, durch den Eifer, womit er die Sache des Vaters zu unterstützen anfing, sich ein näheres Recht an die Dankbarkeit der Tochter zu erwerben.
Der neue Lärm, den der Eselsprocess durch die Provocation an den grossen Rat in der Stadt machte, gab ihm gelegenheit, mit einigen von den vornehmsten Ratsherren aus der Sache zu sprechen. "So lächerlich dieser Handel an sich selbst sei, sagte er, so könne doch nicht zugegeben werden, dass ein armer Mann, der unter dem Schutze Jasons stehe, durch eine offenbare Kabale unterdrückt werde. Es komme nicht auf die Veranlassung an, die oft zu den wichtigsten begebenheiten sehr gering sei; sondern auf den Geist, womit man die Sache treibe, und auf die Absichten, die man im Schilde, oder wenigstens in Petto führe. Die Insolenz des Sykophanten Physignatus, der eigentlich an diesem ganzen Skandal Schuld habe, müsse gezüchtigt, und dem herrschsüchtigen, unverständigen Demagogen (dem Zunftmeister Pfrieme) noch in zeiten ein Zügel angeworfen werden, eh es ihm gelinge, die Aristokratie gänzlich