Abderitinnen, erzählen Sie doch, Herr Demokritus! Was müssten Sie uns nicht erzählen können, wenn Sie nur wollten!
Demokritus schwur vergebens, dass er von allen diesen Wundermenschen in Aetiopien und Indien nichts gesehen noch gehört habe.
Aber was haben Sie denn gesehen, fragte ein runder dicker Mann, der zwar weder einäugig war wie die Agriophagen, noch eine Hundsschnauze hatte wie die Cymolgen, noch die Augen auf den Schultern trug wie die Omophtalmen, noch vom blossen Geruche lebte wie die Paradiesvögel, aber doch gewiss nicht mehr Gehirn in seinem grossen Schädel trug, als ein mexicanischer Colibri, ohne darum weniger ein Ratsherr von Abdera zu sein – Aber was haben Sie denn gesehen, sagte Wanst, Sie, der zwanzig Jahre in der Welt herum gefahren sind, wenn Sie nichts von allem dem gesehen haben, was man in fernen Landen wunderbares sehen kann?
Wunderbares? versetzte Demokritus lächelnd. Ich hatte so viel mit Betrachtung des Natürlichen zu tun, dass ich fürs Wunderbare keine Zeit übrig behielt.
Nun das gesteh ich, erwiderte Wanst; das verlohnt sich auch der Mühe, alle Meere zu durchfahren, und über alle Berge zu steigen, um nichts zu sehen, als was man zu haus eben so gut sehen konnte!
Demokritus zankte sich nicht gerne mit den Leuten um ihre Meinungen, am allerwenigsten mit Abderiten; und gleichwohl wollt' er auch nicht, dass es aussehen sollte, als ob er gar nichts sagen könne. Er suchte unter den schönen Abderitinnen, die in der Gesellschaft waren, eine aus, an die er das richten könnte, was er sagen wollte; und fand eine mit zwei grossen junonischen Augen, die ihn, trotz seiner physiognomischen Kenntnisse, verführten, ihrer Eigentümerin etwas mehr Verstand oder Empfindung zuzutrauen als den übrigen. Was wollten Sie, sagte er zu ihr, dass ich, zum Exempel, mit einer Dame, die die Augen auf der Stirne oder am Ellebogen trüge, hätte anfangen sollen? Oder was würde mir es nun helfen, wenn ich noch so gelehrt in der Kunst wäre, das Herz einer – Menschenfresserin zu rühren? Ich habe mich immer zu wohl befunden, mich der sanften Gewalt von zwei schönen Augen, die an ihrem natürlichen platz stehen, zu überlassen, um jemals eine Versuchung zu bekommen, das grosse Stierauge auf der Stirn einer Cyklopin zärtlich zu sehen.
Die Schöne mit den grossen Augen, zweifelhaft, was sie aus dieser Anrede machen sollte, guckte dem Mann, der so sprach, mit stummer Verwunderung in den Mund, lächelte ihm ihre schönen Zähne vor, und sah sich zur rechten und linken Seite um, als ob sie den Verstand seiner Rede suchen wollte.
Die übrigen Abderitinnen hatten zwar eben so wenig davon begriffen; weil sie aber aus dem Umstande, dass er sich gerade an die Grossäugige gewendet hatte, schlossen, er habe ihr etwas Schönes gesagt: so sahen sie einander jede mit einer eignen Grimasse an. Diese rümpfte eine kleine Stumpfnase, jene zog den Mund in die Länge, eine dritte spitzte den ihrigen, der ohnehin gross genug war, eine vierte riss ein paar kleine Augen auf, eine fünfte brüstete sich mit zurückgezogenem kopf, u.s.w. Demokritus sah es, erinnerte sich, dass er in Abdera war, und schwieg.
Viertes Kapitel
Das Examen wird fortgesetzt, und verwandelt sich in
eine Disputation über die Schönheit, wobei dem
Demokritus sehr warm gemacht wird
Schweigen – ist zuweilen eine Kunst; aber doch nie eine so grosse, als uns gewisse Leute glauben machen wollen, die dann am klügsten sind, wenn sie schweigen.
Wenn ein weiser Mann sieht, dass er es mit Kindern zu tun hat, warum sollt' er sich zu weise dünken, nach ihrer Art mit ihnen zu reden?
Ich bin zwar (sagte Demokritus zu seiner neugierigen Gesellschaft) aufrichtig genug gewesen, zu gestehen, dass ich von allem, was man will, dass ich gesehen haben sollte, nichts gesehen habe; aber bilden Sie sich darum nicht ein, dass mir auf so vielen Reisen zu wasser und zu land nichts aufgestossen sei, das Ihre Neubegierde befriedigen könnte. Glauben Sie mir, es sind Dinge darunter, die Ihnen vielleicht noch wunderbarer vorkommen würden, als diejenigen, wovon die Rede war.
Bei diesen Worten rückten die schönen Abderitinnen näher und spitzten Mund und Ohren. Das ist doch ein Wort von einem gereisten mann, rief der kurze dicke Ratsherr. Des Gelehrten Stirne entrunzelte sich durch die Hoffnung, dass er etwas zu tadeln und zu verbessern bekommen würde, Demokritus möchte auch sagen was er wollte.
Ich befand mich einst in einem land, fing Demokritus an, wo es mir so wohl gefiel, dass ich in den ersten drei oder vier Tagen, die ich darinnen zubrachte, unsterblich zu sein wünschte, um ewig darin zu leben.
"Ich bin nie aus Abdera gekommen, sagte der Ratsmann; aber ich dachte immer, dass es keinen Ort in der Welt gäbe, wo es mir besser gefallen könnte, als in Abdera. Auch geht es mir gerade, wie Ihnen mit dem land wo es Ihnen so wohl gefiel; ich wollte mit Freuden auf die ganze übrige Welt Verzicht tun, wenn ich nur ewig in Abdera leben könnte! Aber warum gefiel es Ihnen nur drei Tage lang so wohl in dem land?"
Sie werden es gleich hören. Stellen Sie sich ein unermessliches Land vor, dem die angenehmste Abwechslung von Bergen, Tälern,