durch heftiges Nasenbluten oder einen starken Schweiss; hingegen blieb ihnen eine seltsame Art von Zufall davon zurück. Denn wie das Fieber vorbei war, überfiel sie allesamt ein unwiderstehlicher Drang, tragische Verse zu declamieren. Sie sprachen in lauter Jamben, schrien, wo sie stunden und gingen, aus vollem Halse ganze Tiraden aus der Andromeda daher, sangen den Monologen des Perseus" u.s.w.
Lucian, nach seiner spöttischen Art, macht sich sehr lustig mit der Vorstellung, wie närrisch es ausgesehen haben müsse, alle Strassen in Abdera von bleichen, entbauchten, und vom siebentägigen Fieber ausgemergelten Tragikern wimmeln zu sehen, die aus allen ihren Leibeskräften, "Du aber, der Götter und der Menschen Herrscher Amor," u.s.w. gesungen; und er versichert, diese Epidemie habe so lange gedauert, bis der Winter und eine eingefallne grosse Kälte dem Unwesen endlich ein Ende gemacht.
Man muss gestehen, Lucians Art, den Hergang zu erzählen, hat vor der yorikischen vieles voraus. Denn so seltsam dieses abderitische Fieber scheinen mag, so werden doch alle Ärzte gestehen, dass es wenigstens möglich, und alle Dichter, dass es charaktermässig ist. Es gilt also davon, was die Italiäner zu sagen pflegen: se non è vero, è ben trovato. Aber wahr ist es freilich nicht; wie schon aus dem einzigen Umstand erhellt, dass um die Zeit, da sich diese Begebenheit in Abdera zugetragen haben soll, eigentlich kein Abdera mehr war, weil die Abderiten schon einige Jahre zuvor ausgezogen waren, und ihre Stadt den Fröschen und Ratten überlassen hatten.
Kurz, die Sache begab sich – wie wir sie erzählt haben; und wem man den Paroxysmus, der die Abderiten nach der Andromeda des Euripides überfiel, ein Fieber nennen will: so war es wenigstens von keiner andern Art als das Schauspielfieber, womit wir bis auf diesen Tag manche Städte unsers werten deutschen Vaterlandes behaftet sehen. Das Übel lag nicht sowohl im Blute, als in der Abderiteit der guten Leute überhaupt.
Indessen ist nicht zu leugnen, dass es bei einigen, bei denen es mehr Zunder und Nahrung als bei andern finden mochte, ernstaft genug wurde, um des Arztes zu bedürfen – woraus denn vermutlich in der Folge der Irrtum Lucians entstanden sein mag, die ganze Sache für eine Art von hitzigem Fieber zu halten. Zum Glücke befand sich Hippokrates noch in der Nähe; und da er die natur der Abderiten schon ziemlich kennen gelernt hatte: so setzten etliche Pfund Niesewurz alles in kurzem wieder in den alten Stand – d.i. die Abderiten hörten auf: "O du, der Götter und der Menschen Herrscher, Amor!" zu singen, und waren nun samt und sonders wieder – so weise als zuvor.
Zweiter teil,
der das vierte und fünfte Buch
und den Schlüssel entält
Viertes Buch
oder
der Process um des Esels Schatten
Erstes Kapitel
Veranlassung des Processes, und Facti Species
Der Periodus fatalis der Stadt Abdera schien endlich gekommen zu sein. Kaum hatten sie sich von dem wunderbaren Teaterfieber, womit sie des ehrlichen, arglosen Euripides Götter- und Menschenherrscher Amor heimgesucht hatte, wieder ein wenig erholt; kaum sprachen die Bürger wieder in Prosa mit einander auf den Strassen; kaum verkauften die Drogisten wieder ihre Niesewurz, schmiedeten die Waffenschmiede wieder ihre Rappiere und Transchiermesser, machten sich die Abderitinnen wieder keusch und emsig an ihr Purpurgewebe, und warfen die Abderiten ihr leidiges Haberrohr weg, um ihren verschiednen Berufsarbeiten wieder mit ihrem gewöhnlichen guten verstand obzuliegen: als die Schicksalsgöttinnen, ganz ingeheim, aus dem schalsten, dünnsten, unhaltbarsten Stoff, der jemals von Göttern oder Menschen versponnen worden ist, ein so verworrenes Gespinnzungen, Kabalen, Parteien, und anderm Unrat herauszogen, dass endlich ganz Abdera davon umwickelt und umsponnen wurde, und, da das heillose Zeug durch die unbesonnene Hitze der Helfer und Helfershelfer in Flammen geriet, diese berühmte Stadt darüber beinahe, und vielleicht gänzlich, zu grund gegangen wäre, wofern sie, nach des Schicksals Schluss, durch eine geringere Ursache als – Frösche und Ratten hätte vertilgt werden können.
Die Sache fing sich (wie alle grosse Weltbegebenheiten) mit einer sehr geringfügigen Veranlassung an. Ein gewisser Zahnarzt, Namens Strution, von Geburt und Vorältern aus Megara gebürtig, hatte sich schon seit vielen Jahren in Abdera häuslich niedergelassen; und weil er vielleicht im ganzen land der einzige von seiner Profession war, so erstreckte sich seine Kundschaft über einen ansehnlichen teil des mittäglichen Tracien. Seine gewöhnliche Weise, denselben in Contribution zu setzen, war, dass er die Jahrmärkte aller kleinen Städte und Flecken auf mehr als dreissig Meilen in der Runde bereisete, wo er, neben seinen Zahnpulver und seinen Zahntincturen, gelegenheitlich auch verschiedene Arcana wider Milzund Mutterbeschwerungen, Engbrüstigkeit, böse Flüsse u.s.w. mit ziemlichem Vorteil absetzte. Er hatte zu diesem Ende eine eigene Eselin im Stalle, welche bei solchen Gelegenheiten zugleich mit seiner eignen kurzdicken person, und mit einem grossen Quersack voll Arzneien und Victualien beladen wurde. Nun begab sichs einsmals, da er den Jahrmarkt zu Gerania besuchen sollte, dass seine Eselin Abends zuvor ein Füllen geworfen hatte, folglich nicht im stand war, die Reise mitzumachen. Strution mietete sich also einen andern Esel, bis zum Ort, wo er sein erstes Nachtlager nehmen wollte; und der Eigentümer begleitete ihn zu Fuss, um das lastbare Tier zu besorgen und wieder nach haus zu reiten. Der Weg ging über eine grosse Heide. Es war