Yorik, dieser Erfinder, Vater, Protoplastus und Prototypus aller empfindsamen Reisen und empfindelnden Wandersleute, die ohne Beutel und tasche, ja ohne nur ein paar Schuhsohlen darüber abgenutzt zu haben, empfindsame Reisen, wer weiss wohin, bloss in der Absicht getan haben, mit deren Beschreibung ihre Bier- und Tabaksrechnung zu saldieren – ich sage, da ist nun dieser Yorik, der, um ein hübsches Kapitelchen in sein berühmtes Sentimental Journei daraus zu machen, diese nämliche Begebenheit so accommodiert hat, dass sie zwar so wunderbar und abenteuerlich als ein Feenmärchen worden ist, aber auch darüber alle ihre individuelle Wahrheit, und sogar alle abderitische Familienähnlichkeit verloren hat.
Man höre nur an! – "Die Stadt Abdera (sagt er) war die schändlichste und gottloseste Stadt in ganz Tracien – wimmelte und brudelte von Giftmischerei, Verschwörungen, Meuchelmord, Schmähschriften, Pasquillen und Tumult. Bei hellem Tage war man seines Lebens nicht sicher; bei Nacht war es noch ärger. Nun begab sichs (fährt er fort), als der Greuel aufs höchste gestiegen war, dass man zu Abdera die Andromeda des Euripides vorstellte. Sie gefiel allen Zuschauern; aber von allen Stellen, die dem volk gefielen, wirkten keine stärker auf seine Imagination als die zärtlichen Naturzüge, die der Dichter in die rührende Rede des Perseus verweht hatte – O du, der Götter und der Menschen Herrscher, Amor! Alle Welt sprach den folgenden Tag in Jamben, und von nichts als der rührenden Anrede des Perseus: O Amor, du der Götter und der Menschen Herrscher!64 – In jeder Gasse von Abdera, in jedem haus: 'O Amor, O Amor'! – In jedem mund u.s.w. nichts als: O du, der Götter und der Menschen Herrscher, Amor! Das Feuer griff um sich, und die ganze Stadt, gleich dem Herzen eines einzigen Mannes, öffnete sich der Liebe. Kein Drogist konnte einen Scrupel Niesewurz los werden – kein Waffenschmied hatte das Herz, ein einziges Werkzeug des Todes zu schmieden Freundschaft und Tugend begegneten sich auf den Gassen – das goldne Alter kehrte zurück, und schwebte über der Stadt Abdera. Jeder Abderit nahm sein Haberrohr, und jede Abderitin verliess ihr Purpurgewebe, und setzte sich keusch und horchte auf den Gesang."
In der Tat ein sehr schönes Kapitelchen! Alle jungen Knaben und Mädel fanden es deliciös – "O Amor, Amor! der Götter und der Menschen Herrscher, Amor!" – Und dass ein einziger Vers aus dem Euripides – ein Vers, wie wahrlich – bei beiden Ohren des Königs Midas! – der geringste unter euern Haberrohrsängern sich alle Augenblicke zwanzig auf einem Beine stehend zu machen getrauen kann – ein Wunder gewirkt haben soll, das alle Priester, Propheten und Weisen der ganzen Welt mit gesamter Hand nicht im stand gewesen sind, nur ein einzigesmal zu bewirken – das Wunder, eine so schändliche, heillose und gottesvergessene Stadt und Republik, wie Abdera gewesen sein soll, auf einmal in ein unschuldiges, liebevolles Arkadien zu verwandeln – das gefällt freilich den gauchhaarigten, empfindsamen, geelschnäblichten Turteltäubchen und Turteltaubern! Nur Schade, wie gesagt, dass am ganzen Histörchen, so wie es Bruder Yorik erzählt, kein wahres Wort ist.
Das ganze Geheimnis ist: der wunderliche Mensch war verliebt, als er sich das alles einbildete; und so schrieb er (wie es jedem ehrlichen Amoroso und Virtuoso, Steckenpferdler und Mondritter zu gehen pflegt) alles, was er sich einbildete, für Wahrheit hin. Nur ist es nicht hübsch an ihm, dass er – um seinem Leibgötzen und Fetisch, Amor, ein desto grösseres Compliment zu machenden armen Abderiten das Ärgste nachsagt, was sich von Menschen denken und sagen lässt. Aber das ganze griechische und römische Altertum soll auftreten und zeugen, ob jemals so etwas auf die guten Leute gebracht worden sei! Sie hatten freilich, wie man weiss, ihre Launen und Mukken, und was man im eigentlichen verstand Klugheit und Weisheit nennt, war nie ihre Sache gewesen; aber ihre Stadt deswegen zu einer Mördergrube zu machen, das geht ein wenig über die Grenzen der berüchtigten Dichterfreiheit, die (so einen grossen Tummelplatz man ihr auch immer zugestehen will) doch am Ende, wie alle andere Dinge in der Welt, ihre Grenzen haben muss.
Lucian von Samosata, im Eingang seines berühmten Büchleins, wie man die geschichte schreiben müsste – wenn man könnte, erzählt die Sache ganz anders, wiewohl, mit seiner Erlaubnis, nicht viel richtiger als Yorik. Er muss, wie es scheint, etwas vom König Archelaus und von der Andromeda des Euripides und von der seltsamen Schwärmerei, die sich der Abderiten bemächtigte, gehört haben; und dass man zuletzt genötiget war, den Hippokrates zu hülfe zu rufen, damit er alles zu Abdera wieder ins alte Gleis setzen möchte – Und nun sehe man einmal, wie der Mann das alles durch einander wirft! – "Der Komödiant Archelaus (der damals so viel war, als wenn man bei uns Brokmann, oder Schröter, oder, ne vous déplaise, der deutsche Garrik sagt) – dieser Archelaus kam in den Tagen des Königs Lysimachus nach Abdera, und gab die Andromeda des Euripides. Es war just ein ausserordentlich heisser Sommertag. Die Sonne brannte den Abderiten auf ihre Köpfe, die wahrlich ohnehin schon warm genug waren. Die ganze Stadt brachte ein starkes Fieber aus der Komödie nach haus. Am siebenten Tage brach sich bei den Meisten die Krankheit entweder