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Erzpriester Agatyrsus war ein grosser Liebhaber von pantomimischen Solotänzen; und weil er die Tänzerin, um kein Ärgernis zu geben, nicht bei Tage zu sich kommen lassen wollte: so blieb ihm nichts anders übrig, als sie, mit der erforderlichen Vorsicht, bei Nacht durch eine kleine Gartentür in sein Cabinet führen zu lassen. Da nun einst gewisse Leute eine dichtverschleierte person in der Morgendämmerung wieder herausgehen gesehen hatten: so war das Gemurmel entstanden, als ob es die Tänzerin gewesen sei, und als ob der Erzpriester eine besondere Freundschaft auf diese junge person geworfen habe; welche in der Tat fähig gewesen wäre, in jedem andern als einem Erzpriester noch etwas mehr zu erregen. – Wie nun dem auch sein mochte, genug, der Eseltreiber sprach mit seiner Frau, Frau Krobyle mit der Putzmacherin, die Putzmacherin mit ihrem Bruder, der Bruder mit dem Aufwartmädchen, und, weil das Aufwartmädchen alles über die Tänzerin vermochte, von welcher vorausgesetzt wurde, dass sie alles über den Erzpriester vermöge, der alles über die Magnaten von Abdera undihre Weiber vermochte: so zweifelte Antrax keinen Augenblick, seine Sache in die besten hände von der Welt gelegt zu haben.

Aber unglücklicher Weise zeigte sichs, dass die Favoritin der Tänzerin ein Gelübde getan hatte, ihre Allvermögenheit eben so wenig unentgeltlich auszuleihen, als Antrax den Schatten seines Esels. Sie hatte eine Art von Taxordnung, vermöge deren der geringste Dienst, den man von ihr verlangte, wenigstens eine Erkenntlichkeit von vier Drachmen voraussetzte; und in gegenwärtigem Falle war ihr um so weniger zuzumuten, auch nur eine halbe Drachme nachzulassen, da sie ihrer Schamhaftigkeit eine so grosse Gewalt antun sollte, eine Sache zu empfehlen, worin ein Esel die Hauptfigur war. Kurz, die Iris bestand auf vier Drachmen, welches just doppelt so viel war, als der arme Teufel, im glücklichsten Falle, mit seinem Process zu gewinnen hatte. Er sah sich also wieder in der vorigen Verlegenheit. Denn wie konnte ein schlechter Eseltreiber hoffen, ohne eine haltbarere Stütze als die Gerechtigkeit seiner Sache, gegen einen Gegner zu bestehen, der von einer ganzen Zunft unterstützt wurde, und sich überall rühmte, dass er den Sieg bereits in Händen habe?

Endlich besann sich der ehrliche Antrax eines Mittels, wie er vielleicht den Erzpriester ohne Dazwischenkunft der Tänzerin und ihres Aufwartmädchens auf seine Seite bringen könnte. Das Beste davon deuchte ihm, dass er es nicht weit zu suchen brauchte. Ohne Umschweifeer hatte eine Tochter, Gorgo genannt, die, in Hoffnung auf eine oder andre Weise beim Teater unterzukommen, ganz leidlich Singen und Ziterspielen gelernt hatte. Das Mädchen war eben keine von den schönsten. Aber eine schlanke Figur, ein paar grosse schwarze Augen, und die frische Blume der Jugend ersetzten, seinen Gedanken nach, reichlich, was ihrem gesicht abging; und wirklich, wenn sie sich tüchtig gewaschen hatte, sah sie in ihrem Festtagsstaat, mit ihren langen pechschwarzen Haarzöpfen, und mit einem Blumenstrauss vor dem Busen so ziemlich dem wilden tracischen Mädchen Anakreons ähnlich. Da sich nun bei näherer Erkundigung fand, dass der Erzpriester Agatyrsus auch ein Liebhaber vom Ziterspielen und von kleinen Liedern war, deren die junge Gorgo eine grosse Menge nicht übel zu singen wusste: so machten sich Antrax und Krobyle grosse Hoffnung, durch das Talent und die Figur ihrer Tochter am kürzesten zu ihrem Zweck zu kommen.

Antrax wandte sich also an den Kammerdiener des Erzpriesters, und Krobyle unterrichtete inzwischen das Mädchen, wie sie sich zu betragen hätte, um, wo möglich, die Tänzerin auszustechen, und von der kleinen Gartentür ausschliesslich Meister zu bleiben. Die Sache ging nach Wunsch. Der Kammerdiener, der durch die Neigung seines Herrn zum Neuen und Manchfaltigen nicht selten ins Gedränge kam, ergriff diese gute gelegenheit mit beiden Händen; und die junge Gorgo spielte ihre Rolle für eine Anfängerin meisterlich. Agatyrsus fand eine gewisse Mischung von Naivheit und Mutwillen, und eine Art wilder Grazie bei ihr, die ihn reizte, weil sie ihm neu warKurz, sie hatte kaum zwei- oder dreimal in seinem Cabinette gesungen, so erfuhr Antrax schon von sichrer Hand, dass Agatyrsus seine gerechte Sache verschiedenen Richtern empfohlen, und sich mit einigem Nachdruck habe verlauten lassen: wie er nicht gesonnen sei, auch den allergeringsten Schutzverwandten des Jasontempels ein Schlachtopfer der Schikanen des Sykophanten Physignatus und der Parteilichkeit des Zunftmeisters Pfrieme werden zu lassen.

Viertes Kapitel

Gerichtliche Verhandlung

Relation des Assessor Miltias

Urtel, und was daraus erfolgt

Inzwischen war nun der Gerichtstag herbeigekommen, da dieser seltsame Handel durch Urtel und Recht entschieden werden sollte. Die Sykophanten hatten in Sachen beschlossen, und die Acten waren einem Referenten, Namens Miltias, übergeben worden, gegen dessen Unparteilichkeit die Missgönner des Zahnarztes verschiedenes einzuwenden hatten. Denn es war nicht zu leugnen, dass er mit dem Sykophanten Physignatus sehr vertraut umging; und überdies wurde ganz laut davon gesprochen, dass die Dame Strution65 (die für eine von den hübschen Weibern in ihrer klasse passierte) ihm die gerechte Sache ihres Mannes zu verschiedenenmalen in eigner person empfohlen habe. Allein da diese Einwendungen auf keinem rechtsbeständigen grund beruhten, und der Turnus nun einmal an diesem Miltias war, so blieb es bei der Ordnung.

Miltias trug die geschichte des Streits so unbefangen, und beides, sowohl Zweifels- als Entscheidungsgründe, so ausführlich vor, dass die Zuhörer lange nicht merkten, wo er eigentlich hinaus wolle. Er leugnete nicht, dass beide Parteien vieles für und wider sich hätten. Auf der einen Seite scheine