wie blosse Naturmenschen hörten; kurz, aus eben dem grund, warum (nach Forsters Bericht) eine schottische Sackpfeife die guten Seelen von Tahiti in Entzücken setzte.
Die Anwendung dieser nicht sehr neuen, aber sehr
praktischen Bemerkung, die man so oft gehört hat, und doch fast immer aus der Acht lässt, wird der geneigte Leser selbst machen, wenn's ihm beliebt. Unser eigen Gewissen mag uns sagen, ob und in wie fern wir in andern Dingen, mehr oder weniger, Tracier und Abderiten sind; aber wenn wir's in diesem einzigen Puncte wären, so möchte' es nur desto besser für uns – und freilich auch für den grössten teil unsrer poetischen Sackpfeifer, sein.
Zwölftes Kapitel
Wie ganz Abdera vor Bewunderung und Entzücken über die Andromeda des Euripides zu Narren wurde Philosophischkritischer Versuch über diese seltsame
Art von Phrenesie, welche bei den Alten insgemein
die abderische Krankheit genannt wird – den
Geschichtschreibern ergebenst zugeeignet
Als der Vorhang gefallen war, sahen die Abderiten noch immer mit offnem auge und mund nach dem Schauplatz hin; und so gross war ihre Verzückung, dass sie nicht nur ihrer gewöhnlichen Frage, wie hat Ihnen das Stück gefallen? vergassen, sondern sogar des Klatschens vergessen haben würden, wenn Salabanda und Onolaus (die bei der allgemeinen Stille am ersten wieder zu sich selbst kamen) nicht eilends diesem Mangel abgeholfen, und dadurch ihren Mitbürgern die Beschämung erspart hätten, gerade zum erstenmale, wo sie wirklich Ursache dazu hatten, nicht geklatscht zu haben. Aber dafür brachten sie auch das Versäumte mit Wucher ein. Denn sobald der Anfang gemacht war, wurde so laut und so lange geklatscht, bis kein Mensch mehr seine hände fühlte. Diejenigen, die nicht mehr konnten, pausierten einen Augenblick, und fingen dann wieder desto stärker an, bis sie von andern, die inzwischen ausgeruht, wieder abgelöst wurden. Es blieb nicht bei diesem lärmenden Ausbruch ihres Beifalls. Die guten Abderiten waren so voll von dem, was sie gehört und gesehen hatten, dass sie sich genötiget fanden, ihrer Repletion noch auf andere Weise Luft zu machen. Verschiedene blieben im Nachhausegehen auf öffentlicher Strasse stehen, und declamierten überlaut die Stellen des Stücks, wovon sie am stärksten gerührt worden waren. Andre, bei denen die leidenschaft so hoch gestiegen war, dass sie singen mussten, fingen zu singen an, und wiederholten, wohl oder übel, was sie von den schönsten Arien im Gedächtnis behalten hatten. Unvermerkt wurde, wie es bei solchen Gelegenheiten zu gehen pflegt, der Paroxysmus allgemein; eine Fee schien ihren Stab über Abdera ausgereckt, und alle seine Einwohner in Komödianten und Sänger verwandelt zu haben. Alles was Odem hatte sprach, sang, trallerte, leierte und pfiff, wachend und schlafend, viele Tage lang nichts als Stellen aus der Andromeda des Euripides. Wo man hin kam, hörte man die grosse Arie – O du, der Götter und der Menschen Herrscher, Amor u.s.w. und sie wurde so lange gesungen, bis von der ursprünglichen Melodie gar nichts mehr übrig war, und die Handwerksbursche, zu denen sie endlich herabsank, sie bei Nacht auf der Strasse nach eigner Melodie brüllten.
Wenn der Rat nicht (wie so viele andre, die uns von Weisen gegeben werden) den einzigen Fehler hätte – dass er nicht praktikabel ist, so würden wir eilen was wir könnten, allen Menschen den Rat zu geben, niemals von irgend einer Begebenheit, die ihnen erzählt wird, ein Wort zu glauben. Denn unzählige Erfahrungen, die wir hierüber seit mehr als dreissig Jahren gemacht, haben uns überzeugt, dass an allen solchen Erzählungen ordentlicher Weise kein Wort wahr ist; und wir wissen uns in ganzem Ernst nicht eines einzigen Falles zu besinnen, wo eine Sache, wiewohl sie sich erst vor wenigen Stunden zugetragen, nicht von jedem, der sie erzählte, anders, und also (weil doch ein Ding nur auf eine Art wahr ist) von jedem falsch erzählt worden wäre.
Da es diese Bewandtnis mit Dingen hat, die zu unsrer Zeit, an dem Ort unsers Aufentalts, und beinahe vor unsern sichtlichen Augen geschehen: so kann man leicht ermessen, wie es um die historische Treue und Zuverlässigkeit solcher begebenheiten stehen müsse, die sich vor langer Zeit zugetragen, und für die wir keine andre Gewähr haben, als was uns davon in geschriebenen oder gedruckten Büchern weisgemacht wird. Weiss der liebe Gott, wie sie da der armen ehrlichen Wahrheit mitspielen, und was von ihr übrig bleiben kann, wenn sie ein paar tausend Jahre lang durch alle die verfälschenden Mediums von Traditionen, Chroniken, Jahrbüchern, pragmatischen Geschichten, kurzen begriffen, historischen Wörterbüchern, Anekdotensammlungen u.s.w., und durch so manche gewaschne oder ungewaschne hände von Schreibern und Abschreibern, Setzern und Übersetzern, Censoren und Correctoren etc. durchgebeutelt, geseigt und gepresst worden ist! Ich meines Orts bin durch die genauere Betrachtung dieser Umstände schon lange bewogen worden, ein Gelübde zu tun, keine andre geschichte zu schreiben, als von Personen, an deren Existenz – und von begebenheiten, an deren Zuverlässigkeit – keinem Menschen in der Welt etwas gelegen sein kann.
Was mich zu dieser kleinen Expectoration veranlasst, ist gerade die Begebenheit, die wir vor uns haben, und die von den verschiedenen Schriftstellern, welche ihrer Erwähnung tun, so seltsam behandelt und misshandelt worden ist, als ein guterziger nichts Arges wähnender Leser sich kaum vorstellen kann.
Da ist nun, zum Exempel, dieser