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in jeder Stadt der Welt aufsehen machen. Man denke also, was er in Abdera tun musste? Kaum war das Gerüchte davon erschollen, als von stunde an alle andre Gegenstände der gesellschaftlichen Unterhaltung fielen, und jedermann mit eben so viel Teilnehmung von diesem Handel sprach, als ob er ein Grosses dabei zu gewinnen oder zu verlieren hätte. Die einen erklärten sich für den Zahnarzt, die andern für den Eseltreiber. Ja, sogar der Esel selbst hatte seine Freunde, welche dafür hielten, dass derselbe ganz wohl berechtigt wäre, interveniendo einzukommen, da er durch die Zumutung, den Zahnarzt in seinem Schatten sitzen zu lassen, und unterdessen in der brennenden Sonnenhitze zu stehen, offenbar am meisten prägraviert worden sei. Mit einem Worte, der besagte Esel hatte seinen Schatten auf ganz Abdera geworfen, und die Sache wurde mit einer Lebhaftigkeit, einem Eifer, einem Interesse getrieben, die kaum grösser hätten sein können, wenn das Heil gemeiner Stadt und Republik auf dem Spiele gestanden hätte.

Wiewohl nun diese Verfahrungsweise überhaupt niemanden, der die Abderiten aus der vorgehenden wahrhaften Geschichtsklitterung kennen gelernt hat, befremden wird: so glauben wir doch denen Lesern, welche eine geschichte nur alsdenn recht zu wissen glauben, wenn ihnen das Spiel der Räder und Triebfedern mit dem ganzen Zusammenhang der Ursachen und Folgen einer Begebenheit aufgeschlossen wirdkeinen unangenehmen Dienst zu erweisen, wenn wir ihnen etwas umständlicher erzählen, wie es zugegangen, dass dieser Handelder in seinem Ursprung nur zwischen Leuten von geringer Erheblichkeit, und über einen äusserst unerheblichen Gegenstand vorwaltetewichtig genug werden konnte, um zuletzt die ganze Republik in seinen Strudel hineinzuziehen.

Die sämtliche Bürgerschaft in Abdera war (wie von jeher die meisten Städte in der Welt) in Zünfte abgeteilt, und vermöge einer alten Observanz gehörte der Zahnarzt Strution in die Schusterzunft. Der Grund davon war, wie Gründe der Abderiten immer zu sein pflegten, mächtig spitzfindig. In den ersten zeiten der Republik hatte nämlich diese Zunft bloss die Schuster und Schuhflicker in sich begriffen. Nachmals wurden alle Arten von Flickern mit dazu genommen; und so kam es, dass in der Folge die Wundärzte, als Menschenflicker, und somit (ob paritatem rationis) alle Arten von Ärzten zu dieser Zunft geschlagen wurden. Strution hatte demnach (bloss die Ärzte ausgenommen, mit denen er immer stark über'n Fuss gespannt war) die ganze löbliche Schusterzunft, und besonders alle Schuhflicker, auf seiner Seite, die (wie man sich noch erinnern wird) einen sehr ansehnlichen teil der Bürgerschaft von Abdera ausmachten Natürlicherweise wandte sich also der Zahnarzt vor allen andern sogleich an seinen Vorgesetzten, den Zunftmeister Pfrieme; und dieser Mann, dessen patriotischer Eifer für die Constitution der Republik niemanden unbekannt ist, erklärte sich sogleich mit seiner gewöhnlichen Hitze: dass er sich eher mit seinem eigenen Schusterahl erstechen, als geschehen lassen wollte, dass die Rechte und Freiheiten von Abdera in der person eines seiner Zunftverwandten so gröblich verletzt würden.

"Billigkeit, sagte er, ist das höchste Recht. Was kann aber billiger sein, als dass derjenige, der einen Baum gepflanzet hat, wiewohl es dabei eigentlich auf die Früchte angesehen war, nebenher auch den Schatten des Baums geniesse? Und warum soll das, was von einem Baume gilt, nicht eben so wohl von einem Esel gelten? Wo, zum Henker, soll es mit unsrer Freiheit hinkommen, wenn einem zünftigen Bürger von Abdera nicht einmal frei stehen soll, sich in den Schatten eines Esels zu setzen? Gleich als ob ein Eselsschatten vornehmer wäre, als der Schatten des Ratauses oder des Jasontempels, in den sich stellen, setzen und legen mag wer da will. Schatten ist Schatten, er komme von einem Baum oder von einer Ehrensäule, von einem Esel oder von Sr. Gnaden dem Archon selbst! Kurz und gut, setzte Meister Pfrieme hinzu, verlasst euch auf mich, Herr Strution; der Grobian soll euch nicht nur den Schatten, sondern zu eurer gebührenden Saxfazion den Esel noch obendrein lassen, oder es müsste weder Freiheit noch Eigentum mehr in Abdera sein; und dahin solls, beim Element! nicht kommen, so lang ich der Zunftmeister Pfrieme heisse!"

Während dass der Zahnarzt sich der Gunst eines so wichtigen Mannes versichert hatte, liess es der Eseltreiber Antrax seines Orts auch nicht fehlen, sich um einen Beschützer zu bewerben, der jenem wenigstens das Gleichgewicht halten könnte. Antrax war eigentlich kein Bürger von Abdera, sondern nur ein Freigelassener, der sich in dem Bezirk des Jasontempels aufhielt; und er stand als ein Schutzverwandter desselben unter der unmittelbaren Gerichtsbarkeit des Erzpriesters dieses Heroen, der bekanntermassen zu Abdera göttlich verehrt wurde. Natürlicherweise war also sein erster Gedanke, wie er dazu gelangen könnte, dass der Erzpriester Agatyrsus sich seiner mit Nachdruck annehmen möchte. Allein der Erzpriester Jasons war zu Abdera eine sehr grosse person, und ein Eseltreiber konnte schwerlich hoffen, ohne einen besonderen Canal den Zutritt zu einem Herrn von diesem Range zu erhalten.

Nach vielen Beratschlagungen mit seinen vertrautesten Freunden wurde endlich folgender Weg beliebt. Seine Frau, Krobyle, war mit einer Putzmacherin bekannt, deren Bruder der begünstigte Liebhaber des Aufwartmädchens einer gewissen milesischen Tänzerin war, welche, wie die Rede ging, bei dem Erzpriester in grossen Gnaden stunde. Nicht als ob er etwawie es zu gehen pflegt – – sonderlich weil die Priester des Jasons unverheiratet sein musstenkurz, wie die Welt argwöhnisch ist, man sprach freilich allerleiAber das Wahre von der Sache ist: der