war, dass die guten Leute gewohnt ihre Helden und Heldinnen wie Besessene herumfahren zu sehen, und schreien zu hören wie der verwundete Mars in der Iliade – gar nicht wussten, was sie daraus machen sollten. Das ist eine wunderliche Art zu agieren, flüsterten sie einander zu; man merkt gar nicht, dass man in der Komödie ist; es klingt ja ordentlich, als ob die Leute ihre eigne Rollen spielten. Indessen bezeugten sie doch ihr Erstaunen über die Decorationen, die zu Aten von einem berühmten Meister in der Teaterperspectiv gemalt waren; und da die Meisten in ihrem Leben nichts Gutes in dieser Art gesehen hatten, so glaubten sie bezaubert zu sein, wie sie das Ufer des Meers, den Felsen, wo Andromeda angefesselt war, und den Hain der Nereiden an einer kleinen Bucht auf der einen Seite, und den Palast des Königs Cepheus in der Ferne auf der andern, so natürlich vor sich sahen, dass sie geschworen hätten, es sei alles wirklich und wahrhaftig so, wie es sich darstellte. Da nun überdies die Musik vollkommen nach dem Sinn des Dichters, und also das alles war, was die Musik des Nomophylax Gryllus – nicht war; da sie immer gerad aufs Herz wirkte, und ungeachtet der grössten Einfalt und Singbarkeit doch immer neu und überraschend war: so brachte alles dies, mit der Lebhaftigkeit und Wahrheit der Declamation und Pantomime, und mit der Schönheit der Stimmen und des Vortrags, einen Grad von Täuschung bei den guten Abderiten hervor, wie sie noch in keinem Schauspiel erfahren hatten. Sie vergassen gänzlich, dass sie in ihrem Nationalteater sassen; glaubten unvermerkt mitten in der wirklichen Scene der Handlung zu sein, nahmen Anteil an dem Glück und Unglück der handelnden Personen, als ob es ihre nächsten Blutsfreunde gewesen wären, betrübten und ängstigten sich, hofften und fürchteten, liebten und hassten, weinten und lachten, wie es dem Zauberer, unter dessen Gewalt sie waren, gefiel, – kurz, die Andromeda wirkte so ausserordentlich auf sie, dass Euripides selbst gestand, noch niemals des Schauspiels einer so vollkommnen Empfindsamkeit genossen zu haben.
Wir bitten – in Parentesi – die empfindsamen Frauenzimmerchen und Jüngelchen unsrer von lauter Empfindsamkeit höchst unempfindsamen Zeit sehr um Verzeihung! – aber es war in der Tat unsre Meinung nicht, durch diesen Zug der ausserordentlichen Empfindsamkeit der Abderiten Ihnen einen Stich zu geben – und gleichsam dadurch einigen Zweifel gegen ihren guten Verstand bei Ihnen selbst oder bei andern Leuten zu erwecken. – In ganzem Ernst, wir erzählen die Sache bloss wie sie sich zutrug; und wem eine so grosse Empfindsamkeit an Abderiten befremdlich vorkommt, den ersuchen wir höflichst – zu bedenken, dass sie, bei aller ihrer Abderiteit, am Ende doch Menschen waren wie andre; ja, in gewissem Sinn, nur desto mehr Menschen – je mehr Abderiten sie waren. Denn gerade ihre Abderiteit machte, dass es eben so leicht war, sie zu betrügen, als die Vögel, die in die gemalten Trauben des Zeuxis hineinpickten; indem sie sich jedem Eindruck, besonders den Illusionen der Kunst, viel ungewahrsamer und treuherziger überliessen, als feinere und kältere, folglich auch gescheutere Leute zu tun pflegen, als welche man so leicht nicht verhindern kann, durch jeden Zauberdunst, den man um sie her macht, durchzusehen.
übrigens macht der Verfasser dieser geschichte hier die Anmerkung: Die grosse Disposition der Abderiten, sich von den Künsten der Einbildungskraft und der Nachahmung täuschen zu lassen, sei eben nicht das, was er am wenigsten an ihnen liebe. Er mag aber wohl dazu seine besonderen Ursachen gehabt haben.
In der Tat haben Dichter, Tonkünstler, Maler, einem aufgeklärten und verfeinerten Publico gegenüber schlimmes Spiel; und just die eingebildeten Kenner, die unter einem solchen Publico immer den grössten Haufen ausmachen, sind am schwersten zu befriedigen. Anstatt der Einwirkung still zu halten, tut man alles, was man kann, um sie zu verhindern. Anstatt zu geniessen, was da ist, raisonniert man darüber, was da sein könnte. Anstatt sich zur Illusion zu bequemen63, wo die Vernichtung des Zaubers zu nichts dienen kann, als uns eines Vergnügens zu berauben: setzt man ich weiss nicht welche kindische Ehre darin, den Philosophen zur Unzeit zu machen, zwingt sich zu lachen, wo Leute, die sich ihrem natürlichen Gefühl überlassen, Tränen im Auge haben, und, wo diese lachen, die Nase aufzurümpfen, um sich das Ansehen zu geben, als ob man zu stark oder zu fein oder zu gelehrt sei, um sich von so was aus seinem Gleichgewicht setzen zu lassen. –
Aber auch die wirklichen Kenner verkümmern sich
selbst den Genuss, den sie von tausend Dingen, die in ihrer Art gut sind, haben könnten, durch Vergleichungen derselben mit Dingen anderer Art; Vergleichungen, die meistens ungerecht und immer wider unsern eignen Vorteil sind. Denn das, was unsre Eitelkeit dabei gewinnt, ein Vergnügen zu verachten, ist doch immer nur ein Schatten, nach welchem wir schnappen, indem uns das Wirkliche entgeht.
Wir finden daher, dass es allezeit unter noch rohen
Menschen war, wo die Söhne des Musengottes jene grossen Wunder taten, wovon man noch immer spricht, ohne recht zu wissen was man sagt. Die Wälder in Tracien tanzten zur Leier des Orpheus, und die wilden Tiere schmiegten sich zu seinen Füssen, nicht weil er – ein Halbgott war, sondern weil die Tracier – Bären waren; nicht, weil er übermenschlich sang, sondern weil seine Zuhörer