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womit man die alltäglichste Begebenheit erzählen kann, alles, was er von der Sache zu wissen glaubte.

"Die geschichte des Latonendiensts in Abdera, sagte er, verliert sich im Nebel des grauesten Altertums. Unsre Vorfahren, die Tejer, die sich vor ungefähr 140 Jahren von Abdera Meister machten, fanden ihn bereits seit unendlicher zeiten eingeführt; und dieser Tempel hier ist vielleicht einer der ältesten in der Welt, wie Sie schon aus seiner Bauart und andern Zeichen eines hohen Altertums schliessen können. Es ist, wie Sie wissen, nicht erlaubt, mit strafbarem Vorwitz den heiligen Schleier aufzuheben, den die Zeit um den Ursprung der Götter und ihres Dienstes geworfen hat. Alles verliert sich in zeiten, wo die Kunst zu schreiben noch nicht erfunden war. Allein die mündliche Überlieferung, die von Vater zu Sohn durch so viele Jahrhunderte fortgepflanzt wurde, ersetzt den Abgang schriftlicher Urkunden mehr als hinlänglich, und macht, so zu sagen, eine lebendige Urkunde aus, die dem toten Buchstaben billig noch vorzuziehen ist. Diese Tradition sagt: als die vorerwähnte Verwandlung der lycischen bauern vorgegangen, hätten die benachbarten Einwohner und einige von den besagten bauern selbst, welche an dem Frevel der übrigen keinen teil genommen, als Zeugen des vorgegangenen Wunders, die Latona mit ihren noch an der Brust liegenden Zwillingen, Apollo und Diana, für Gotteiten erkannt, an dem Teiche, wo die Verwandlung geschehen, einen Altar errichtet, auch die Gegend und das Gebüsche, das den Teich umgab, zu einem Hain geheiligt. Das Land hiess damals noch Milia, und die in Frösche verwandelten bauern waren also eigentlich zu reden Milier; als aber lange Zeit hernach Lycus, Pandions des zweiten Sohn, sich mit einer attischen Colonie des Landes bemächtigte, bekam es von ihm den Namen Lycia, und der ältere Name verlor sich gänzlich. Bei dieser gelegenheit verliessen die Einwohner der Gegend, wo der Altar und Hain der Latona stunde, weil sie sich der herrschaft des besagten Lycus nicht unterwerfen wollten, ihr Vaterland, setzten sich zu Schiffe, irrten eine Zeitlang auf dem ägeischen Meere herum, und liessen sich endlich zu Abdera nieder, welches kurz zuvor durch die Pest beinahe gänzlich entvölkert worden war. Bei ihrem Abzuge schmerzte sie, wie die Tradition sagt, nichts so sehr, als dass sie den geheiligten Hain und Teich der Latona zurücklassen mussten. Sie sannen hin und her, und fanden endlich, das Beste wäre, einige junge Bäume aus dem besagten Hain mit Wurzel und Erde, und eine Anzahl von Fröschen aus dem besagten Teich in einer Tonne voll geheiligten Wassers mitzunehmen. Sobald sie zu Abdera anlangten, war ihre erste sorge, einen neuen Teich zu graben, welches eben dieser ist, den Sie hier vor sich sehen.

Sie leiteten einen Arm des Flusses Nestus in denselben, und besetzten ihn mit den Abkömmlingen der in Frösche verwandelten Lycier oder Milier, die sie in dem geweihten wasser mit sich gebracht. Um den neuen Teich her, dem sie sorgfältig die völlige Gestalt und Grösse des alten gaben, pflanzten sie die mitgebrachten heiligen Bäume, weiheten sie aufs neue der Latona zum Hain, bauten ihr diesen Tempel, und verordneten einen Priester, der den Dienst desselben versehen, und des Hains und Teiches warten sollte, welche sich auf diese Weise, ohne ein so grosses Wunder, als Herr Demokritus für nötig hielt, aus Lycien nach Abdera versetzt befanden. Dieser Tempel, Hain und Teich erhielt sich, vermöge der Ehrfurcht, welche sogar die benachbarten wilden Tracier für denselben hegten, durch alle Veränderungen und Unfälle, denen Abdera in der Folge unterworfen war, bis die Stadt endlich von den Tejern, unsern Vorfahren, zu den zeiten des grossen Cyrus wiederhergestellt, und, wie man ohne Ruhmredigkeit sagen kann, zu einem Glanz erhoben wurde, dass sie keine Ursache hat, irgend eine andre in der Welt zu beneiden."

Sie reden wie ein wahrer Patriot, Herr Oberpriester, sagte Euripides. Aber wenn es erlaubt wäre, eine bescheidene Frage zu tun

"fragen Siewas Sie wollen, fiel ihm Strobylus ein; ich werde Gott Lob! nie verlegen sein, Antwort zu geben."

Mit Ew. Ehrwürden Erlaubnis also! – fuhr Euripides fort Die ganze Welt kennt die edle Denkart und die Liebe zur Pracht und zu den schönen Künsten, die den tejischen Abderiten eigen ist, und wovon ihre Stadt überall die merkwürdigsten Beweise darstellt. Wie kommt es also, da zumal die Tejer schon von alten zeiten her im Ruf einer besonderen Ehrfurcht für die Latona stehen, dass die Abderiten nicht auf den Gedanken gekommen sind, ihr einen ansehnlichern Tempel aufzubauen?

"Ich vermutete mir diesen Einwurf", sagte Strobylus, mit einem Lächeln, wobei er die Augenbraunen in die Höhe zog, und mächtig weise aussehen wollte

Es soll kein Einwurf sein, versetzte Euripides, sondern bloss eine bescheidene Frage.

"Ich will sie Ihnen beantworten, sagte der Priester. Ohne Zweifel wäre es der Republik leicht gewesen, der Latona als einer Göttin vom ersten Rang einen so prächtigen Tempel aufzubauen, wie sie dem Jason, der doch nur ein Heros war, gebaut hat. Aber sie hat mit Recht geglaubt, dass es der Ehrfurcht, die wir der Mutter des Apollo und der Diana schuldig sind, gemässer sei, ihren uralten Tempel zu lassen, wie sie ihn gefunden; und er ist und bleibt demungeachtet der oberste und heiligste Tempel von Abdera, was auch immer der Priester des Jasons dagegen einwenden mag.