mitten im Sommer, und die Hitze diesen Tag sehr gross. Der Zahnarzt, dem sie unerträglich zu werden anfing, sah sich lechzend nach einem Schattenplatz um, wo er einen Augenblick absteigen, und etwas frische Luft schöpfen könnte. Aber da war weit und breit weder Baum noch Staude, noch irgend ein andrer schattengebender Gegenstand zu sehen. Endlich, als er seinem leib keinen Rat wusste, machte er Halt, stieg ab, und setzte sich in den Schatten des Esels.
Nu, Herr, was macht Ihr da, sagte der Eseltreiber, was soll das? –
Ich setze mich ein wenig in den Schatten, versetzte Strution, denn die Sonne gibt mir ganz unleidlich auf den Schädel.
Nä, mein guter Herr, erwiderte der andre, so haben wir nicht gehandelt! Ich vermietete euch den Esel, aber des Schattens wurde mit keinem Wort dabei gedacht.
I, sagte der Zahnarzt lachend, der Schatten geht mit dem Esel, das versteht sich.
Ei, beim Jason! das versteht sich nicht, rief der Eselmann ganz trotzig; ein anders ist der Esel, ein anders ist des Esels Schatten. Ihr habt mir den Esel um so und so viel abgemietet. Hättet Ihr den Schatten auch dazu mieten wollen, so hättet Ihrs sagen müssen. Mit einem Wort, Herr, steht auf, und setzt Eure Reise fort, oder bezahlt mir für des Esels Schatten was billig ist.
Was, schrie der Zahnarzt, ich habe für den Esel bezahlt, und soll jetzt auch noch für seinen Schatten bezahlen? Nennt mich selbst einen dreidoppelten Esel, wenn ich das tue. Der Esel ist einmal für diesen ganzen Tag mein, und ich will mich in seinen Schatten setzen, so oft mir es beliebt, und darin sitzen bleiben, so lange mir es beliebt, darauf könnt Ihr Euch verlassen!
Ist das im Ernst Eure Meinung? fragte der andre mit der ganzen Kaltblütigkeit eines tracischen Eseltreibers.
In ganzem Ernste, versetzte Strution.
So komm der Herr nur gleich stehenden Fusses wieder zurück nach Abdera vor die Obrigkeit, sagte jener, da wollen wir sehen, wer von uns beiden Recht behalten wird. So wahr Priapus mir und meinem Esel gnädig sei, ich will sehen, wer mir den Schatten meines Esels wider meinen Willen abtrotzen soll!
Der Zahnarzt hatte grosse Lust, den Eseltreiber durch die Stärke seines Arms zur Gebühr zu weisen. Schon ballte er seine Faust zusammen, schon hob sich sein kurzer Arm; aber als er seinen Mann genauer betrachtete, fand er für besser, ihn – allmählich wieder sinken zu lassen, und es noch einmal mit gelindern Vorstellungen zu versuchen. Aber er verlor seinen Atem dabei. Der ungeschlachte Mensch bestand darauf, dass er für den Schatten seines Esels bezahlt sein wollte; und da Strution eben so hartnäckig dabei blieb, nicht bezahlen zu wollen: so war zuletzt kein andrer Weg übrig, als nach Abdera zurückzukehren, und die Sache bei dem Stadtrichter anhängig zu machen.
Zweites Kapitel
Verhandlung vor dem Stadtrichter Philippides
Der Stadtrichter Philippides, vor den alle Händel dieser Art in erster Instanz gebracht werden mussten, war ein Mann von vielen guten Eigenschaften; ein ehrbarer, nüchterner, seinem amt fleissig vorstehender Mann, der jedermann mit grosser Geduld anhörte, den Leuten freundlichen Bescheid gab, und im allgemeinen Ruf stunde, dass er unbestechlich sei. Überdies war er ein guter Musikus, sammelte Naturalien, hatte einige Schauspiele gemacht, die, nach Gewohnheit der Stadt, sehr wohl gefallen hatten, und war beinahe gewiss, beim ersten Erledigungsfalle Nomophylax zu werden.
Zu allen diesen Verdiensten hatte der gute Philippides nur einen einzigen kleinen Fehler, und das war: dass, so oft zwo Parteien vor ihn kamen, ihm allemal derjenige Recht zu haben schien, der zuletzt gesprochen hatte. Die Abderiten waren so dumm nicht, dass sie das nicht gemerkt hätten; aber sie glaubten, dass man einem mann, der so viele gute Eigenschaften besitze, einen einzigen Fehler leicht zu gut halten könne. Ja, sagten sie, wenn Philippides diesen Fehler nicht hätte, er wäre der beste Stadtrichter, den Abdera jemals gesehen hat. – Indessen hatte doch der Umstand, dass dem ehrlichen mann immer beide Parteien Recht zu haben schienen, natürlicher Weise die gute Folge, dass er nichts angelegners hatte, als die Händel, die vor ihn gebracht wurden, in Güte auszumachen; und so würde die Blödigkeit des guten Philippides ein wahrer Segen für Abdera gewesen sein, wenn die Wachsamkeit der Sykophanten, denen mit seiner Friedfertigkeit übel gedient war, nicht Mittel gefunden hätte, ihre wirkung fast in allen Fällen zu vereiteln.
Der Zahnarzt Strution und der Eseltreiber Antrax kamen also brennend vor diesen würdigen Stadtrichter gelaufen, und brachten beide zugleich mit grossem Geschrei ihre Klage vor. Er hörte sie mit seiner gewöhnlichen Langmut an; und, da sie endlich fertig oder des Schreiens müde waren, zuckte er die Achseln, und der Handel deuchte ihm einer der verworrensten, die ihm jemals vorgekommen. Und wer von euch beiden ist denn eigentlich der Kläger, fragte er?
Ich klage gegen den Eselmann, antwortete Strution, dass er unsern Contract gebrochen hat.
Und ich, sagte dieser, klage gegen den Zahnarzt, dass er sich ohnentgeltlich einer Sache angemasst hat, die ich ihm nicht vermietet hatte.
Da haben wir zwei Kläger, sagte der Stadtrichter, und wo ist der Beklagte? Ein wunderlicher Handel! Erzählt mir die Sache noch einmal mit allen Umständen – aber