die seidnen Strümpfe, die er ihr zu stoppen geschickt hatte, zu überbringen – welches, wie Sie wissen, die Veranlassung zu einer zufälligen Begebenheit war, die in seiner hohen Familie wenigstens eben so grosse Bewegungen verursachte, als die unvorbereitete Erscheinung des Euripides in dem abderitischen Parterre. Wer sich über so was wundern kann, muss sich nicht viel auf die ΔΑΙΜΟΝΙΑ verstehen, wie eben dieser Euripides sagt.
übrigens, wenn wir sagten, dass der König Archelaus ein grosser Liebhaber der schönen Künste und schönen Geister gewesen sei, so muss das eben nicht so genau und im strengsten Sinn der Worte genommen werden; denn es ist eigentlich nur so eine Art zu reden, und dieser Herr war im grund nichts weniger als ein Liebhaber der schönen Künste und schönen Geister. Das Wahre davon war: dass besagter König Archelaus seit einiger Zeit öfters Langeweile hatte – weil ihn alle seine vormaligen Amüsemens, als da sind – F**, G**, H**, J**, K**, L**, M**, u.s.w. nicht länger amüsieren wollten. Überdem war er ein Herr von grosser Ambition, der sich von seinem Oberkammerherrn hatte sagen lassen, dass es schlechterdings unter die Zuständigkeiten eines grossen Fürsten gehöre, Künste und Wissenschaften in seinen Schutz zu nehmen. Denn, sagte der Oberkammerherr, Ew. Majestät werden bemerkt haben, dass man niemals eine Statue, oder ein Brustbild eines grossen Herrn auf einer Medaille u.s.w. sieht, an dessen rechter Hand nicht eine Minerva stünde, neben einem Trophee von Panzern, Fahnen, Spiessen und Morgensternen – zur Linken knien immer etliche geflügelte Jungen oder halbnackte Mädchen, mit Pinsel und Palet, Winkelmass, Flöte, Leier und einer Rolle Papier in den Händen, die Künste vorstellend, die sich dem grossen Herrn gleichsam zur Protection empfehlen; oben drüber aber schwebt eine Fama, mit der Trompete am Mund, anzudeuten, dass Könige und Fürsten sich durch den Schutz, den sie den Künsten angedeihen lassen, einen unsterblichen Ruhm erwerben u.s.w.
Der König Archelaus hatte also die Künste in seinen Schutz genommen; und dem zufolge wissen uns die Geschichtschreiber ein Langes und Breites davon zu erzählen, wie viel er gebaut habe, und wie viel er auf Malerei und Bildhauerei, auf schöne Tapeten und andre schöne Meublen verwandt; und wie alles, bis auf die Commodidät, bei ihm habe hetrurisch sein müssen; und wie er berühmte Künstler, Virtuosen und schöne Geister an seinen Hof berufen habe, u.s.w. welches alles, sagen sie, er um so mehr tat, weil ihm daran gelegen war, das Andenken der Übeltaten auszulöschen, durch die er sich den Weg zum Trone, zu dem er nicht geboren war, gebahnt hatte – wie E.E. aus Ihrem Bayle mit mehrerm ersehen können.
Nach dieser kleinen Abschweifung kehren wir zu unserm attischen Dichter zurück, den wir unter einem schimmernden Zirkel von Abderiten und Abderitinnen vom ersten Range, unter einem grünen Pavillon im Garten des Archon Onolaus antreffen werden.
Achtes Kapitel
Wie sich Euripides mit den Abderiten benimmt
Sie machen einen Anschlag auf ihn, wobei sich ihre
politische Betriebsamkeit in einem starken Lichte
zeigt, und der ihnen um so gewisser gelingen muss,
weil alle Schwierigkeiten, so sie dabei sehen, bloss
eingebildet sind
Es ist oben schon bemerkt worden, dass Euripides schon lange, wiewohl unbekannter Weise, bei den Abderiten in grossem Ansehen stunde. Jetzt, so bald es erschollen war, dass er in person zugegen sei, war die ganze Stadt in Bewegung. Man sprach von nichts als vom Euripides. – "Haben Sie den Euripides schon gesehen? Wie sieht er aus? Hat er eine grosse Nase? Wie trägt er den Kopf? Was hat er für Augen? Er spricht wohl in lauter Versen? Ist er stolz?" – und hundert solche fragen machte man einander schneller als es möglich war, auf eine zu antworten. Die Neugier, den Euripides zu sehen, zog noch ausser denen, die der Archon hatte bitten lassen, verschiedene herbei, die nicht geladen waren. Alles drängte sich um den guten glatzköpfigen Dichter her, um zu beaugenscheinigen, ob er auch so aussehe, wie sie sich vorgestellt hatten, dass er aussehen müsse. Verschiedne, insonderheit unter den Damen, schienen sich zu verwundern, dass er am Ende doch just so aussah wie ein andrer Mensch. Andre bemerkten, dass er viel Feuer in den Augen habe; und die schöne Tryallis raunte ihrer Nachbarin ins Ohr, man sehe es ihm stark an, dass er ein ausgemachter Weiberfeind58 sei. Sie machte diese Bemerkung mit einem Ausdruck von anticipiertem Vergnügen über den Triumph, den sie sich davon versprach, wenn ein so erklärter Feind ihres Geschlechts die Macht ihrer Reizungen würde bekennen müssen.
Die Dummheit hat ihr Sublimes so gut als der Verstand, und wer darin bis zum Absurden gehen kann, hat das Erhabne in dieser Art erreicht, welches für gescheute Leute immer eine Quelle von Vergnügen ist. Die Abderiten hatten das Glück, im Besitz dieser Vollkommenheit zu sein. Ihre Ungereimteit machte einen Fremden Anfangs wohl zuweilen ungeduldig; aber so bald man sah, dass sie so ganz aus einem Stücke war, und (eben darum) so viele Zuversicht und Gutmütigkeit in sich hatte: so versöhnte man sich gleich wieder mit ihnen, und belustigte sich oft besser an ihrer Albernheit, als an andrer Leute Witz. Euripides war in seinem Leben nie bei so guter